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Lina Atfah.

Syrische Dichterin Lina Atfah

„Lyrik macht die Seele klar. Lyrik hat Antworten und Lösungen“

Lina Atfah, die am Donnerstag mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet wird, über die unterschätzte Macht von Gedichten, die Situation in ihrer Heimat Syrien und die deutsche Sprache – die sie verrückt machte, die sie aber trotzdem unbedingt lernen wollte.

Frau Atfah, als 17-Jährige sind Sie bei einer Lesung in Ihrer Heimatstadt Salamiyah mit einem Gedicht angeeckt, in dem es sinngemäß heißt: „Wir sterben vor Hunger, unsere Gouverneure sterben, weil sie so voll sind. Oh Gott, fühlst du dich nicht schlecht, weil das in deinem Namen geschieht?“ Was ist dann passiert?

Das war im Literaturhaus der Stadt. Daraufhin wurde ich mit meinem Vater zum Verhör nach Hama vorgeladen. Man sagte ihm: Komm mit ihr oder wir holen sie uns selbst in der Schule ab. Sie waren ganz freundlich und sagten mir drei Dinge: Schreib so etwas nie wieder, sonst werden wir ärgerlich. Schreib nie über Religion, das mögen unsere Leute nicht. Und: Schreib keine „schlechten“ Wörter, du bist aus guter Familie und wirst sonst keinen Mann finden. Sie wussten nicht, dass ich mich schon entschieden hatte (Lina Atfah lächelt zu ihrem Mann Osman rüber).

Waren Sie überrascht? War Ihnen bewusst, dass Ihr Gedicht provozieren würde?

Mein Gedicht war nichts Besonderes. Viele Autoren, alles Männer, hatten so etwas und Stärkeres schon geschrieben. Allerdings waren sie berühmt in der arabischen Welt, ich war nur ein Kind. Mir war klar, dass wir in einer Diktatur lebten, mein Großvater hatte unter Hafiz al-Assad zwölf Jahre im Gefängnis gesessen. Ich wusste also, was eine Diktatur ist, aber diesmal ging es nicht um die Gesellschaft, nicht um meine Familie, nicht um Mitschülerinnen. Ich selbst war gemeint, es war meine Geschichte.

Wie muss man sich die Stimmung in Syrien damals, um 2006, vorstellen?

Es war wie immer. Syrien war eine Diktatur. Allerdings hatten viele davon geträumt, dass es nach dem Tod von Hafiz al-Assad, der ein sehr schlechter Herrscher war, besser werden würde. Keiner hatte sich vorstellen können, dass der Sohn noch schlechter sein würde als der Vater. Das war eine böse Überraschung. Für einen Moment sah es 2000 auch so aus, als würden sich die Dinge verändern, es ging ein paar Schritte nach vorn. Dann nicht mehr. Baschar al-Assad machte uns klar, dass er jeden einzelnen, jeden Mann, jede Frau, jedes Kind, festnehmen und ins Gefängnis stecken konnte. In meiner Heimatstadt leben viele kleine religiöse Gemeinschaften zusammen, inklusive die Ismaeliten, die kleinste Minderheit in Syrien, und die gesellschaftliche Struktur in dieser kleinen Stadt war immer bunt und gab dem Ort einen besonderen Geschmack. Man sagte uns auch, wir stünden unter einem besonderen Schutz. Aber das stimmte nicht. Es ging immer nur um den Schutz und Machterhalt des Herrscherhauses.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie das Land würden verlassen müssen?

Der Druck nahm ständig zu. Mein Vater, der politisch sehr aktiv war, müsste ständig zu Verhören. Mein Mann konnte bereits nach Deutschland, ich wartete noch ein Jahr und neun Monate auf eine Möglichkeit, das Land zu verlassen. Eine schlimme Zeit. 2014 war ich mit meiner Schwiegermutter in Damaskus. An einem Checkpoint wurde sie verhaftet, zu mir sagten sie: Du bist dieses Mädchen, das mit Gedichten Probleme gemacht hat. Ich war völlig überrascht und hatte große Angst. Es gab Drohungen und Verhöre und die Androhung weiterer Verhöre. Schließlich bekam ich im selben Jahr doch eine Ausreiseerlaubnis. Man sagte mir aber: Pass auf, was du in Deutschland schreibst, deine Familie ist hier in unserer Hand.

