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12. Juni 1963: Vivian Malone und James Hood darf allen rassistischen Bemühungen zum Trotz nicht länger verwehrt werden, sich an der Universität von Alabama einzuschreiben.

Geschichte

„Diese Wahrheiten“ über den amerikanischen Traum: Wann hat es funktioniert?

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„Diese Wahrheiten“: Historikerin Jill Lepore erzählt von der Größe und vom ständigen Scheitern des amerikanischen Traums.

Politische Gleichheit, naturgegebene Rechte und Volkssouveränität, so hält es die Historikerin und Publizistin Jill Lepore auf den ersten Seiten ihrer monumentalen „Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“ fest, sind die drei politischen Ideen, auf denen das amerikanische Experiment beruht. Thomas Jefferson sprach 1776 in seinem Entwurf zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung davon, dass „wir diese Wahrheiten als heilig & unbestreitbar“ halten. Der Aufklärer Benjamin Franklin schlug vor, besser davon zu sprechen, dass „diese Wahrheiten selbstverständlich“ seien.

Pathos und Nüchternheit, Idealismus und Heuchelei, christliche Moral und Lüge, die Forderung nach der Gleichheit aller Menschen und Rassismus, der Kampf um soziale Errungenschaften und menschenverachtender Kapitalismus, Isolationismus („America first“) und weltweite Kreuzzüge im Namen der Demokratie – diese Stichworte prägen bis heute die Geschichte der USA. Lepores Darstellung kreist in vielen glänzenden Wendungen und kritischen Deutungen um diese „Wahrheiten“, die den Kern von Amerikas Selbstverständnis bilden. „Die Vergangenheit ist ein Erbe, ein Geschenk und eine Bürde“, schreibt sie. „Man kann ihr nicht ausweichen.“

Lepore erzählt von dem Kampf der Siedler gegen die britische Oberherrschaft, von der Gründung der Vereinigten Staaten, die wenige Jahre vor der Französischen Revolution die allgemeinen Menschenrechte und das Recht auf Glück zum Staatsprinzip erheben. Sie berichtet vom amerikanischen Bürgerkrieg und dem Weg in die Moderne der amerikanischen Gesellschaft, die von Populismus und Manipulation überwältigt wird. Ihre Geschicke werden schon früh weitgehend von einer Wirtschaftselite gesteuert, die dem Ideal der Volksherrschaft Hohn spricht. Der weiße Mann vernichtet die Urbevölkerung in blutigen Massakern, er entwürdigt Millionen schwarzer Sklaven und lässt sie im Elend verkommen. „Menschen wurden, wie Baumwolle, nach Güteklassen verkauft und beworben.“

Als nach dem Bürgerkrieg die Sklaverei offiziell abgeschafft wird, verabschieden die meisten Bundesstaaten Gesetze, die den Schwarzen nicht nur das Wahlrecht verweigern, sondern bis in die 1960er Jahre auch eine Rassentrennung festlegen, die den schwarzen Amerikanern getrennte Wohnviertel, Park- und Busplätze verordnet, ihnen lange jede Bildungsmöglichkeit verweigert und damit ihre soziale Lage dramatisch verschärft. Der Norden gewann den Bürgerkrieg, konstatiert Lepore, aber der Süden gewann den Frieden. „Die Sklaverei war keine Verirrung in einer sich industrialisierenden Volkswirtschaft, sie war deren Motor. Die Fabriken hatten mechanische Sklaven, die Plantagen hatten menschliche.“

Die aktuellen Berichte über die zahlreichen polizeilichen Übergriffe gegen Schwarze und ihre problematische soziale Stellung in der heutigen US-Gesellschaft weisen auf einen tiefverwurzelten Rassismus hin, der Amerikas Geschichte seit der Staatsgründung begleitet. Er trifft auch die asiatischen oder mexikanischen Einwanderer, die in den vergangenen zweihundert Jahren einen entscheidenden Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes geleistet haben. „Die Vereinigten Staaten“, so Lepore, „wurden als Republik geboren, wuchsen zur Demokratie heran und zerfielen schließlich in zwei Teile, weil sie nicht imstande waren, ihr Regierungssystem mit der Institution der Sklaverei in Einklang zu bringen.“

Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. A. d. Engl. v. Werner Roller. Beck. 1120 S., 39,95 Euro.

Entscheidenden Einfluss auf die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen nahmen nach der Erweckungsepoche im frühen 19. Jahrhundert die Evangelikalen, die Darwins Lehre für den Schulunterricht verboten und die Ursprünge der Nation – entgegen den Intentionen der Gründergeneration – in ein ausdrückliches Bekenntnis zum Christentum umdeuteten. „1775 hatte es in den Vereinigten Staaten 1800 Geistliche gegeben; 1845 waren es bereits mehr als 40 000.“ Sie verteidigten mehrheitlich die Sklaverei und haben bis heute das bigotte, rassistische und das wissenschaftliche Erkenntnisse verleugnende Denken des konservativen Amerika tief beeinflusst. Auch der Antisemitismus Amerikas beruht nicht zuletzt auf der christlichen Orthodoxie der Evangelikalen. Trump konnte die Wahlen von 2016 nur gewinnen, weil deren Geistliche seine besten Wahlkämpfer waren.

Lepores besonderes Augenmerk gilt dem mutigen Kampf der amerikanischen Frauen um Gleichberechtigung, den sie mit großer Sympathie und berechtigter Empörung beschreibt. „Das Wort ,Feminismus‘ tauchte in den 1910er Jahren im englischen Sprachraum auf, als eine Generation unabhängiger Frauen ... für gleiche Schulbildung, Chancengleichheit, gleiche Staatsbürgerschaft, Gleichberechtigung und nicht zuletzt für Geburtenkontrolle kämpfte.“

Die Moderne bringt Amerika den mit neuer Wucht sich entwickelnden Einfluss der Medien, die Meinungsforscher und die übermächtigen politischen Berater. Die Manipulation der Wähler beginnt die Präsidenten- und Kongresswahlen in einem Ausmaß zu bestimmen, das mit den Idealen der Volksherrschaft nur noch wenig zu tun hat.

Als der Schriftsteller Upton Sinclair für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien kandidierte, veröffentlichte die „Los Angeles Times“ täglich einen Kasten mit Zitaten des Autors, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen seinen Romanen entnommen waren. Sie sollten ihn als Kandidaten diffamieren, der alle bürgerlichen Werte verleugnete. „Als ich Tag für Tag diesen Kasten las, wurde mir klar, dass die Wahlschlacht verloren war.“

Die amerikanische Geschichte des 20. und frühen 21. Jahrhunderts, die Welt der Roosevelts und Trumans, der Nixons, Bushs und Clintons, die Jahre der Rettung Europas vor dem Faschismus und des Kalten Krieges, die amtlichen Lügen, die zum Watergate-Skandal und zum Gewaltchaos im Irak und in Afghanistan führten, sind heute präsenter als die Zeit, die viele Grundlagen für das dann Folgende legte. Jill Lepore beschreibt diese Epochen mit einem von großer Liberalität und leidenschaftlicher Ursachenforschung bestimmten Gespür für die Größe und das Scheitern des amerikanischen Traums.

Ihre Geschichte Amerikas endet im Jahr 2016 mit der Wahl von Donald Trump. Eine Wahl, „die die Nation beinahe in zwei Teile zerrissen“ hat. „Aber die Reue muss auf einen späteren Tag warten. Ebenso wie das Gegenmittel.“

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