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Hand in Hand bei der Heuernte nach dem Zweiten Weltkrieg.
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Hand in Hand bei der Heuernte nach dem Zweiten Weltkrieg.

Roman

Die Welt der Wilhelms

  • VonCornelia Geißler
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Der Herrenmensch daheim: Henning Ahrens’ Roman „Mitgift“ erzählt von einer beklemmenden Familienkonstellation, neigt allerdings dazu, uns mehr zu verwirren als nötig.

In seinem Roman „Mitgift“ erzählt Henning Ahrens, 1964 geborener Schriftsteller und Übersetzer großer US-amerikanischer Autoren wie Richard Powers und Jonathan Safran Foer, von seiner Familie. Das sagt er im Nachwort. Er hat den Figuren andere Namen gegeben. Und das eine zentrale Ereignis vom August 1962, das im Buch über viele Kapitel forterzählt wird, hat sich später zugetragen, zu seiner Lebenszeit. Er hat es für den Roman vorverlegt, was auch den Konflikt, um den es geht, stärker wirken lässt.

Es geht um eine Gutsbesitzerfamilie, die in Niedersachsen auf dem platten Land seit 300 Jahren denselben, zeitweise florierenden, Hof bewirtschaftet. Der älteste Sohn erhält immer den Namen Wilhelm, was einer Tradition entspricht, beim Erzählen allerdings Verwechslungsgefahr birgt. Wilhelm Leeb senior, den wir schon im ersten Kapitel kennenlernen, ist in früheren Episoden noch ein junger Mann. Sein Sohn, der als Kind Willem genannt wurde, besteht später darauf, auch Wilhelm zu heißen. Der Senior hatte sich freiwillig als Offizier zum Zweiten Weltkrieg einziehen lassen, und während die Alliierten immer näher rückten, räumte die daheimgebliebene Verwandtschaft seine Gewehre und womöglich gefährliche Dokumente aus dem „SA-Zimmer“.

Auch wenn er Ende der vierziger Jahre als „entnazifiziert“ gilt, bleibt Wilhelm Leeb senior ein Herrenmensch auch zu Hause. Er tyrannisiert seine Frau, will die Söhne zu Härte erziehen. Der Titel „Mitgift“ kommt einerseits im üblichen Sinne zur Geltung, denn es zieht sich durch die Generationen, dass die Haupterben des Hofs besitzmehrend heiraten sollen.

Die Frau, die Henning Ahrens als Gegenposition inszeniert, die in einfachen Verhältnissen lebt und ihr Geld als „Totenfrau“ verdient, indem sie Leichname wäscht und einkleidet, die darf mangels Mitgift nicht in diese Familie. Von ihr kommt ein Draufblick auf die Verhältnisse, während sonst aus ihnen heraus erzählt wird.

Zur Ehefrau wurde eine andere dank ihres Geldes, im Fortschreiten der Zeit verliert sie allerdings an Attraktivität. Um Liebe geht es hier sowieso selten – sondern entweder um ihre völlige Abwesenheit oder um schnell entflammtes Begehren, denn den Wilhelms wird über Generationen nachgesagt, leichtfertig Kinder in die Welt zu setzen. Damit hat die „Mitgift“ auch im übertragenen Sinne zu tun: Ahrens versucht offenbar ein vererbtes Verhaltensmuster zu zeigen von Männern, die sich nehmen, was sie wollen.

Das Buch

Henning Ahrens: Mitgift. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2021. 352 Seiten, 22 Euro.

Schon anno 1895 heißt es über den Hofnachfolger Willi: „Er strotzte nach den Jahren in Uniform vor Selbstbewusstsein und wusste vieles zu erzählen, was junge Frauen im Dorf staunen ließ.“

Ahrens gelingen eindrucksvolle Charakterisierungen, oft szenisch und mit bildhafter Sprache erzählt. Etwa wenn alle bei der Heuernte Hand in Hand arbeiten, derweilen in den Silberpappeln am Rand des Feldes „die Blätter wie Diamanten“ funkeln. Bereit, sich von den Ochsen fressen zu lassen, legt sich der Junge Willem in die Futterkrippe, „doch als ihm ein muffig-warmer Atem ins Gesicht schlägt, reißt er die Augen auf. Er fügt sich in sein Schicksal, harrt des Maules, das ihn verschlingen wird“.

Jedoch macht Henning Ahrens es uns schwer, beim Lesen zu den Figuren einen Draht zu finden. Das liegt an den nicht chronologisch mal tiefer, mal kürzer springenden Rückblicks-Kapiteln, die jeweils in ihrer eigenen Gegenwart erzählt sind. Nur selten ist schlüssig, warum er gerade welche Episode einsetzt, als hätte er wahllos in einen Baukasten bereits formulierter Kapitel gegriffen.

Das ist schade, denn der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Wilhelm senior und dem Nicht-mehr-Willem hätte den Roman auch so getragen. Die Entwicklung, die der Junge durchmacht, vom bewundernden Sohn über den Zweifler zum Erwachsenen, der ahnt, dass er die Rolle nie verlassen kann, die ihm der Vater zugewiesen hat, ist stark erzählt, mit all der Tragik und all den Versuchen des Aufbegehrens.

Der Senior, und auch das spricht für den Erzähler Ahrens, hat bei all seiner Überheblichkeit auch Demütigung erfahren. Mit Kriegsende musste er lernen, als NSDAP-Mitglied und SA-Angehöriger dem falschen Glauben angehangen zu haben, in der Gefangenschaft fürchtet er oft ums blanke Leben. Doch bald wird Wilhelm senior seiner Familie unfreiwillig komisch vorwerfen: „Ich habe tausend Läuse zerdrückt, und was habt ihr unterdessen getan?“

Nach seiner Auffassung mangelte es nicht an Geld oder Saatgut: „Keine Tatkraft, kein Wagemut, keine Visionen – das ist euer Problem.“ Ein Ekel von einem Mann.

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