So blieb es aber nicht.

Einem nach dem anderen gelang die Flucht. Erst meinen beiden Brüdern, dann meiner Mutter und meiner Schwester. Zwei Jahre warteten wir auf meinen Vater, der einen Monat im Gefängnis war und dann in den Libanon ging, wo er auf das Visum wartete. Er konnte schließlich im Zuge der Familienzusammenführung kommen. Jetzt sind wir alle hier, in Wanne-Eickel.

Sie haben arabische Literatur studiert. War das schon mit dem Wunsch, Lyrikerin zu werden?

Als ich fünf war, kam der Weihnachtsmann zu uns. Ich war überglücklich und sagte auf Hocharabisch ein paar Verse, ein kleines Lobgedicht. Da nahm der Weihnachtsmann seine Maske ab und gab mir einen Kuss. Das war das erste Geschenk der Lyrik an mich: die Realität.

Oder ein Kuss vom Weihnachtsmann.

Einem Nicht-mehr-Weihnachtsmann. Meinen Eltern fiel mein Talent früh auf und sie unterstützten mich sehr, auch mein Großvater und der Großvater meines Mannes. Mit zwölf konnte ich zum ersten Mal auf einer Bühne auftreten.

Ist der Eindruck richtig, dass in der arabischen Welt Lyrik eine andere Rolle spielt als hier?

Die Lyrik erzählt, dokumentiert und kommentiert unsere Geschichte, wir leben damit. Die arabische Sprache ist eine sehr musikalische Sprache, sehr rhythmisch, sehr bilderreich. Lyrik war für uns immer die Gegenwelt zur politischen und religiösen Unterdrückung. Wir haben nicht alle den Luxus, nach Europa gelangen zu können, aber den Luxus, in Gedichte fliehen zu können.

Wobei Ihre eigenen Gedichte konkret und realistisch sind, keine Realitätsflucht jedenfalls.

Zur Person

Lina Atfah, 1989 in Salamiyah in Syrien geboren, studierte in Damaskus, schrieb für Zeitungen und Magazine und veröffentlichte den Gedichtband „Am Rande der Rettung“. 2014 verließ sie das Land. 2019 veröffentlichte sie den Band „Das Buch von der fehlenden Ankunft“ (Pendragon, 150 Seiten, 22 Euro), in dem die Gedichte auf Deutsch und Arabisch abgedruckt sind, übersetzt von bekannten deutschen Autorinnen und Autoren in Zusammenarbeit mit Muttersprachlern.

Der LiBeraturpreis, den Lina Atfah für dieses Buch erhält, zeichnet seit 1987 Autorinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika sowie der Arabischen Welt aus. Er ist ein Publikumspreis und mit 3000 Euro dotiert. Die Preisverleihung ist am heutigen Donnerstag, 19.45 Uhr, und kann über Youtube verfolgt werden. Am Freitag, 13 Uhr, ist Lina Atfah mit Jan Wagner, einem ihrer Übersetzer, in der Festhalle. Das vermutlich sehr lohnende Gespräch wird über www.buchmesse.de gestreamt.

Der Punkt ist, im Gedicht Worte für die Realität finden zu können: für mein Leben als arabische, syrische Frau, jetzt für mein Leben als Flüchtling, als Deutsche, da ich in Deutschland lebe und arbeite, Deutsch spreche. Das ist alles mit starken Emotionen verbunden, die Lyrik gibt mir die Möglichkeit, das in Worte zu fassen.

