1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Diese tausend Gefühle

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Jean-Claude Kaufmann befragt die Liebe am Morgen danach

Nehmen wir Anna. Sie ist 28 Jahre alt, Psychologin und lebt in einer Beziehung mit Érik. Ihre erste Nacht mit ihm liegt neuneinhalb Monate zurück. Vor dieser Nacht hatte sie Érik schon zwei Jahre lang gekannt, obwohl sie nachträglich auch mal behauptet, es seien zehn Jahre gewesen. Wie erlebt sie den ersten Morgen danach, wie ist es, als sie in seinem Bett neben ihm - und früher als er - die Augen aufschlägt? "Ich blieb einfach liegen, bewegte mich nicht und wartete, bis er aufwachte." Sie fühlt sich gut. Dann jedoch schaut sie sich in Ériks Zimmer um, nimmt das eine oder andere genauer unter die Lupe. An der Wand hängt eine lange Liste von Namen, auf der Érik seine weiblichen Eroberungen wie Trophäen verzeichnet hat. Ganz unten auf der Liste steht ihr Name: "Anna".

Eigentlich will sie diesen "Kindereien" nicht viel Aufmerksamkeit schenken. "Daran habe ich dann aber doch herumgegrübelt!" Da sie sich gut fühlt und sich vorstellen kann, mit Érik zusammenzubleiben, "zwingt" sie sich, den Blick von der Liste abzuwenden. Sie will die "positive Grundstimmung" nicht verderben. Später folgen Unannehmlichkeiten anderer Art. Érik wacht auf, und Anna überlegt, wie sie nun aufstehen soll. Einfach nackt bleiben? Sie schämt sich, findet ihren Körper bei Tageslicht eher hässlich. Auch der Gang aufs Klo bereitet ihr Probleme, da sie nicht will, dass er ihre "Geräusche" hört. Und trotzdem: "Ich wollte, dass das mit uns weitergeht", da hier, wie sie auch sagt, etwas Gestalt annimmt, "das wir bereits aufgebaut hatten".

Folgt man dem französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann und seiner neuen Studie Der Morgen danach. Wie eine Liebesgeschichte beginnt, dann eignen sich Fallgeschichten wie die Annas gut, um etwas über die verborgenen Wege partnerschaftlicher Zweisamkeit in der Gegenwartsgesellschaft herauszufinden. Vor allem junge Leute hat Kaufmann nach ihren Erfahrungen mit dem Morgen danach befragt, hat sie selbst intimste Details ausmalen lassen: Wie fühlt es sich an, neben ihm aufzuwachen? Was hat sie für Unterwäsche? Welche Bilder hängen an seiner Wand? Wie lange schläft sie? Es sind diese banalen Fragen, die sich am Morgen danach mit großer Dringlichkeit stellen, da hier "in Wahrheit" das ganze Leben auf der Kippe steht.

An diesem Morgen nämlich, meint Kaufmann, entscheidet sich in der Regel, ob ein Paar zusammenbleibt oder nicht, da erst jetzt die Zeit vorhanden ist, um das Geschehen zu überblicken und durch den Wirrwarr der Gefühle hindurch die Tragfähigkeit der Beziehung zu "testen". Ein Test, eine Experimentierphase, ein Versuch herauszufinden, ob man dabei ist, die richtige Wahl zu treffen. Allerdings leugnen viele der Befragten im Nachhinein gerade diesen Aspekt der mehr oder weniger bewussten Entscheidung, der Wahl. So auch Anna. Ihrem "ich wollte, dass das mit uns weitergeht" stehen Äußerungen gegenüber, nach denen sich alles "von selbst ergeben" hat, als sei der Morgen danach bloß die Fortsetzung einer langen Freundschaft gewesen.

Um zu verstehen, was das bedeutet, führt Kaufmann am Ende seiner Studie, leider reichlich spät, drei Modelle der Liebe ein. Da ist zum einen das "traditionelle" Modell der arrangierten Ehe. Auf der Basis ökonomischer Aspekte entscheiden andere, in der Regel die Eltern, welche Partner füreinander in Frage kommen. Dieses Modell wird durch das "romantische" Modell abgelöst, das gegen das traditionelle Modell rebelliert. Denn hier sind es nicht mehr andere, die den Partner auswählen, es ist vielmehr ein schicksalhaft auftretendes überschwängliches Gefühl, das die Liebenden im besten Fall lebenslang aneinander bindet. Der andere wird dabei bedingungslos idealisiert.

Dieses romantische Modell wird nun in der Gegenwart durch ein "pragmatisches" Modell ersetzt. Die Gespräche über den Morgen danach verraten, dass es am Anfang einer Beziehung nicht mehr das eine große Gefühl gibt, dass in der Lage ist, alle negativen Aspekte des anderen zu überblenden. Stattdessen stehen heute "tausend kleine Gefühle" am Anfang, tausend kleine Entscheidungen auch, die die Beziehung schon am Morgen danach verwirren.

Für Kaufmann wird die Liebe damit realistischer, gerät sie doch in die Lage, dem anderen genauer zu folgen als das idealisierende Modell der Romantik. Zugleich aber stellt er fest, dass die Paare dieser Pragmatik des eigenen Tuns nicht ins Auge blicken. Sie neigen "paradoxerweise" zu einer "Reaktivierung der traditionellen Position" und tun so, als wären sie schon immer zusammen gewesen oder als wäre die schließlich erfolgte Bindung nur der Vollzug eines schon vorher feststehenden Schicksals. Kaufmann sieht hier ein Problem: Dem gemeinsamen Bekenntnis zum vorherbestimmten Schicksal fehlt das emanzipatorische Element der Romantik. Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem die Beziehungen so offen, so gegenwärtig, so situativ und damit auch so entscheidungsabhängig geraten wie nie zuvor, fliehen die Paare in ein "so ist es nun mal" - Kaufmann hört es oft genug -, dessen Absurdität doch eigentlich offenbar sein müsste.

Aber wie es aussieht, lässt sich das Moment der schicksalhaften Vorherbestimmtheit nicht so leicht aus der Liebe streichen. Zu sehr scheint auch uns noch die Unverfügbarkeit der Partnerwahl für das Gelingen der Liebe wesentlich zu sein. Vielleicht haben wir es hier mit einer Illusion zu tun; aber es sieht so aus, als wäre dies eine Illusion, die für das Überleben der Liebe in ihrer uns bekannten Form unabdingbar ist. Die eigentliche Gefahr, die der Liebe droht, ist vielleicht gar nicht der Glaube daran, dem anderen von unsichtbarer Hand zugeführt worden zu sein, sondern die gegenwärtig beobachtbare Entgrenzung der Arbeit, die Vermischung von Privatem und Ökonomischem, die der Liebe, ob nun der romantischen oder der nachromantischen, den Raum entzieht, in dem sie sich einigermaßen geschützt entfalten kann.

Kaufmann beschreibt in seiner Studie eindrücklich die Widersprüche, in die wir unmerklich geraten, wenn wir beschreiben, was wir tun. Gut getan hätte dem Buch ein bisschen mehr an institutioneller Realität. Wir müssen heute in der Tat vieles entscheiden, tagtäglich. Aber kann es nicht sein, dass uns der Gedanke unerträglich ist, nun auch noch in der Liebe alles entscheiden zu müssen? Kann es sein, dass die Liebe das nicht aushält?

Auch interessant

Kommentare