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Vor dem Literaturhaus (v.l.): Anne Weber, Deniz Ohde, Bov Bjerg, Dorothee Elmiger.

Literaturhaus

Das Aufeinandertreffen der Weltgebiete

  • vonAndrea Pollmeier
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Deutscher Buchpreis: Im Frankfurter Literaturhaus lesen und erzählen drei Autorinnen und ein Autor der Shortlist.

Dezenter, kürzer und ohne Zwang, live dabei zu sein, fand am Sonntag die Vorstellung der Autorinnen und Autoren statt, die für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 nominiert worden sind. Aufgrund der Pandemie-Auflagen waren nur rund 50 Zuhörer anwesend und 700 Monitore nach Angaben des Literaturhauses live zugeschaltet. Vier der sechs Nominierten waren angereist, Christine Wunnicke („Die Dame mit der bemalten Hand“) und Thomas Hettche („Herzfaden“) fehlten.

Als Erste nahm Dorothee Elmiger Platz, um mit dem Journalisten Christoph Schröder über ihr Buch „Aus der Zuckerfabrik“ (Hanser) zu sprechen. Ausgangspunkt für den Roman war die Lebensgeschichte des ersten Schweizer Lottomillionärs Werner Bruni. Wenige Jahre nach seinem großen Gewinn musste er Hab und Gut versteigern. Ein Dokumentarfilm zeigte diesen Moment. „Mich hat diese Szene gefesselt“, sagt die Autorin, die mit ihrem Werk zur Zeit auch auf der Shortlist zum Schweizer Buchpreis steht. Sie beginnt, Spuren dieses Lebens zu folgen. Aus den Memoiren des Kurzzeitmillionärs erfährt sie, dass seine glücklichste Erinnerung eine Reise nach Haiti gewesen sei. Dort hatte der ausgebildete Klempner nicht Ferien gemacht, sondern für eine Schweizerin ein Bad installiert. Mit der Reise nach Port-au-Prince beginnt der Lesungsnachmittag.

„Mich hat das Aufeinandertreffen zweier Weltgebiete und die historisch bedeutende Geschichte dieser Insel interessiert“, erzählt Elmiger. Kolonialismus, Kapitalismus und Literaturgeschichte greifen unerwartet ineinander. Dieser Prozess der Entdeckungen ist in ihrem sich zwischen Essay und Erzählung bewegenden Text nachvollzogen und hat die Erzählweise bestimmt. „Wenn ich zu schreiben beginne, möchte ich zunächst immer eine kohärente, lineare Erzählung schreiben, die hier anfängt und dort endet, doch das gelingt nie“, sagt Dorothee Elmiger. Die Welt stelle sich ihr nicht so kohärent dar.

Auch Anne Weber hat mit „Annette, ein Heldinnenepos“ (Matthes & Seitz) eine besondere literarische Form gewählt, um über die Lebensgeschichte der Widerstandskämpferin Annette Beaumanoir zu schreiben. In diesem Text rücken die Folgen der kolonialen Vergangenheit in den Blick. Nachdem Annette Beaumanoir im Zweiten Weltkrieg im Widerstand gekämpft hatte, setze sie sich in Algerien für die Unabhängigkeitsbewegung ein. Fragen über die politischen Langzeitfolgen des eigenen Engagements sind ebenso wie der Respekt vor der Lebensleistung der Resistance-Kämpferin in das Epos eingeschrieben.

Die Frage „Wie kann ich erzählen von einem Menschen, den es wirklich gibt?“ blieb lange unbeantwortet. Im Ausschlussverfahren habe sie die Lösung gefunden, erzählt Weber. Denn sie wollte Anne Beaumanoir keine erfundenen Dialoge in den Mund legen, aber auch kein Sachbuch schreiben. „Ziel war es, fiktiv zu bleiben und nur zu erzählen, was ich weiß“, sagt Anne Weber im Gespräch mit Literaturkritikerin Miriam Zeh. Ratlos, wie das gelingen könne, entdeckte sie das Heldenepos. Sie emanzipiert die uralte literarische Form, in der immer schon wagemutige Großtaten erzählt wurden, und verwandelt sie in ein Heldinnenepos.

Zurück nach Frankfurt führt der Roman „Streulicht“, eine den Zeitgeist herausragend beschreibende Bildungsbiografie, die Deniz Ohde als ihren ersten Roman publiziert hat. Der Wahrnehmungssprung, den die scheue, bei Suhrkamp publizierte Autorin erlebt hat, ist gewaltig. Vor einem Jahr signierte sie noch am Rand eines feministischen Literaturfestivals zum ersten Mal ein Buch. Heute steht sie nun im Rampenlicht der Monitore. Miriam Zeh hat sie in beiden Momenten als Moderatorin begleitet und auf diesen Wandel aufmerksam gemacht.

Bov Bjerg ist – nach dem Leipziger Buchpreis – in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal auf einer Buchpreis-Shortlist nominiert. In seinem Roman „Serpentinen“ (Claassen-Verlag) schildert er eine Familie, in der sich über Generationen hinweg Väter zum Suizid entschieden haben. Bjerg liest eine Passage, in der sich Vater und Sohn auf der Fahrt in die heimatliche Schwäbische Alb befinden. Skurrile Beobachtungen bei einem Kirchenbesuch zeigen, wie nah Humor und Tragik zusammenrücken können und der Icherzähler trotz der zugrunde liegenden Depression den eigenen Weg mit Witz, Wut, Spott und Sarkasmus reflektiert.

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