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„Ich mag seine Musik sehr, aber er ist kein Schriftsteller“: Mario Vargas Llosa über Bob Dylan.

Mario Vargas Llosa im Interview

„Diesen Satz habe ich nie verstanden. Aber ich mag ihn“

Mario Vargas Llosa über seinen neuen Roman „Die Enthüllung“, über die Lage in Peru und Kuba sowie über die Rätsel des Literaturnobelpreis-Komitees.

Von Martin Oehlen

Herr Vargas Llosa, in Ihrem neuen Roman „Die Enthüllung“ führen Sie die Leser zurück in das Peru der späten 90er Jahre. Was war das damals für ein Land?
Ende der 90er Jahre neigte sich die Diktatur des peruanischen Präsidenten Alberto Fujimori dem Ende zu. Die Atmosphäre im Land war sehr schlecht und angespannt, sie war geprägt von Terrorismus und Gegenterrorismus. Wer gekidnappt wurde, wusste nie, ob es Terroristen, Verbrecher oder Vertreter des Staates waren. Zwar war klar, dass die Diktatur nicht mehr lange andauern würde, aber es herrschte große Unsicherheit und Zukunftsangst – eine regelrechte Paranoia.

Fujimori sitzt heute in Peru im Gefängnis. Wie stellt sich die politische Lage aktuell dar?
Oh, Peru ist seit dem Jahr 2000, als die Diktatur kollabierte, in einer stabilen Situation. Mit demokratischen Regierungen, die aus mehr oder minder freien Wahlen hervorgegangen sind. Diese Regierungen hingen zwar unterschiedlichen Ideologien an, aber alle waren sich einig, die Demokratie zu bewahren. Es geht – trotz aller Probleme – politisch und auch ökonomisch voran.

Der Aufmacher in einer der letzten Wochenend-Ausgaben der Tageszeitung „El Peruano“ widmet sich dem Einsatz des neuen Präsidenten Pedro Pablo Kuczynski gegen die Korruption. Ist er der richtige Mann?
Ich kenne ihn sehr gut. Als ich im Jahre 1990 für die Präsidentschaft in Peru kandidierte, war er einer meiner Berater. Ein Wirtschaftsexperte, der übrigens auch Musiker ist. Er ist manchmal etwas exzentrisch, aber immer sehr gut vorbereitet. Ich bin ziemlich optimistisch, was seine Präsidentschaft angeht.

Sind Sie das auch in Bezug auf die politische Lage in Lateinamerika?
Da darf man nicht an ein Ideal denken, sondern daran, was vor 20 oder 30 Jahren war. Stellt man diesen Vergleich an, dann hat sich die Lage sehr verbessert. Wir haben weniger Unterdrückung als damals. Wir haben noch eine totale Diktatur auf Kuba und eine fast totale Diktatur in Venezuela, was eine Tragödie ist. Aber der Rest ist auf einem demokratischen Weg. Gefährdet ist die Demokratie allerdings dort, wo der Drogenhandel für Unsicherheit und Korruption sorgt – der ist wirklich eine enorme Gefahr.

Sehen wir Kuba nicht auch auf einem Weg der Entspannung, seit es wieder diplomatische Beziehungen mit den USA gibt?
Es gab da die Hoffnung, dass sich die Zustände langsam verbessern könnten. Aber das sehe ich überhaupt nicht. Im Gegenteil: Der Druck, den die Regierung ausübt, ist immer noch sehr stark. Und die Wirtschaft hat sich auch nicht geöffnet. Die Tatsache, dass immer noch Kubaner zu fliehen versuchen, ist ein klares Anzeichen dafür, dass die Hoffnung auf Verbesserung nicht groß ist.

