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Die Ungewissheit der Dinge, die Verlässlichkeit des Papiers

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Von: Cornelia Geißler

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Der spanische Schriftsteller Javier Marias.
Der spanische Schriftsteller Javier Marias. © dpa

Zum viel zu frühen Tod von Javier Marías, von dessen Romanwerk Menschen noch lange werden zehren können.

Mit dem Tod fangen mehrere seiner bedeutenden Romane an, aber sie handeln anders als Kriminalgeschichten nicht von dessen Aufklärung. Der spanische Autor Javier Marías, der am Sonntag kurz vor seinem 71. Geburtstag an der Folgen einer Corona-Infektion gestorben ist, schrieb oft von einem Verlust ausgehend, begann viele Bücher mit einem Endpunkt. Der war ein Anfang, um von Sprache zu erzählen, von den Möglichkeiten und Grenzen der Kommunikation – in der Liebe wie in den durch politische Bedingungen bestimmten Verhältnissen.

„Die sterblich Verliebten“ hat auf der ersten Seite den Satz: „Wenn jemand stirbt, denken wir immer, nun ist es zu spät für dies und für das, für alles – auf ihn zu warten vor allem –, und wir streichen ihn von der Liste.“ – „Niemand denkt je daran, dass jemand im unpassendsten Augenblick sterben könnte“, heißt es in „Morgen in der Schlacht denk an mich“, und „wie gering ist ein Leben, wenn es vorüber ist“, steht am Beginn von „So fängt das Schlimme an“. Javier Marías‘ berühmtestes Buch „Mein Herz so weiß“ beginnt mit einem Pistolenschuss im Badezimmer.

Ein letztes Meisterwerk

Einen Nachruf auf einen Autor zu schreiben, bedeutet vom Ende her zu denken, das Werk im Ganzen zu betrachten. Eigentlich hätte es erst in wenigen Wochen in vielen deutschen Zeitungen neue Artikel über ihn geben müssen. Da hätte es heißen können, der große spanische Schriftsteller hat ein neues Meisterwerk vorgelegt. Zum Spanien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse, am 12. Oktober, wird sein Roman „Tomás Nevinson“ in der Übersetzung von Susanne Lange bei S. Fischer erscheinen. „El País“ hatte zur Originalausgabe geschrieben: „Vermutlich der beste Roman, den Javier Marías je geschrieben hat.“ Das Buch antwortet auf das vor drei Jahren publizierte „Berta Isla“, sie ist nämlich die Frau jenes Tomás Nevinson, eines Spaniers, der für den britischen Geheimdienst arbeitet.

Informationen zu verstecken und nur unter Umständen weiterzugeben, die Sprachen zu wechseln, sich schuldig zu machen durch Verrat, eine Ehe zum Schein zu führen oder eine Geliebte um die Ecke zu bringen, um die nächste zu gewinnen, auch das alles findet sich bei diesem Autor. Man muss aufmerksam lesen, um ihm auf die Schliche zu kommen, er schickt lange Satzkonstruktionen durch das Leserhirn, auch seine Figuren wie Berta Isla gehen zuweilen diese gedanklichen Umwege, womit sie ihre psychologische Tiefe bekommen. Mit dem Roman „Dein Gesicht morgen“, in den Jahren 2002 bis 2007 als Trilogie erschienen und jetzt auch zur Buchmesse noch einmal als Ausgabe von 1600 Seiten angekündigt, zelebrierte er das Ausufernde und belohnte die, die dranblieben.

Vom Ende her denken: Die Veränderung eines Charakters, die Folgen von Ereignissen zu erkennen, fordert eben auch Geduld. „Man weiß nicht, was die Zeit in ihren feinen Schichten, die sich untrennbar übereinanderlegen, mit uns anstellen, in was sie uns verwandeln kann. Verschwiegen schreitet sie voran, Tag für Tag, Stunde für Stunde, Schritt für Schritt, und verspritzt unmerklich ihr Gift bei ihrer heimlichen Arbeit, die so taktvoll und vorsichtig ist, dass wir niemals einen Stoß spüren, nie einen Schreck bekommen“, heißt es in „Die sterblich Verliebten“ (2011, ebenfalls übersetzt von Susanne Lange).

Javier Marías wuchs zweisprachig auf wie seine Figur Tomás Nevinson, weil seine Eltern als Gegner des Franco-Regimes zeitweise mit ihren Kindern in den USA lebten. Nach eigener Aussage hat er schon als Elfjähriger zu schreiben begonnen, den ersten Roman als 15-Jähriger fertiggestellt, mit 20 schon den ersten veröffentlicht. Geld verdiente er zunächst aber nicht mit eigenen Werken, sondern mit Übersetzungen, und er lehrte spanische Literatur in Oxford und Boston, veröffentlichte weiterhin, bis er 1992 mit „Mein Herz so weiß“ (auf Deutsch 1996 von Elke Wehr) seinen größten Erfolg landete. Legendär war die Begeisterung im „Literarischen Quartett“ des ZDF, das war zu Zeiten, als das Fernsehen noch für Bestseller sorgte. 1,2 Millionen Exemplare wurden auf Deutsch verkauft.

Javier Marías war ein Schriftsteller, der von Schriftstellern gelesen wurde. Blättert man im Archiv, schaut man auf die Klappentexte der Bücher, strahlt einem viel neidlose Anerkennung entgegen: Der Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee nennt ihn einen „der ganz großen europäischen Schriftsteller der Gegenwart“, für Roberto Bolaño war er „der herausragendste spanische Erzähler“, für Rosa Montero, die der Gastland-Delegation zur Buchmesse im Oktober angehört, war er „der beste Kandidat für den Nobelpreis im heutigen Spanien“.

Erstklassig auch mit dem Ball

Seine Bücher brauchen ein waches Publikum, anders lässt sich den komplexen Gedanken nicht über lange Zeit folgen, doch war Javier Marías sein Leben lang auch ein Freund der kleinen Form. Außerhalb Spaniens hat man von seinen Kolumnen für die Zeitung „El País“ nicht viel erfahren. Allerdings gab Paul Ingendaay im Jahr 2000 einen Band mit Texten von Marías zu Fußball unter besonderer Berücksichtigung von Real Madrid heraus: „Alle unsere frühen Schlachten“. Viele der Spiele und Spieler mögen heute vergessen sein, aber die Verve und der Witz, mit dem der Autor da schreibt, zeugen noch heute von seinem Sinn auch für Zuspitzung und schnelle, wendige Gedanken. Seine Liebe galt dem Spiel, nicht dem Betrieb, den korrupten Fifa-Chef Sepp Blatter geißelte er als „Kasperlefigur“ und Demagogen.

Javier Marías, der zahlreiche Auszeichnungen erhalten hatte, lehnte staatliche Ehrungen ab. Dem Schreiben am Computer gegenüber war er skeptisch, er brauchte den Kontakt zum Papier und benutzte eine elektrische Schreibmaschine.

In einem Interview befragt, welche Themen ihn als Autor interessieren, zählte er einige wiederkehrende auf und sagte dann, dass diese ohnehin allen gehörten: „Die Geschichte der Literatur ist wahrscheinlich derselbe Wassertropfen, der auf denselben Stein fällt, nur mit anderer Sprache, anderen Sitten, anderen Formen, die unserer Zeit entsprechen. Aber es bleibt dieselbe Sache, dieselben Geschichten, derselbe Tropfen auf demselben Stein, seit Homer oder davor.“ Javier Marías ist tot, seine Bücher bleiben der Weltliteratur erhalten.

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