SABINE FRANKE

Oh, diese Rückenkurve

Geld, Kokain und schöne Männer: Alan Hollinghurst nimmt sich mit Hochgenuss die Thatcher-Ära vor

Es ist das gute alte Märchen von der britischen Klassengesellschaft, die doch einmal jemanden von unten nach oben lässt: In Oxford verliebt sich ein junger Mann heimlich in seinen Studienfreund, einen durch und durch heterosexuellen Ruderer. Der ist atemberaubend schön und stammt aus einer Familie, die einen großen Namen trägt und viel Geld und Besitz angehäuft hat. Der mittellose junge Liebende wird in ihr Herrenhaus eingeladen. Bald weiß er, wo der Schlüssel zum Champagnerkeller hängt, außerdem vertraut ihm die Schwester des Angeschmachteten lauter Intimitäten an. So nimmt das Unheil seinen Lauf, und schon hat man einen ordentlichen Gesellschaftsroman.

Vieles an Die Schönheitslinie, dem vierten Roman des 1954 geborenen Booker-Preisträgers Alan Hollinghurst erinnert an Evelyn Waugh und E. M. Forster. Um "ein Sittenstück des 20. Jahrhunderts" handle es sich, befand der Evening Standard, und so altmodisch diese Kategorisierung anmutet, so zutreffend ist sie. Der Roman spielt zur Zeit der Thatcher-Regierung. Wer da jedoch Sprödigkeit erwartet, wird von Hollinghurst eines Besseren belehrt.

Man hat sie vermisst, die glamourösen Shiny-happy-people-Romane über die achtziger Jahre, in denen die Protagonisten nicht nur shiny und happy, sondern auch verkokst und verdorben waren. Hollinghurst hat nicht nur das rasante Lebensgefühl der glitzernden 80er virtuos wiedererstehen lassen. Er ist auch seiner Mission treu geblieben, der englischen Literatur ganz unverdruckst die schwule Sicht des britischen Gesellschaftslebens beizumischen.

Besitztum ist Vernachlässigung: Man hat einen Holzlagerplatz und weiß es nicht

Nick Guest zieht im Jahr 1983 in das Haus des Tory-Abgeordneten Gerald Fedden im feinen Londoner Stadtteil Notting Hill. Ursprünglich stammt er aus der Provinz, hat aber in Oxford nicht nur eine exquisite Bildung erworben, sondern auch die Freundschaft des von ihm angebeteten Politikersohns Toby. Nick fühlt sich als Sohn eines Antiquitätenhändlers im Umgang mit der Upper Class anfangs unsicher, merkt aber bald, dass viele Dinge, mit denen die Reichen sich umgeben, ihm besser vertraut sind als ihren Besitzern. Besitztum, so rückt er bald seine Definition gerade, "zeichnete sich durch eine Art Vernachlässigung aus - man hatte einen Holzlagerplatz und wusste nichts davon." Und wenn seine neuen Bekannten eine Konzertpianistin engagieren, weiß er als einziger zu beurteilen, was Qualität ist: "Nina hatte eine schlimme linke Hand. Den Anfang von Chopins Scherzo Nr. 2 spielte sie wie ein Motorradkurier, der seine Maschine anwarf."

Nick bleibt vier Jahre bei den Feddens. Als bekennender Homosexueller wird er dazu auserkoren, auf Tobys freizügige Schwester Catherine aufzupassen, für die er als Lästerkumpan auch bald unentbehrlich wird. Mit einem feinen Gespür für das richtige Benehmen bewegt er sich unter den Reichen bald wie ein Gleicher unter Gleichen. Vor allem fasziniert ihn die Kunst ihrer Gesprächsführung - er selbst verfasst eine Doktorarbeit über den Stil von Henry James. Am meisten bewundert er Tobys Mutter Rachel für ihren Konversationsstil, "die vornehme Ökonomie ihrer Sprechweise, ihre Art, nichts zu sagen, außer durch angedeutete Nuancen von Zustimmung und Widerspruch".

Tatsächlich ist Die Schönheitslinie, unter anderem, ein Roman über den richtigen Ton und die feinen Nuancierungen, mit denen der Engländer selbst in so klitzekleinen Wörtchen wie "Oh!" einen Menschen vom Sockel der Selbstsicherheit in die gesellschaftliche Gosse zurückverweisen kann, aus der er sich emporgemüht hat.

Nick lernt in dieser Zeit auch die Codes und Umgangsformen der Schwulenszene kennen. In einem kleinen Privatpark, zu dem nur die Bewohner der angrenzenden Anwesen Zutritt haben, hat er zum ersten Mal Sex. Nick fällt es nicht ganz leicht, Leo, einem verführerischen Schwarzen, seine Begeisterung für die Feddens begreiflich zu machen, deren Familienfeste "Parteitagen" der Konservativen gleichen.

