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Der Schriftsteller um 1988, selbstredend an der Ostküste.

John Updike "Die Tränen meines Vaters"

Dies Ungeheuerliche

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Der Vergänglichkeit ins Auge blickend und doch überrumpelt: Gerde erscheinen John Updikes letzte Erzählungen. 18 Mal geht es unsentimental und ohne Bitterkeit um Familien. Paare vor und nach der Scheidung, Menschen, die ihrer Arbeit und ihren Seitensprüngen nachgehen, aber allemal Nachkommen haben.

Vom Weltall aus betrachtet und in den Erzählungen des amerikanischen Schriftstellers John Updike liegt zwischen dem Leben und dem Tod, der Jugend und dem Alter, der Liebe und der Ernüchterung nicht mehr als ein Punkt. „Sie waren siebzehn und achtzehn; ihr fünfzigstes Jahrgangstreffen war unausdenklich fern. Jetzt war es da, im Veranstaltungsraum des Fiorvante’s, eines Restaurants in West-Alton … .“ So steht es in „Der Spaziergang mit Elizanne“, die Updikes Lesern ein Wiedersehen mit seiner stark gealterten Figur David Kern beschert. „Elizanne, wollte er sie fragen, was hat es zu bedeuten, dies Ungeheuerliche, dass wir Kinder waren und jetzt alt sind und nebenan vom Tod wohnen?“

Etliche der nun zusammengefassten späten Erzählungen Updikes sind schon in den vergangenen acht, neun Jahren in amerikanischen Zeitschriften zu lesen gewesen. Aufsehen erregten etwa 2002 die „Spielarten religiöser Erfahrung“, eine dichte Zusammenfassung der Anschläge vom 11. September aus vier Perspektiven: ein Zeuge, ein Mann im Turm, ein Attentäter, eine Frau in jenem vierten Flugzeug, das über Pennsylvania abstürzte. In der zeitlichen Entfernung wirkt das fast plakativ und zu naheliegend, zugleich ergreift die Intensität der einzelnen Momente weiterhin. Denn es ist am Ende egal, ob die Passagierin sich mit ihrem Nachbarn vergnügt über Rugby unterhält oder ob anderswo ein Paar sich in spanischen Straßen über den Weg streitet oder vor langer Zeit ein Kind weiß, dass seine Eltern es mehr lieben als alles andere auf der Welt: Immer braucht Updike wenig Platz, um ein anderes Leben umfassend zu eröffnen. Das geschieht zudem so lautlos, dass dem Leser erst hinterher auffallen wird, wie viel er nun über diese eben noch Fremden weiß. Die Erzählungen in „Die Tränen meines Vaters“ spielen sich zwischen dem Skizzen- und dem Romanhaften ab. Das macht sie dem Leben so verteufelt ähnlich. Durch das Tempo, das Erzählungen zwangsläufig vorlegen, wird es quasi objektiviert: Dem Einzelnen kommt es endlos vor. Davon kann aber keine Rede sein.

Dass der Band jetzt auf Deutsch postum erscheint, gibt ihm die besondere Note eines Vermächtnisses und lässt das ohnehin stark Autobiografische mit dem Erzählerischen erst recht ineinanderfließen. Dass der 2009 mit 76 Jahren verstorbene Autor den Band noch seinen Enkelkindern widmen konnte – 14 Enkelkindern –, macht ihn wahrlich selbst zu einer Figur aus seinen Geschichten.

Denn 18 Mal geht es nun unsentimental, aber auch ohne Bitterkeit um Familien, Paare vor und nach der Scheidung, Menschen, die ihrer Arbeit und ihren Seitensprüngen nachgehen, aber allemal Nachkommen haben, nicht nur Väter, sondern meistenteils Großväter sind (oder Enkel). Die an der Ostküste leben und Europa gesehen haben, passabel kultivierte Amerikaner. Updikes Figuren waren schon immer vom Tode umfangen. Jetzt sehen sie nicht unbedingt dem Tod, aber doch der Vergänglichkeit ins Auge. Sie staunen so über das Altern, wie der nachdenkende Mensch nur staunen kann.

Die Titelerzählung beginnt in dem Moment, in dem ein junger Mann begreift, wie er ins Leben hinausgeht, während sein Vater zurückbleibt. Einen Doppelabsatz später ist aus dem Sohn ein älterer Mann geworden. Denn es passiert hier selten etwas. Aber manchmal dann doch. Eine Frau merkt, dass sie Krebs hat. Ein Paar trennt sich. Ein Paar findet sich. Updike braucht keine besonderen Effekte, um damit Effekt zu erzielen. So endet die letzte Erzählung seines letzten Erzählungsbandes: „Meine lebensverlängernden Pillen in der linken Hand, hebe ich das Glas, das Wasser darin mild vom kurzen Warten auf dem Marmorwaschtisch. Wenn ich die Gedanken dieses sonderbaren alten Kerls richtig lese, bringt er gerade einen Toast auf die sichtbare Welt aus, sein bevorstehendes Verschwinden aus ihr sei verdammt.“

John Updike: Die Tränen meines Vaters. Erzählungen. Aus dem Engl. von Maria Carlsson. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010, 368 Seiten, 19,95 Euro.

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