Thomas Kling (1957-2005).
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Thomas Kling (1957-2005).

Dichtung

Auf die Zukunft datiert

  • vonMartin Oehlen
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Eine imposante vierbändige Werkausgabe lässt den Lyriker und auch den Essayisten Thomas Kling entdecken.

Ich will ‚attacca‘ schreiben, solang die Kraft reicht.“ Thomas Kling (1957–2005) notierte diesen Satz im Jahre 1984 handschriftlich auf einer Fotokopie. Was bei diesem Vorsatz herausgekommen ist, lässt sich nun aufs Schönste in einer vierbändigen Werkausgabe nachlesen. Sie versammelt nicht nur sämtliche Einzelveröffentlichungen. Auch finden sich darin zahlreiche abseits oder bisher gar nicht publizierte Texte – zumeist Fundsachen aus dem Thomas-Kling-Archiv. Auf einen Schlag wird das bislang auf knapp 1500 Buchseiten vorliegende Werk um 850 Seiten erweitert. So viel Thomas Kling gab es noch nie. Dem Autor, dem das „Attacca“, das ununterbrochene Voran ein Arbeitsprinzip war, entspricht das zutiefst.

Nur kurz war das Leben des Schriftstellers, der 1957 in Bingen am Rhein geboren wurde, in Hilden und Düsseldorf aufwuchs, in Köln studierte, in Wien und Finnland und zuletzt auf der Raketenstation Hombroich in Neuss lebte. Doch sein Werk weitet sich zu einem imposanten Panorama. Marcel Beyer hat es nun in Zusammenarbeit mit Frieder von Ammon, Peer Trilcke und Gabriele Wix herausgegeben.

Klings früheste Wortmeldung ist hier ein Erlebnisbericht des 17-Jährigen für das „Mitteilungsblatt“ des Deutschen Alpenvereins, Sektion Düsseldorf. Der Titel: „unsere erste eifelfahrt“. Selbstbewusst wendet der Gymnasiast in diesem eher traditionsbewussten Bergsteigermilieu die konsequente Kleinschreibung an. Dabei beruft er sich auf Stefan George, den „sakrallyriker“. Der Witz, der neben allem historischen Ernst seine Arbeiten durchzieht, findet sich schon in diesem Eifelreport: „was die getränke angeht, so ist damit zu rechnen, dass uns bald das dankschreiben eines amerikanischen colaherstellers erreicht.“

Das Lebenswerk beschließen die Gedichte des todkranken 47-Jährigen, die er mit zittriger Hand geschrieben hat und die als Faksimiles in dieser Ausgabe dokumentiert sind. Marcel Beyer, der Freund und Kollege, schildert dieses Dichten bis zum Ende aus der Nahsicht, so bewegend wie diskret. Einmal heißt es in den finalen Versen: „vielgebrachte (-gebrauchte) frage: die endet auf, echot auf ich / weiß es doch auch nicht, auch nicht“. Eines dieser letzten Gedichte, seiner Ehefrau Ute Langanky gewidmet, beendet Kling am 13. März 2005 – aber er datiert es in die Zukunft, auf den 13. Mai 2005. Da ist er schon nicht mehr unter den Lebenden.

Zwischen diesen beiden Lebenszeitpunkten entfaltet sich das lyrische und essayistische Werk. Bereits in dem Debütband „Der Zustand vor dem Untergang“ von 1977 meldet sich ein Beobachter zu Wort, der den Verlusten nachspürt: „wir sind die generation die / keine nachtigall mehr kennt“. Diese frühen Gedichte liegen jetzt erstmals wieder vor, nachdem sie nicht zuletzt auf Klings Betreiben in Vergessenheit geraten waren.

Der Autor selbst sah in der Gedichtsammlung „erprobung herzstärkender mittel“ aus dem Jahre 1986 seinen wahren lyrischen Auf- und Durchbruch. Die Veröffentlichung in der Eremiten-Presse verdankte er auch der Fürsprache von Friederike Mayröcker. Die österreichische Lyrikerin schrieb damals: „Manche dieser Gedichte hätte ich selbst gerne geschrieben.“

Mit Kling kam ein neuer Ton in die deutschsprachige Lyrik. Der hatte mit der Innerlichkeit der 70er Jahre nichts im Sinn. Klings Erkundungen der antiken Mythen, der mittelhochdeutschen Literatur, der bildenden Kunst, des Ersten Weltkriegs, der Landschaften, der Alltagsgeschichte, der Wracks und Wespen, der Sprache – sie waren zupackend und nicht zergrübelt. Geschrieben hat er sie mit Kugelschreiber, aber auch einmal mit einer Schwanenfeder, die er am Aachener Weiher in Köln gefunden hatte.

