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In Granada sind Johanna und Philipp der Schöne nebeneinander begraben.
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In Granada sind Johanna und Philipp der Schöne nebeneinander begraben.

Alexa Hennig von Lange „Die Wahnsinnige“

„Die Wahnsinnige“: Und auch ihr Nachthemd flatterte

  • vonStefan Michalzik
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Ein Roman wie seine eigene Verfilmung: Alexa Hennig von Langes „Die Wahnsinnige“.

Ihrer Tobsuchtsanfälle wegen ist Johanna I. von Kastilien (1479-1555) einst mit dem Beinamen „Die Wahnsinnige“ bedacht worden und so in die Geschichtsschreibung eingegangen. Auch der neue Roman von Alexa Hennig von Lange heißt so, zeichnet aber ein völlig anderes Bild der verhinderten Regentin über das spanische Weltreich. Zur Raserei hatte sie demnach jeden Grund. Ohnehin ist umstritten, in welcher geistigen Verfassung sie war. Eingesperrt wurde sie vermutlich eher aus machtpolitischem Kalkül.

Gleich mit ihrem Debütroman „Relax“ (1997) avancierte die seinerzeit 24-jährige Alexa Hennig von Lange zur Erfolgsautorin. Heute gehört der Text mit seiner scheinbar „authentischen“ Binnensicht deklassierter Jugendlicher und eingehender Schilderung ihrer Drogenexzesse und Sexualpraktiken zum Kanon der Popliteratur dieser Zeit.

Eine Frau von heute

So unterschiedlich die Sprache, hier der stilisierte Jugendslang, da ein konventioneller Erzählton – es handelt sich bei dem neuen Roman wie schon bei „Relax“ im Kern um die Geschichte einer schauderhaften Liebe. Hennig von Lange erzählt von den Bestrebungen Johannas nach einer, sagen wir: weiblichen Selbstermächtigung. Wenn sich dieser Begriff auf ihre Johanna anwenden lässt, liegt das daran, dass diese eine Frau des 21. Jahrhunderts ist, die in ein historisches Umfeld verpflanzt wurde.

Das funktioniert – ein Ausweis von erzählerischer Kunstfertigkeit – insofern, als es Hennig von Lange gelingt, etwaige Brüche um den Gegensatz der Zeiten zu vermeiden. Um den Preis, dass der historische Hintergrund, die machtpolitischen Ränke wie besonders auch die Drastik der Inquisition, schemenhaft bleiben. Dass „Die Wahnsinnige“ kein historischer Roman ist, drängt sich auf, der Klarstellung der Autorin im Nachwort hätte es im Grunde nicht bedurft.

Das Buch:

Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige. Roman. DuMont Buchverlag, Köln 2020. 208 S., 20 Euro.

Man hört den Soundtrack

Im Fokus steht die Liebe Johannas zu Philipp dem Schönen. Aus Machterwägungen ist sie mit ihm verheiratet worden, gleichwohl entflammt sie für ihn auf den ersten Blick. Dass Philipp Mätressen hat, will Johanna ebenso wenig hinnehmen wie die Intrigen, mit denen er die ihr zustehende politische Macht an sich reißen will. Das Buch ist dabei so szenisch geschrieben, dass es sich wie seine eigene Verfilmung liest. Man hört förmlich den Soundtrack mit den Mozartstreichern dazu, wenn Wendungen in reinen Kitsch gleiten: „Der leichte Wind geht durch ihr langes Haar und auch ihr Nachthemd flatterte.“

Diese Johanna ist eine Grundgute, die melodramatisch Unschuldige in einer Welt des Unrechts und der Grausamkeit. Die Katholikin verweigert sich dem Gebet und der Beichte – in einer Zeit, in der Menschen für so etwas gewöhnlich auf den Scheiterhaufen kommen. Nicht um ihrer selbst willen ist sie auf die Macht bedacht, sondern um die Welt – so ihre sozialrevolutionäre Hoffnung – zu einem friedlicheren und gerechteren Ort machen zu können. Dann wieder erliegt sie der Verführungskraft des an ihr nicht ernstlich interessierten Mannes, und es folgen 14 Tage Sex, ohne dass sie das Zimmer verlassen und mit einigermaßen explizit beschriebenen Szenen.

Ihre frauenrechtlerische Motivation bewahrt Hennig von Langes Johanna außerdem nicht vor weiblichen Rollenempfindungen und -klischees. Als ihr die Aussicht auf die Herrschaft über das Weltreich wie zugleich auch der geliebte Mann erneut zu entgleiten drohen, fragt sie sich, ob „eine einzige Beständigkeit in ihrem Leben“ nicht genügt: die Liebe zu ihren Kindern. Der Sohn, der später an ihrer Stelle den Thron besteigt, hält sie weiter in Verwahrung.

Dabei scheint sie am Ende des Buches obsiegt zu haben. Der Mann ist tot, mutmaßlich durch Gift, ob von Johannas Hand, bleibt in der Schwebe. Johanna jedoch landet, darin dem historischen Vorbild gleich, für den Rest ihres Lebens im Kloster.

Das Ansinnen Alexa Hennig von Langes ist so gut – das Resultat so trivial: ein feministisch motivierter, dabei perfekt gebauter Kitschroman.

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