Der lange Arm der Akademie: Ernst Osterkamp (l.) gratuliert der Schriftstellerin Elke Erb.
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Der lange Arm der Akademie: Ernst Osterkamp (l.) gratuliert der Schriftstellerin Elke Erb.

Büchnerpreis

Die tanzenden Reden

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zeichnet an einem denkwürdigen Nachmittag Elke Erb mit dem Büchnerpreis aus. Geehrt werden auch Iris Radisch und Ute Frevert.

Mehrfach habe die Preisverleihung – erstmals in der Geschichte der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung an drei Frauen – vor der Absage gestanden, berichtete Akademiepräsident Ernst Osterkamp im Staatstheater Darmstadt, wo ein paar Angehörige, Kameraleute für den Livestream und etwas Presse lose über die Reihen verteilt waren. Auch für sie war es eine teilweise virtuelle Veranstaltung. Die mit dem Coronavirus infizierte Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn, grüßte von zu Hause, Péter Nádas und Gesine Schwan, die die Lobreden auf Iris Radisch, Trägerin des Johann-Heinrich-Merck-Preises, und Ute Frevert, Trägerin des Sigmund-Freud-Preises, hielten, hatten nicht anreisen können. Die aus Berlin gekommene Büchnerpreisträgerin Elke Erb hatte sich nicht imstande gesehen, die Rede am Lesepult zu halten, also wurde auch ihre Rede eingespielt.

Osterkamp geleitete die 82-Jährige aber zur Urkundenüberreichung auf die Bühne, so dass er ihr, da es schon egal war, als einziger die Hand schütteln konnte, mit dem langen Arm der Akademie. Der lange Atem hingegen ist nur im übertragenen Sinne erwünscht, die Akademie braucht ihn, die erneut nicht tagen konnte und deren Mitglieder sich (hoffentlich) im Mai 2021 nach dann anderthalb Jahren wiedersehen werden.

Dem Virus wurde anschließend keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Als zufälligerweise doch sehr aktuelle Leitthemen der Reden zeigten sich aber die Fragen nach der Verständlichkeit von Sprache und nach der inneren, eigenen Stimme. Die Historikerin Frevert, für ihre „barrierefreie“ (Schwan) wissenschaftliche Prosa geehrt, betonte, sie wolle schließlich für „ein breiteres“ Publikum schreiben, für „die Gesellschaft“. Sie habe „als Historikerin der modernen Zeit den Wunsch, diese Gesellschaft über sich selbst aufzuklären: über ihre Herkunft, ihre Signaturen und Konfliktlinien, über verschüttete Alternativen und Veränderungspotenziale. Gesellschaften sind lernfähig, sie können gar nicht anders ... .“

Zuvor war die Literaturkritikerin Radisch („Die Zeit“) von Nádas in einem fabelhaften Stück Literatur gewürdigt worden – „Auf ihre Autonomie können wir blind vertrauen. Die ist wie Granit. Beim Zusammenprall wird es nicht angenehm“. Radisch, Jahrgang 1959, erzählte von ihrer völlig bücherfreien Kindheit in der geteilten „Frontstadt“ Berlin, in der die (auf Wilhelm Genazino zurückgreifende) „Gesamtmerkwürdigkeit des Daseins“ allerdings selbst schon Literatur gewesen sei. Es sei dann die „innere Stimme“ gewesen sei, die sie als „Gegengift zum kollektiven Sprachbetrieb“ fasziniere, jene Stimme, die darüber entscheide „ob man es bei einem Text mit großer Literatur zu tun“ habe. Hier gab sie den Kolleginnen und Kollegen einen mit, die allzu häufig „inhaltistische Nacherzählungen von Romanhandlungen“ als Literaturkritik deklarierten.

Büchner hätte das verstanden

Und dann kam Elke Erb, erst selbst an Osterkamps Arm, anschließend in der eingespielten Rede. Die im engeren Sinne keine Dankesrede war, indem man nicht gerade sagen kann, dass Elke Erb sich bedankte. Dafür war sie wie eine Reaktion auf Frevert und Radisch, und auf ihre Weise denkwürdig war sie auch. Elke Erb sagte: „Meine Damen und Herren, ich bin schon seit Februar 82, Georg Büchner starb mit nicht einmal 24.“ Elke Erb zitierte sich selbst: „Schmerzlichtung, Dichtung. / Am Waldesrand, am Waldesrand // die Tanne stand / im eigenen Land.“ Und sagte: „Also: Büchner hätte das verstanden, übrigens.“

Schon die – ulkig im Zusammenhang mit Lyrik – völlig ausgeuferte Lobrede des Schriftstellers Hendrik Jackson war auf die Schwierigkeit eingegangen, die Texte von Elke Erb zu verstehen. Für Erb sei aber „die Artikulation des angeblichen Nichtverstehens schon eine produktive Gegenstrategie“ zum „Unverständlichkeitsverdikt“. Das war kein Kontrast zu Frevert, eher eine Ergänzung. Klar wurde ja: Das Verständliche als auch das Unverständliche könnte, sollte aber nie der Simplifizierung dienen.

Elke Erb erklärte, sie habe versucht, das Dramatische in „Leonce und Lena“ zu „erreichen“, sich dann aber für die Sprache allein entschieden. „Gerade in diesem Stück, ist sie das Eigentliche, die von ihm zum Tanzen gebrachten Reden.“ Büchner argumentiere nicht, die Sprache sei nicht ironisch, keine „Entlarvung“, kein Spott, keine Geißelung, sei nicht jugendlich oder frühreif. „Sie ist leicht, rasch ... Sie ist ungewohnt und doch sofort eingängig“, „keine Gedichte, aber doch: so leicht und durchsichtig. Ich wüsste niemanden dessen Darstellungen den seinen gleichen.“ Und dann zitierte sie für den Rest ihrer Redezeit ohne jedwede inhaltistische Nacherzählung „Leonce und Lena“.

So dass die innere, eigene Stimme von Georg Büchner den Saal erfüllte und hoffentlich ebenso die Räume, in denen die Menschen die Übertragung des Nachmittags an ihren Endgeräten verfolgten. Ein etwaiges Versäumnis lässt sich zudem noch auf deutscheakademie.de nachholen.

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