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Fünf Jahre hat Zilahy, heute 42, an „Schattenkiller“ geschrieben.
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Fünf Jahre hat Zilahy, heute 42, an „Schattenkiller“ geschrieben.

Mirko Zilahy „Schattenkiller“

„An diesem Buch ist nichts Brutales“

Mirko Zilahy hat mit einem Serienkiller-Thriller sehr erfolgreich debütiert. Ein gemeinsamer Spaziergang in Rom.

Von Petra Pluwatsch

Da drüben wurde die erste Leiche gefunden.“ Mirko Zilahy zeigt auf einen Flecken Grün jenseits der Straße. Hier also fand die rothaarige Nora O’Donnell aus Irland den Tod. Hinter uns ragen die Säulen der Papstbasilika „Sankt Paul vor den Mauern“ in den Himmel, vor uns rumpelt der Morgenverkehr über die Via Ostiense. Bis zum Tiber sind es nur ein paar Gehminuten. Die Diskrepanz zwischen dem Schönen und dem Schrecklichen habe ihn fasziniert, sagt Zilahy und setzt schnellen Schritts an zum Rundgang durch die Kirche. Vor dem Altar wurde 2006 das Grab des Apostels Paulus entdeckt. An den Wänden im Hauptschiff hängen die Porträts von 265 Päpsten.

Mirko Zilahy mag Orte wie diesen. Der 42-Jährige steht schon von Berufs wegen auf vertrautem Fuß mit dem Tod. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er seinen ersten Thriller, „E’ Così Che Si Uccide“, und riss damit nicht nur die Kritiker von den Stühlen. Er wurde in Italien rund 50 000 Mal verkauft, was in Zilahys Heimatland ein großer Erfolg ist. Inzwischen sind die Rechte in sechs Länder gegangen – unter anderem nach Deutschland, wo „Schattenkiller“ jetzt in deutscher Übersetzung.

Die Geschichte ist schnell erzählt und doch komplexer als manch andere ihrer Art. Mehrere Ärzte einer Krebsklinik, eine Krankenschwester, sogar ein Mönch werden Opfer eines Serienkillers. Der scheint seine Mordmethoden dem Teufel höchstpersönlich abgeschaut zu haben: Einer Psychologin wird bei lebendigem Leib die Haut abgezogen. Den Mönch findet man ausgeblutet in einer finsteren Ecke des ehemaligen Schlachthofs von Rom. Ein weiteres Opfer hat den Mund voller Tuffsteine. Da werden Ohrläppchen abgeschnitten und an Ratten verfüttert. Was mit Nora O’Donnells Herz passiert ist, das mag man sich gar nicht erst vorstellen. An dessen ursprünglichem Platz jedenfalls sitzt das Herz eines Schweins, als man ihre Leichen findet.

Zu brutal? „Nein“, sagt Zilahy. Er lächelt sanft. „An diesem Buch ist nichts Brutales. Ich sehe es eher als Dokumentarfilm. Ich will ein objektives, anatomisches Bild von dem Geschehen geben.“

Commissario Mancini kann der Mordserie ein Ende machen. Doch wie der Mörder ist auch er ein Gezeichneter. Erst wenige Monate zuvor hat er seine Frau an den Krebs verloren. Nun hadert er mit dem Alleinsein, die Tür zu ihrem ehemaligen Zimmer ist verschlossen, und das wird noch einen Weile so bleiben.

Schauplatz der grausigen Mordserie ist der Stadtteil Ostiense, ein ehemaliges Industrieviertel im Süden Roms, in dem Zilahy selber lange lebte. Wir sind weitergewandert zum alten Gasometer, einem mächtigen Skelett aus Rost und Stahl. Der Tiber dümpelt träge Richtung Meer, am Himmel drängen sich dunkle Wolken. Auch hier, im Gasometer, ließ Zilahy eines seiner Opfer sterben. In einem verlassenen Fabrikgebäude in der Nähe hat der kleine Niko, ein Flüchtlingsjunge, der auch in Zilahys nächstem Roman eine wichtige Rolle spielen wird, Unterschlupf gefunden.

All diese Gebäude seien für ihn Stätten des Todes, sagt Zilahy und weist auf den ausgemusterten Gasometer. „Allein hier sind Hunderte Menschen gestorben, weil die Arbeit so gefährlich war.“ Im früheren Schlachthof, den wir gleich besuchen werden, seien täglich bis 10 000 Tiere getötet worden. Zilahy hat sich Bücher besorgt über die Geschichte des Stadtteils und zeigt uns die Haken, an denen die Tiere aufgehängt wurden. Heute beherbergt der Schlachthof ein Museum für moderne Kunst und eine Musikschule. Für Italiens jüngsten Thrillerautor ein Zeichen dafür, dass Schönheit und Kunst den Tod besiegen können. Zumindest in der Realität.

Die „Gewalt des Todes“ erfuhr der Autor vor 18 Jahren am eigenen Leib, als seine Mutter an Krebs starb. Sein Buch sei letztendlich der Versuch, seine Trauer zu verarbeiten, erzählt er. „Es ist ein Buch für die Gerechtigkeit und gegen die Unmenschlichkeit. Ich habe die Schuldigen an ihrem Tod stellvertretend ermorden lassen.“ Und doch, sagt er, plagten ihn heute Schuldgefühle. Nein, nicht wegen der stellvertretenden Morde. „Weil ich das Schicksal meiner Mutter zum Anlass genommen habe, einen Thriller zu schreiben.“

Rund fünf Jahre rang der promovierte Literaturwissenschaftler Zilahy mit seinem Werk, und man kann sagen: Er hat viel hineingepackt. Der Text sei gespickt mit literarischen Anspielungen, verrät er im Gespräch – und ist nicht im mindesten verärgert, wenn man davon einiges nicht mitbekommen hat. „Natürlich kann man das Buch auch als reine Unterhaltungsliteratur lesen.“ Für den geschulten Leser hingegen könne es darüber hinaus eine Entdeckungsreise in die Welt der Literatur sein, sagt er. Und verweist auf die polyphone, die blitzschnell wechselnde Erzählperspektive, die er James Joyce abgeschaut habe. Was wiederum nicht verwunderlich ist. Zilahy hat einige Jahre in Dublin gelebt und war an der dortigen Universität Dozent für italienische Literatur.

Selbstredend, dass er sich beim Schreiben einiger Passagen am Sprachrhythmus von Dante Alighieri orientierte. „Ich habe die Form des Thrillers gewählt, weil er für mich die beste Möglichkeit war, die Gewalt des Todes zu schildern“, erklärt er die für einen Literaturwissenschaftler vielleicht etwas ungewöhnliche Wahl des Genres. „Aber auch Thriller können Vorbilder in der großen Literatur haben.“ Womit er natürlich recht hat.

Mirko Zilahy: Schattenkiller. A. d. Italien. v. Katharina Schmidt, Barbara Neeb. Lübbe 2016. 433 S., 15 Euro.

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