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Hasskulturen, die am heimischen Laptop entstehen und wachsen.
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Hasskulturen, die am heimischen Laptop entstehen und wachsen.

Digitaler Faschismus

Die Untergangsideologen

  • vonLutz Büge
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Maik Fielitz und Holger Marcks analysieren in ihrem Buch „Digitaler Faschismus“ die Bedrohung der Debattenkultur wie überhaupt der Demokratie.

Das Wort klingt in den Ohren: Einzeltäter. Der Islamist im französischen Conflans soll einer gewesen sein, ebenso die Rechtsterroristen im neuseeländischen Christchurch oder in Halle und Hanau. Die Einordnung bedeutet zunächst nur, dass die Sicherheitsbehörden keine bandenförmigen, terroristischen Strukturen im Rücken der Attentäter finden konnten. Zumindest auf den ersten Blick. Doch die Täter hatten sich radikalisiert, und es ist vielfach auch bekannt, wo das geschehen ist. Sie sind Einzelne und Viele zugleich. Einzeltäter?

Folgt man der Analyse des Konfliktforschers Maik Fielitz und des Sozialwissenschaftlers Holger Marcks in ihrem Buch „Digitaler Faschismus“, dann waren diese Terroristen zwar nicht in konkrete militante Gruppen eingebunden, fanden ihre Impulse aber im „konnektiven Verbund der digitalen Hasskulturen“. So formulieren es Fielitz und Marcks und konzentrieren sich dann im Weiteren auf die rechtsextremen Tendenzen – Parallelen zum Islamismus mitgemeint.

Diese Hasskulturen sind dezentral und führungslos, aber nicht ungelenkt. Das klingt widersprüchlich, ist aber charakteristisch für „soziale Medien“, die es solchen Hasskulturen erleichtern, in die Mitte der Gesellschaft auszugreifen. Eines ihrer Merkmale: Die Hierarchien sind flach. Anführer passen da nicht richtig rein. „Influencer“ schon.

Emotionales ist im Vorteil

„Soziale Medien“ wie Facebook und Youtube belohnen Inhalte, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Emotionales ist im Vorteil, anekdotische Erzählungen bringen Reichweite. Das ist einer der Gründe dafür, dass traditionelle Medien es zunehmend schwer haben. Das Erregungspotenzial wächst, wenn eine Geschichte, ein Posting massenhaft geteilt und verbreitet werden kann. Die „Information“, die da vorgeblich verbreitet wird, gewinnt mit der Zahl ihrer Likes an Wahrhaftigkeit. Wenn sich viele Menschen dahinter versammeln, kann sie wohl nicht falsch sein. Mitunter stecken hinter diesem Verbreitungsmuster kleine, organisierte Gruppen von Rechtsextremen und Faschisten, die diese Eigenschaft „sozialer Medien“, „erfolgreiche“ Postings zu fördern, dazu nutzen, ihren identitätsstiftenden Untergangsmythos angstverstärkt in die Köpfe zu pflanzen. Aber diese Erregungswellen können auch aus dem Kreis von Menschen heraus entstehen, bei denen solche Gedanken von vornherein auf fruchtbaren Boden fallen, ohne dass sie gleich als Aktivisten zu bezeichnen wären. So entsteht eine Massenbewegung.

Überall da, wo im Netz behauptet wird, die eigene Nation oder „Rasse“ sei im Niedergang oder werde ausgetauscht, überall da ist dieser digitale Faschismus am Werk. Die „Stimmigkeit frei erfundener Systeme“ (Hannah Arendt, zitiert nach Fielitz/Marcks) entfaltet also wieder ihre Sogwirkung. Sie hat längst den virtuellen Echoraum verlassen, in dem sie ursprünglich erzeugt wurde. Nicht nur AfD-Politiker nutzen Begriffe wie „Umvolkung“ – Fielitz und Marcks sprechen von „orchestriertem Selbstmitleid“ –, sondern es ließ sich im Jahr 2016 etwa die Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla (CDU) dabei erwischen, wie sie von „Umvolkung“ twitterte. Sie wurde 2017 von ihrem Wahlkreis nicht wieder zur Kandidatin gekürt.

