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Literaturhaus Frankfurt

Die Schrift-Tierchen und die Tödin

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Volker Sielaff, Esther Kinsky und Kerstin Preiwuß bei der ins Netz gegangenen Literaturhaus-Reihe „Drei mal 30“.

Die Lyrikreihe „Drei mal 30“ im Literaturhaus Frankfurt wurde diesmal über das Netz übertragen, auch als Teil der „Zweiter Frühling“-Kampagne. Ihr Band „Taupunkt“, sagte Kerstin Preiwuß, sei pünktlich zur Leipziger Buchmesse fertig gewesen, dann sei ein Schlag auf den anderen gefolgt (keine Messe, keine Veranstaltungen, keine offenen Buchhandlungen mehr), und seither versuche sie, die Einzelteile wieder einzusammeln.

Auch eine Lyriklesung im melancholisch wirkenden, nämlich so vertrauten und so leeren Saal des Literaturhauses ist eine Lyriklesung. Man kauft eine Eintrittskarte, hört und sieht zu, zwischendurch erklingt das Martinshorn, das im Laufe eines Abends im Literaturhaus immer mindestens einmal zu hören ist, und die Bücher muss man sich in diesem Fall eben am nächsten Tag kaufen. Sage keiner, er könne nichts tun, um dem Kulturbetrieb beim Durchhalten zu helfen. Hunderte, Tausende Tickets könnten verkauft werden. Zudem: „Lesen hilft immer“, rief Volker Sielaff uns am Ende seines Auftritts zu.

Zwei Dichterinnen und ein Dichter, die je 30 Minuten aus ihren aktuellen Büchern lasen. Zuerst Sielaff mit dem Band „Barfuß vor Penelope“ (Edition Azur). Der „lyrische Solitär aus Dresden“ (Literaturkritiker Michael Braun, der jeweils geschliffen zur Sache und Person einführte) begann mit der unwiderstehlichen „Mystischen Aubergine“, einem Langgedicht, in dem zuerst an eine männliche, dann an eine weibliche Stimme zu denken sei, so Sielaff. Ein fabelhaftes Liebesbekenntnis zu vielem und letztlich zum Leben, vortragen mit offenem Visier; anschließend mehr Spott und Skepsis. Was wünscht er sich von ihr, fragt sie. Eine Metamorphose? Ein Kind?

Sielaff ist bei aller wirklich wilden Sprachfreude auch ein Geschichtenerzähler (hier an der Odyssee entlang, unter anderem), und er trat als frohgemuter, manchmal naseweiser Vermittler seiner ebenso ausgeflippten wie geerdeten und präzisen Einfälle auf. Von anderer Konsistenz sind die Verse Esther Kinskys, die in „Schiefern“ (Suhrkamp) die harte und zugleich splittrige Beschaffenheit des Gegenstands nachvollziehen. Die wenig wirtliche, recht leere Gegend der schottischen Slate Islands als Ausgangspunkt trägt dazu bei.

Kinskys introvertiertes Lesen fügte sich ein in seiner Sprödigkeit. In der Begeisterung für die Schrift-Tierchen flammte die Macht eines anregenden Wortes umso mehr auf. Atemberaubend die Vorstellung, wie diese winzigen Organismen (Graptolithen) in frei schwimmenden Kolonien die Meere eroberten – dies erfuhr die recherchierende Lyrikerin im Naturhistorischen Museum in Wien.

Nur die „Tödin“ von Preiwuß konnte die Schrift-Tierchen noch übertreffen, zumal es sich hier um eine gewissermaßen konsequente Erfindung handelte. In „Taupunkt“ (Berlin Verlag) – ein auch schon seltsamer Begriff, der das Flüssige und Feste kombiniert, wie Braun feststellte – setzt sich der weibliche Tod neben das lyrische Ich. Ein spektakulärer, zugleich lässiger Auftritt. So ist das im Leben und im Gedicht.

Alleine am Bildschirm kann einen das sehr aufweichen, zumal den intensiven Auftritten jegliche unmittelbare Reaktion fehlte. Es wäre gekichert worden, gestaunt (mystische Aubergine, Schrift-Tierchen, Tödin!), es hätte vermutlich Szenenapplaus gegeben, als Preiwuß auf die „schwierigen Zeiten“ kam, von denen sie beim Schreiben noch nicht wissen konnte, wie schwierig sie sein würden. „Man kann es überleben“, las Preiwuß.

Und am Ende kündigte Literaturhausleiter Hauke Hückstädt die nächste „Drei mal 30“-Lesung für März an. März, was für ein verheißungsvolles Wort.

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