1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Die sechs Nominierten der Shortlist stellen sich in Frankfurt vor: Rennen um das Buch des Jahres

Erstellt:

Von: Andrea Pollmeier

Kommentare

Die Nominierten der Shortlist in Frankfurt.
Die Nominierten der Shortlist in Frankfurt. Foto: Rolf Oeser © Rolf Oeser

Im Frankfurter Schauspiel stellen sich die sechs Nominierten der Shortlist für den Deutschen Buchpreis vor. Von Andrea Pollmeier

Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis ist mit einem jährlichen Ritual verknüpft, das sich nur scheinbar auf gleiche Weise wiederholt. So ist es seit 15 Jahren Usus, dass sich die sechs Autorinnen und Autoren, die auf den ersten Platz im Rennen um das Buch des Jahres hoffen, öffentlich Fragen stellen.

Zuerst tritt Fatma Aydemir auf die Bühne im Frankfurter Schauspiel. Im Gespräch mit dem Journalisten Alf Mentzer stellt sie ihr im Carl Hanser Verlag publiziertes Werk „Dschinns“ vor. Sie habe, wie sie sagt, eher zufällig einen Familienroman geschrieben. Ziel war es, mehr über die erste Generation der türkischen Arbeitsmigranten zu erfahren, darum habe sie die eigenen Familienmitglieder befragt. Dass die Stimmung, die so entstanden sei, nicht heimelig ist, sondern reich an unheimlicher Spannung, veranlasst Mentzer zum Nachfragen. Familie, antwortet die Autorin, ist für sie nicht per se ein sicherer Ort. Dies sei einer der Gründe für das gewaltgeladene Schweigen, das von Beginn an spürbar ist. So habe man beispielsweise die eigene kurdische Identität als Teil der Herkunft immer verschwiegen. „Es ist“, sagt Aydemir, „ein von der türkischen Geschichtsschreibung auferlegtes Schweigen“.

Nachfolgend spricht Jan Faktor über sein bereits mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnetes Werk „Trottel“ (Kiepenheuer & Witsch). Schell unterbricht er Sandra Kegel, als die Journalistin Biografisches auflisten will. „Ich bin auch Hochgebirgsträger, der 60 Kilo schleppen kann…“, das sei wichtig, allerdings für ein früheres Buch. Im Jahr 2010 hat Jan Faktor bereits das Shortlist-Ritual durchlaufen, jetzt kommt der in Prag geborene und 1978 nach Ost-Berlin gezogene Autor gern direkt zur Sache. Der Trottel, von dem er erzählt, ist nicht schlau (wie etwa ein Schelm), sondern dumm, er gibt Dinge von sich preis, ohne zu spüren, dass er sich lächerlich macht. Dieses Trottelige spiegle sich auch in der Erzählform wider. Geschichten werden nicht stringent erzählt, sondern treten intuitiv hervor. So werde auch von der Lebenskatastrophe, dem Selbstmord des einzigen Sohnes gesprochen. Wie eine „Magma-Blase“ (Faktor) platzt sie an unterschiedlichen Stellen unerwartet auf.

Als Autor*in tritt Kim de l’Horizon ins Gespräch mit Christoph Schröder. Vor Kim steht ein Kristall, der im Falle von Verleumdungen dabei helfe, zu klären, „was zu mir gehört und was zu den anderen“. Kim de l’Horizon ist mit dem Debüt „Blutbuch“ (DuMont Buchverlag) auf die Shortlist gelangt und wurde bereits mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet.

Die Erzählfigur identifiziert sich wie Kim als non-binär. „Ich wollte einen Hexenkessel bauen, in den alles hineinpasst, was an einen herangetragen wird, wenn man ein Körper ist in dieser Welt“, erklärt Kim. Es gebe, so Kim, Körperlichkeiten, die nicht in ihre Umgebung hineinpassen, sie brechen darum immer wieder. Analog zu dieser Wahrnehmung ist „Blutbuch“ als ein Textkörper entstanden, der diese Brüche zeigt und erkennbar macht, dass Wandel Schmerzen bereitet.

Auch Daniela Dröscher schreibt, so Sandra Kegel, in ihrem Roman „Lügen über meine Mutter“ (Kiepenheuer & Witsch) von einer autobiographischen Wunde. Es geht um die Zeit der 1980er Jahre, in der die Mutter als aus Schlesien in den Hunsrück Zugewanderte lebt.

Drei Traumata seien, so die Moderatorin, für diese Figur prägend: Dorf, Dialekt und Dickheit. Vor allem das Körpergewicht der Mutter wird zum dominierenden Thema. Die „Waage des Grauens“ und Kalorientabellen waren festes Hausinventar. Sie sind Teil der Unterdrückungsinstrumente, mit denen der Vater seine patriarchale Dominanz auszuspielen suchte.

Das vorletzte Gespräch führt Alf Mentzer mit Kristine Bilkau über eine Region am Nord-Ostsee-Kanal. Im Roman „Nebenan“ (Luchterhand Literaturverlag) beschreibt die Autorin darin eine Leere, die nur auf den ersten Blick suggeriere, da sei nichts. Leerstehende Geschäfte und verlassene Häuser könnten, so Bilkau, zu Projektionsflächen für Sehnsüchte werden und die Wahrnehmung für das schärfen, was sich im Unsichtbaren vollzieht.

Zum Abschluss der Shortlist-Matinee sprechen Christoph Schröder und der in Frankfurt geborene Autor Eckhart Nickel über den im Piper Verlag erschienen Roman „Spitzweg“. Im Werk von Nickel, der Kunstgeschichte und Literatur studiert hat, geht es um den Gegensatz von Künstlichkeit und Natur, von Fälschung und Original. Kunst sei weder, wie die ersten Sätze im Roman vermuten lassen, Ersatz für Fenster oder Spiegel, sondern eine Vision der Wahrheit im ästhetischen Raum.

Auch interessant

Kommentare