Ihr Roman legt nahe, dass nicht Präsident Fujimori der wichtigste Mann im Staate war, sondern sein Geheimdienstchef, der nicht mit Namen genannte „Doktor“.
So ist dies ja oft in Diktaturen. Da gibt es zumeist neben dem Diktator eine Person, die für die schmutzigen Aufgaben zuständig ist, für Morde und andere Verbrechen. Das Motiv habe ich schon 1969 in meinem Roman „Gespräch in der „Kathedrale““ ausgeführt – damals ging es um den General Odría. Fujimori hatte in Vladimiro Montesinos, dem „Doktor“, einen besonders intelligenten Mann als „rechte Hand“. Beide befinden sich jetzt im Gefängnis für 25 Jahre.

Vladimiro Montesinos kommt wie Sie selbst aus Arequipa.
Absolut! Er stammt aus einer Anwalts-Familie, die in Arequipa sehr bekannt ist. Ich habe ihm allerdings im Roman nicht seinen richtigen Namen gegeben, sondern nenne ihn nur den „Doktor“.

Bei diesem Roman-Thema mag man auch zurückdenken an den Nobelpreis für Literatur, der Ihnen vor sechs Jahren zuerkannt worden ist. Dies geschah mit dem Hinweis, dass ihr Werk „eine Kartographie der Machtstrukturen“ sei.
Diesen Satz des Nobelpreiskomitees habe ich ehrlich gesagt nie verstanden. Aber ich mag ihn. Ich spüre, dass da etwas Richtiges drinsteckt, aber es ist schwer zu erklären.

Auf jeden Fall passt der Satz zum neuen Roman, in dem Sie Machtstrukturen beschreiben.
Vielleicht war es ja so, dass dieser Satz der Jury unterbewusst bei mir nachgewirkt und mich beim Schreiben beeinflusst hat.

In welcher Weise hat dieser Nobelpreis Ihr Leben verändert?
Man wird für mindestens ein Jahr eine Berühmtheit. Man muss da sehr stark kämpfen, um Zeit für das Schreiben zu finden. Denn es gibt jede Menge Festveranstaltungen, Buchmessen, Auszeichnungen. Aber auf der anderen Seite ist der Nobelpreis eine enorme Werbung für das Werk und führt zu vielen neuen Übersetzungen. Das ist aufregend und fantastisch für einen Schriftsteller.

Was halten Sie von Bob Dylan als neuem Literatur-Nobelpreisträger?
Er ist ein großer Sänger, aber er ist kein Schriftsteller. Ich mag seine Musik sehr, aber es gibt viele, viele Schriftsteller, die besser für diese Auszeichnung qualifiziert gewesen wären.

Der Presse stellen Sie in „Die Enthüllung“ ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Warum?
Nun, ich habe in diesem Roman zeigen wollen, wie die Diktatur schmutzige Journalisten für ihre Zwecke eingesetzt hat. Das hat es schon immer gegeben. Aber unter Fujimori war das ein besonders effektives System. Darin war Montecinos ein Genie. Der Journalismus war korrumpiert: Da wurden Artikel geschrieben, um Skandale auszulösen und Kritiker des Regimes zu erniedrigen, zu diskreditieren – also genau so, wie ich es in meinem Roman schildere. Natürlich gab es auch Journalisten, die verfolgt und ermordet wurden, aber es gab es auch viele, die von diesem System profitiert haben.

Allerdings gibt es im Roman auch eine Boulevard-Journalistin, die plötzlich die Seiten wechselt, den Terror der Regierung anprangert und sich so für die Meinungsfreiheit einsetzt.
Ursprünglich war sie nur eine Nebenfigur. Aber dann passierte das, was ich auch aus anderen meiner Romane kenne: Mehr und mehr gewann diese Figur an Bedeutung. Sie drängte mich durch ihre Komplexität einfach dazu, in dieser Geschichte präsenter zu sein als zunächst geplant. Jetzt denke ich, dass sie im Grunde die Hauptperson ist.

Sie wussten also zu Beginn nicht, wie der Roman enden würde?
Genau. Aber das passiert mir immer wieder, und ich denke: anderen Autoren auch. Man macht einen Plan, aber der verändert sich fortwährend.