Eine „torpedierte Grammatik“, wie er selbst sagt, findet sich in seinen Gedichten. Weil seine Rechtschreibung zuweilen nicht dem Duden, sondern dem gesprochenen Wort folgt, gibt es „klappschpatnangriffe“ und „hotel-rausch-tiwie“. Gelegentliche Leerräume zwischen den Wörtern sind kein grafischer Spleen, sondern Pausenzeichen in der lyrischen Partitur.

Ein Dichter für Buch und Bühne. Klings Sprachinstallationen, die er nicht als Performance oder Lesung verstanden wissen wollte, sind legendär. Bei den Auftritten ging es intensiv zur Sache, auch mal laut und schneidend, gerne mit musikalischer Begleitung, häufig lustig. „All in“ sozusagen. Er sei halt Rheinländer, stellte er einmal fest, „was in seiner besseren Ausformung für flotten Zungenschlag bürgt“.

Gabriele Wix schreibt im Nachwort zum ersten Band: „Mit dem Konzept des Texts als Partitur, der Überlagerung von Schriftbildfläche und Sprechstimme, gewinnt Kling mehr und mehr seinen ‚sound‘, gewinnen seine Gedichte ihren unverwechselbaren Klang und Rhythmus.“ Wer ein Ohr habe für diesen Sound, so sagt es dann Peer Trilcke im zweiten Band, der könne in den Gedichten aus „nacht. sicht. gerät.“ (1993) „grölende und mordende Neonazis ebenso hören wie Preußennostalgiker oder russische Nationalisten.“ Kling habe die Umbrüche und Verwerfungen der frühen 90er Jahre so analytisch präzise wie politisch scharf in den Blick genommen.

Eine kleine Überraschung sind die Essays. Nicht nur, weil Kling vor allem als Lyriker im Bewusstsein ist. Auch verblüffen sie in ihrer Fülle und thematischen Breite. Herausgeber Frieder von Ammon meint, Kling habe die beiden Seiten seiner Autorschaft, das Lyrische und das Essayistische, als gleichrangig angesehen.

Das Spektrum reicht von der Filmkritik (darunter ein gnädiger Verriss von „Eis am Stiel – 5. Teil“) bis zum autobiografischen „Itinerar“. Hinzu kommt einerseits manch schwergewichtiges Gespräch zum Werk und andererseits ein leicht bekömmliches „Astro-erotisches Festmahl“. Dieses Dramolett wurde in einem Düsseldorfer Restaurant aufgeführt – mit Kling in der Nebenrolle des Paul Müller-Abfack. Den Restaurantbesuchern wurde ein sechsgängiges Menü angekündigt: „Termitenomelett, Zebrabein, / gebraten – englisch – so solls sein. / Und Schnecken aus Salat und Dung. / Das bleibt euch in Erinnerung.“ Preis pro Person: 120 DM.

Herrlich erfrischend sind die literarischen Urteile. Da wird nicht gefackelt. Ein Kling, ein Wort! Else Lasker-Schüler „darf als Auftrittsbombe, als echte Rampensau bezeichnet werden“. Bei Christine Lavant sei zu erkennen: „Gute Gedichte sind immer Produkte des kontrollierten Außersichseins, nicht von innerlicher Schlafwandelei.“ Nicht so toll findet er die Lyrik von Ingeborg Bachmann. Immerhin: „Zwei Gedichtbände – knallberühmt, keine schlechte Ausbeute.“ Aber als Prosaautorin schätzt er sie viel, viel mehr. Schließlich Marcel Beyer, „der, wie jetzt schon gesagt werden kann, noch vor Grünbein bedeutendste Lyriker der 60er-Jahrgänge“. Einiges von dem, was Kling da im Jahre 2000 über den Kollegen sagt, trifft auch auf ihn selbst zu, den Lyriker der 50er-Jahrgänge: „Beyer exhumiert gern. Er macht gern mit der Sprache rum. Er bettet gern um.“

Und Friederike Mayröcker? Die frühe Förderin war die zeitlebens verehrte Künstlerin. Als sie 2001 den Büchnerpreis bekam, hielt Kling die Laudatio. Darin zitierte er Jean Pauls abstürzenden Luftschiffer Giannozzo: „Bis auf die letzte Schlagminute schreib ich, vielleicht wird mein Tagebuch nicht zerschmettert.“ Dieser hoffnungsvoll-trotzige Satz, stellte Kling bei der Preisverleihung fest, „hätte auch von Friederike Mayröcker gesagt werden können“. Und ebenso von Kling selbst. Er hat praktisch bis zur letzten „Schlagminute“ geschrieben. Und sein „Tagebuch“ ist nicht zerschmettert. Alles andere als das. Spätestens mit dieser famosen Werkausgabe steht fest: Kling ist Kanon.

Thomas Kling: Werke. Hrsg. von Marcel Beyer in Zusammenarbeit mit Frieder von Ammon, Peer Trilcke und Gabriele Wix. Vier Bände in einer Kassette. Suhrkamp, Verlag, Berlin 2020. 2690 Seiten, 148 Euro.

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