Denn Gerald Fedden ist, wie sein gesamter Bekanntenkreis, hingerissen von Margaret Thatcher. Er ist in ihre blauen Augen "verknallt" und will unbedingt, dass die Premierministerin einmal sein Haus als Gast beehrt. In einem fast abergläubischen Akt gelingt es ihm schließlich, Maggie herbeizubeschwören, indem er eigenhändig die Haustür in Tory-Blau umstreicht. Die Parteiführerin wird selbst von den aufstrebenden Jung-Konservativen in Nicks Alter angehimmelt. Er kennt einige dieser "New Tories" von der Universität und weiß, dass auch sie schwul sind - ohne dies jedoch zu zeigen.

Wani Ouradi, dessen Liebhaber Nick wird, ist einer von ihnen. Wanis Vater, ein Libanese, hat mit einer Supermarktkette ein Vermögen gemacht und unterstützt die konservative Partei mit Millionenspenden. So ist er zwar in den Dunstkreis der höchsten Tories aufgestiegen, wird aber in der High Society auf die feine englische Art als "Araber" verachtet.

Während Wani zum Schein verlobt ist und sich als Immobilienmakler betätigt, treibt Nick in der Szene Bettpartner und Kokain für ihn auf. Gemeinsam planen sie eine luxuriöse Zeitschrift namens "Ogive" - eigentlich die kunsthistorische Bezeichnung für einen Spitzbogen. Nick ist von der Form der Ogive begeistert, weil er darin William Hogarths Idee der "Schönheitslinie" erkennt. Immer wieder stößt Nick auf schöne Dinge, denen diese ideale ästhetische Form innewohnt: "Er fuhr mit der Hand über Wanis Rücken. Dieses beste Beispiel für eine Kurve".

Schönheitskurven konsumiert er auch immer häufiger in Form einer Linie erlesenen Kokains, um dann das Gefühl zu genießen, "in einem angenehmen Kokon aus gesellschaftlicher Galanterie und guter Laune dahinzuschweben". Als die Premierministerin endlich bei den Feddens auf dem Kanapee sitzt, fühlt er den Höhepunkt seiner gesellschaftlichen Integration gekommen. Er tut das Unglaubliche und fordert die Frau "mit dem mütterlich wirkenden Nackenwulst" zum Tanz auf. Maggie Thatcher hat "ein paar Whiskeys im Leib" und schreitet auf der Stelle und "ziemlich sexy" zur Tat. Die Gegensätze sind vereint.

Am Ende bleibt doch nur der gewöhnliche Triumph einer Affäre

Danach kann es nur noch bergab gehen. In der strahlenden Fassade einzelner Tory-Prominenter zeigen sich Risse, man stolpert über Geldgeschäfte und sexuelle Eskapaden. Auch Nicks Leben verliert an Glanz. Leo ist an Aids gestorben, auch Wani zeigt plötzlich untrügliche Zeichen der furchtbaren Krankheit. Alle Erotik und Lebensenergie scheint nun in sich zusammenzufallen, auch kann Nick mittlerweile dem "Eindruck des Skandalösen, der Originalität, der dem Sex mit einem Mann anhaftete", nicht mehr viel abgewinnen, endet doch alles immer wieder nur im "gewöhnlichen Triumph einer Affäre."

Jede Form der Schönheit, die sich ihm darbot, hat er ausgekostet, keine schmiedeeiserne Schnecke und keinen Tapetenkringel ausgelassen. Zuletzt erweist sich auch sein Gastspiel bei den Feddens lediglich als ein Ornament, ein Lebensschnörkel. Als Besitzloser hat Nick auf ideelle Werte gebaut. Ebenso beharrlich, wie er sich im Leben auf die Schönheit verlässt, hat er sich auch auf die Freundschaft der Feddens verlassen. Als Geralds Karriere ins Schlingern kommt, werfen die Feddens der Öffentlichkeit reflexartig Nick als Sündenbock vor. Die Presse verbeißt sich in dessen angebliche homosexuelle Orgien in Geralds Haus.

Nicht zuletzt ist dies ein Buch über das Berauschtsein. Während andere dem Maggie-Thatcher-Rausch frönen, erliegt Nick dem jenes Glücks, das von Geld, Männerliebe, Kokain und einer kunstvollen Sprache ausgeht. Nick ist von Beginn an ein ambivalenter Protagonist, der sich mit durchaus fragwürdiger Selbstverständlichkeit nimmt, was er kriegen kann. Das lässt ihn nicht im besten Licht erscheinen, doch liegt hier der Kern aller Gesellschaftsromane begraben, nämlich die Frage: Wer hat eigentlich das Recht auf Glück gepachtet?

Erst als der Rausch verflogen ist, kristallisiert sich heraus, dass es nicht nur um Schönheit geht, sondern auch um nobles und heimtückisches, um stilvolles und vulgäres Verhalten. Nicks Gier erscheint dabei jedoch als lässliche Sünde. Wer so naiv die Schönheit liebt, erscheint fast schon wieder unschuldig. Aber nur fast. Hollinghursts wundervoller Roman endet damit, dass Nick den Schlüssel zum Privatpark zurückgeben muss. Das Tor ist wieder verriegelt.

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