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Dieses Ackern, Rackern und Strampeln

Nur Drogen, argumentiert Günter Amendt erneut, halten das System am Laufen

Von Frank Keil

Freunde der Drogendiskussion erinnern sich noch gerne an den Fernsehauftritt Günter Amendts anlässlich der Koksaffaire um Christoph Daum. Eben noch war dem Tagesschauler das Bierglas aus der Hand gerutscht, da hatte man schon eine illustre Expertenrunde zusammen getrommelt, die aufklären sollte, warum ausgerechnet ein so eloquenter und mit dem Erfolg geradezu verheirateter Star mit beiden Beinen im Drogensumpf feststeckte. Und während man zögerlich die bekannt gewordenen Fakten zu ordnen versuchte, saß Amendt gut gelaunt da, schüttelte sein noch immer halblanges Haar und fragte schelmisch in die Runde, was man denn gedacht hätte, wie einer wie Daum das hinbekommen würde: diese ständige Präsenz, diese ständige Leistungsbereitschaft, dieses beharrliche Ackern und Rackern und Strampeln, wenn nicht durch eine gewisse wie regelmäßige Zufuhr unterstützender Substanzen. Und er hielt einen fundierten wie lakonischen Vortrag über das Kokain als Grundnahrungsmittel des Workaholic, während seine Mitdiskutanten immer mehr in sich zusammensanken.

Dass sich das so genannte Drogenproblem nicht ein für alle mal lösen, sondern bestenfalls zeitweise entschärfen lässt, ohne dass es sich am Ende auflöst und dass dafür zuerst Abschied zu nehmen ist von aller moralisierender Überheblichkeit - das ist die Botschaft, mit der Amendt nun seit drei Jahrzehnten die bundesrepublikanische Öffentlichkeit konfrontiert. Und so ist sein neues Buch No Drugs No Future denn auch nicht wirklich neu, vielmehr ein umsichtiges Update früherer Streitschriften. Seine Kernthesen: Drogen sind ein ganz normales Geschäft, so wie Drogen sich als Dämon per se eignen. Drogen lassen den Alltag ertragen, wie sie ihn gleichzeitig erhöhen. Drogen werden von denen, die das System am Laufen halten und von ihm profitieren, ebenso konsumiert wie von den dagegen heftig Protestierenden.

Drogen sind eben gleichzeitig chic und gefährlich. Drogen sind nicht zuletzt Teil des gesellschaftlichen Spiels; ob an den kargen sozialen Rändern, im wohlig-rummeligen Mittelfeld oder im eisernen Zentrum der Macht. Kurzum: Ohne Drogen geht es nicht. Das zu belegen unternimmt er diesmal einen Streifzug durch die doppelzüngige Welt der Dopingmittel und widmet sich dem obskuren Spagat der Bundesregierung, das Rauchen zu behindern und gleichzeitig gegen das beabsichtigte Werbeverbot für Tabakwaren von Seiten der EU zu klagen. Er analysiert den wachsenden Internethandel mit Pillen und Pulvern, fragt nach, warum es wem so schwer fällt, die heilende Wirkung von Hanf anzuerkennen, und beleuchtet nicht zuletzt die Zusammenhänge zwischen globalem Drogenhandel und lokalen terroristischen Strukturen im Vorfeld des elften Septembers.

Gerade in Abgrenzung zur Doppelmoral der kleinbürgerlichen Bier- und Weintrinker verwehrt sich Amendt als prinzipientreuer Liberaler entschieden dagegen, dass es so etwas wie einen politisch bösen und politisch genehmen Drogengebrauch gäbe. Etwa, wenn er das Verhalten der Medien in der so genannten Kokainaffaire um den ehemaligen Hamburger Innensenator Schill auf Grund eines mehr als vagen Verdachtes hart attackiert und mit gleicher Schärfe Schills Kollegen Roger Kusch angeht, der sich in seiner Funktion als Justizsenator grinsend dabei fotografieren ließ, als man auf sein Geheiß hin in der örtlichen JVA einen Spritzenaustauschautomaten von der Wand hebelte.

Wo der Autor dem Staat die Entscheidungsgewalt über den Drogenkonsum seiner Bürger abspricht, gestattet er umgekehrt jedem Bürger unter Beachtung der Sicherheitsbestimmungen, der Risikoabwägung und unter Hinweis auf die durchaus zugänglichen Produktinformationen den Gebrauch von Drogen und wendet sehr tricky die modische Parole von der unbedingten Eigenverantwortung des Jetztmenschen in Richtung Selbstmedikation.

Manchmal allerdings wird auch Amendt vom Alarmismus gepackt; kann der Versuchung nicht widerstehen, mittels eingestreuter Dramatisierungen den eigenen Argumentationsstrang zu untermauern zu versuchen, was gar nicht nötig wäre. Als da wären: Immer mehr immer jüngere immer öfter hyperaktive Kinder griffen immer häufiger zu psychoaktiven Substanzen, was beweise, wie nötig es sei, Prävention von Drohungen freizuhalten und vielmehr auf das Erlernen eines kompetenten Umgangs mit den Drogen zu setzen. Dem mag ja im Einzelfall so sein, doch stellt sich bei der Häufung dieser und andere sich ständig verschärfender Tendenzen - so nehme unser Sprachvermögen ab, wir schliefen immer weniger, die Kinderarmut steige - jenes ungute Gefühl ein, das so emsig Behauptete nicht in voller Gänze im eigenen Alltag zu entdecken vermögen, was durchaus Folgen für die Glaubwürdigkeit des Kontextes hat.

Dennoch und gerade trotzdem: Amendts neues Buch kann bestens als womöglich unbequeme Anregung genutzt werden, sich mal wieder einem altbekannten Thema zu widmen. Denn wer erlebt es nicht im eigenen weltoffen-liberalen Bekannten- und sogar Freundeskreis, dass über die Jahre hinweg eine gewisse Müdigkeit sich ausgebreitet hat, geht es um die Fragen von Hanf, Hasch und mehr. Man möchte nicht länger differenzieren, nicht länger abwägen und erst recht nicht länger zaudern; und der Wunsch reift, dass da mal einer käme, um wieder besseren Wissens durchzugreifen, um mit all dem Elend und noch mehr mit all dem Ungeklärten aufzuräumen - was immer das für die Betroffenen auch bringen mag. Hauptsache, Ruhe ist. Nein - sagt Amendt mit jedem Satz; nichts ist mit Ruhe. Die Droge sorgt selbst dafür, dass wir in Bewegung bleiben werden.

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