Mit der Boulevard-Presse haben Sie jüngst auch in Spanien Erfahrungen sammeln können. Da waren Sie und Ihre neue Lebenspartnerin Isabel Preysler ein großes Thema.
Es stimmt, das war so. Auch in Lateinamerika. Aber langsam beruhigen sich die Dinge wieder. Glücklicherweise.

Der Roman ist nicht nur ein politischer, sondern er hat auch einen starken erotischen Akzent. Wie passt das zusammen?
Mein Eindruck ist, dass die politische Spannung im Land dazu beigetragen hat, dass die beiden Frauen aus der Oberklasse ein sexuelles Verhältnis miteinander eingehen. In Zeiten der Paranoia und der Sperrstunden öffnen sich Möglichkeiten, die in „normalen“ Zeiten nicht wahrgenommen würden. Sex wird zu einer Kompensation für die Frustration. Die beiden Freundinnen lassen sich inmitten der extremen politischen Anspannung auf eine Sexverhältnis ein, das sie in ruhigeren Zeiten wohl nie erwogen hätten.

Ihr Roman schildert das Leben in Zeiten des Terrors. Mittlerweile ist der Terror in Europa angekommen. Zwar ist es nicht der „Leuchtende Pfad“, aber der IS. Was können wir dem entgegensetzen?
Dieser Terrorismus wird gewiss nicht den Krieg gewinnen, denn es handelt sich um eine Minderheit von Fanatikern. Aber sie können immer noch Leid erzeugen. Unglücklicherweise müssen wir wohl noch eine Weile damit leben. Wir können nur so viele Vorsichtmaßnahmen wie möglich ergreifen und sie so hartnäckig wie nur möglich bekämpfen. Nur müssen wir darauf achtgeben, in diesem Kampf unsere Grundrechte nicht aufzugeben. Wir dürfen keine terroristischen Mittel einsetzen, um Terroristen zu besiegen – denn dann haben sie gewonnen. Aber ich bin sicher, dass das die gute Botschaft ist: Sie werden nicht siegen. Dafür ist das, was sie vertreten, viel zu anachronistisch.

Derzeit gibt es ein Füllhorn an Problemen – vom Krieg in Syrien bis zur Krise in der EU. Leben wir in einer besonders kritischen Phase?
Da kann ich nur Karl Popper zitieren, der auf ein ähnliche Frage geantwortet hat: Ja, wir leben in einer furchtbaren Epoche, aber bedenken Sie, dass wir noch nie so viele Möglichkeiten wie heute hatten, die großen Feinde von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden zu bekämpfen. Ich denke, damit hatte er völlig recht. Wenn man die aktuelle Herausforderung durch fanatisierte Islamisten mit der von einst durch den Kommunismus vergleicht, dann ist sie gewiss nicht annähernd so groß. Die Utopie des Kommunismus hat Millionen Menschen verführt – bis er unterging, weil er den Idealen nicht entsprechen konnte. Auch der Faschismus ist verschwunden. Und der Nationalismus, wo er sich regt, ist in meinen Augen zu unbedeutend, um eine echte Gefahr für die Demokratie zu sein. Ich finde, es gibt mehr Gründe zum Optimismus als zum Pessimismus.

Und wie steht es um Europa nach dem Brexit?
Der Brexit ist eine Tragödie für Europa, aber vor allem für Großbritannien. Das war ein dumme Entscheidung. Vielleicht wird Großbritannien untergehen – wenn es Schottland verlieren sollte, vielleicht auch noch Nordirland. Trotz dieses Problems glaube ich, dass Europa immer noch ein großartiges Projekt ist. Vielleicht ist dies sogar das ambitioniertes demokratische Projekt in der Geschichte der Welt. Wir müssen den Pessimismus bekämpfen und an diesem Europa weiterbauen. Für die Zukunft der Demokratie ist dies extrem wichtig.

Interview: Martin Oehlen

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