War es enttäuschend für Sie festzustellen, dass Lyrik in Deutschland so eine Randposition innerhalb der Literatur hat?

Das ist inzwischen in der ganzen Welt so, auch in der arabischen. Die Lyrik ist einsam. Das akzeptiere ich aber nicht, dagegen will ich mit meinem Schreiben angehen. Den LiBeraturpreis gibt es seit ungefähr dreißig Jahren, zum ersten Mal haben Gedichte gewonnen. Menschen brauchen Lyrik. Lyrik machte die Seele klar. Lyrik hat Antworten und Lösungen.

Als Lyrikerin schreiben Sie weiterhin auf Arabisch. Hat sich Ihr Schreiben in Deutschland trotzdem verändert?

Ich schreibe mit einem neuen Spiegel vor mir, mit neuen Fenstern in eine andere Realität.

Was für ein Publikum haben Sie vor Augen, wenn Sie jetzt schreiben?

Ich schreibe für alle, alle, alle. Bei Lesungen merke ich, dass auch alle Spaß dabei haben. Ich lese aus meinem Herzen. Meine Erfahrung ist, dass die Leute mich verstehen, auch wenn sie kein Arabisch können. Sie wundern sich selbst darüber.

Was hat es für Sie bedeutet, Deutsch zu lernen?

Die deutsche Sprache hat mich zuerst verrückt gemacht. Danach habe ich eine gute Beziehung zu ihr entwickelt. Ich liebe es zu reden, ich kann nicht leben, ohne zu reden. Wenn ich in Deutschland bin, brauche ich dafür die deutsche Sprache. Es ist nicht schön, wenn ich bei Lesungen im Publikumsgespräch immer meinen Mann oder einen Übersetzer brauche. Ich brauche es, dass ich es bin, die spricht, auch wenn ich Fehler mache. Am Anfang war es sehr schwierig, ich habe ein Problem mit Schule, das war schon in Syrien so. Ich mag die Schule nicht, die Situation mit Stuhl und Tisch, die Hausaufgaben, die Prüfungen, eine Katastrophe. Mein Mann Osman hat mir vieles beigebracht, und es gibt in Deutschland auch so viele Möglichkeiten, Deutsch zu lernen. Aber man ist wieder wie ein Kind, das ist sehr hart. Ich bin Dichterin, auf Hocharabisch kann ich Ihnen die kompliziertesten Dinge erklären.

Wirkt das Deutsche trotzdem in Ihr Schreiben rein?

O ja. Ich habe gelernt zu schneiden, einfacher zu sein, weniger blumig. Auf Deutsch sagt man dazu: kitschig.

Kitsch ist es nur, wenn es nicht ehrlich ist.

Aber auch wenn ich ehrlich bin, muss ich nicht alles, alles, alles sagen. Das kann viel intensiver sein.

Vielleicht noch ein kleiner Ausblick: Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft, was sind Ihre Hoffnungen?

Ich habe hier in Deutschland so viele Möglichkeiten als Schriftstellerin. Ich hoffe, dass ich weiter schreiben und auch weiter veröffentlichen kann. Natürlich denke ich an das Leid der Syrer und wünsche mir für die Zukunft, dass die Freiheit doch noch kommt. Das hätten die Menschen so sehr verdient, ein normales Leben in einer normalen Gesellschaft. Die Diktatur muss auf jeden Fall beendet, der Diktator zur Rechenschaft gezogen werden. Danach könnten wir überlegen und frei entscheiden, wo wir leben wollen: hier bleiben, nach Syrien zurückkehren, vielleicht auch Syrien besuchen als Syrer. So lange Baschar al-Assad an der Macht ist, wird das nicht möglich sein.

Sie sind jung.

Aber ich kann nicht warten, bis Baschar al-Assad gestorben ist. Die Medizin ist so gut heute, vielleicht dauert das noch hundert Jahre, zweihundert Jahre. Wir brauchen unser Heimatland schon vorher.

Interview von Judith von Sternburg

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