Das Buch:

Maik Fielitz / Holger Marcks: Digitaler Faschismus. Dudenverlag, Berlin 2020. 256 S., 18,50 Euro.

Der digitale Faschismus hat mit solcher Begrifflichkeit in die Mitte der Gesellschaft ausgegriffen. Er ist anschlussfähig geworden. Nicht zuletzt diese Rezension ist ebenfalls ein Indiz dafür, dass die Gesellschaft ihn nicht ignorieren kann, sie setzt sich gezwungenermaßen mit den rechten Manipulationstaktiken auseinander. Fielitz und Marcks tun dies mit wissenschaftlicher Akribie und tragen zusammen, was Soziologie, Psychologie, Philosophie und andere Forschungszweige an Erkenntnissen über diese Taktiken gewonnen haben.

Systematisch selektive Sicht

In unserer postfaktischen Welt gibt es immer mehr Menschen, die Informationen nicht mehr nach ihrem Gehalt an Fakten gewichten, sondern danach, wie gut sie mit der individuellen und zwangsläufig selektiven Wahrnehmung, dem bereits vorhandenen Weltbild zusammenpassen. Das macht vieles einfacher und ist daher verführerisch: Wer was anderes behauptet, ist ein Feind oder wird zum Beispiel schlicht zu den „Systemmedien“ gezählt. Das ermöglicht eine klare Weltsicht. Ergo muss man sich mit den Inhalten der „Systemmedien“ nicht weiter auseinandersetzen, sie können als „gleichgeschaltet“ diffamiert werden. Wir befinden uns wieder in einer Ära des Glaubens. Damit sind der Manipulation Tür und Tor geöffnet.

Die traditionellen Medien verlieren an Bedeutung, die „sozialen Medien“ profitieren. Auch dies arbeiten Fielitz und Marcks heraus, um dann zu konstatieren, dass man keineswegs unabhängig informiert ist, wenn man sich ausschließlich über „soziale Medien“ informiert. Dort bestimmen Algorithmen, was man zu lesen bekommt. Die suchen raus, was man lesen oder ansehen können wollte, etwa Bilder von niedlichen Katzen, weil man so etwas mal geliked hat. Oder man sieht sich aus demselben Grund plötzlich gehäuft Meldungen von Messerstechereien ausgesetzt, bei denen islamistische „Gefährder“ eine Rolle spielen. Dieses sich selbst bestätigende System verzerrt die Wahrnehmung von Realität – eine Eigenschaft der „sozialen Medien“. Die digitalen Faschisten nutzen sie.

In der Mitte der Gesellschaft hat sich ein „dynamischer Resonanzraum“ ergeben, wie Fielitz und Marcks es nennen. „Soziale Medien“ haben maßgeblich dabei geholfen, die Grenzen dessen zu verschieben, was als anschlussfähig gilt. Mit weitreichenden Folgen. Auch der Erfolg der AfD, die lange eine Ein-Thema-Partei war und nur mühsam Anschluss an das Corona-Thema fand, ist ohne diese Entwicklung im Digitalen nicht zu verstehen.

Der Komplexität der Debatte über die Definition von Faschismus wird dieses Buch zwar nicht gerecht, da es sich auf drei Kriterien konzentriert, insbesondere auf die gezielte Pflege des Mythos’ vom Untergang der eigenen Nation. Aber eine ausführliche Theoriedebatte hätte hier nur störend gewirkt. Es geht um die tägliche virtuelle Praxis, und es ist das Verdienst dieser klaren und dennoch nicht-alarmistischen wissenschaftlichen Arbeit, dass jede Leserin und jeder Leser verstehen kann: Die Lage ist ernst, denn Faschisten nutzen für ihre Menschenverachtung die „sozialen Medien“. Legen wir die Zukunft unserer Demokratie in die virtuellen Hände von Algorithmen, die auf Effektivität im Sinne des jeweiligen Anbieters programmiert sind? Oder orientieren wir diese Anbieter an demokratischen Werten?

Diskussion: frblog.de/digifaschi

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