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Die Rollen, die Projektionen

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Von: Judith von Sternburg

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Marcel Reich-Ranicki in seiner Wohnung in Warschau, 1958.
Marcel Reich-Ranicki in seiner Wohnung in Warschau, 1958. © Privat/Carla Ranicki

Marcel Reich-Ranicki in einer prägnanten Schau in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt.

Es ist nicht so, dass Debatten vor Jahrzehnten niveauvoller geführt wurden. Es ist auch nicht so, dass sie offener oder vorbehaltloser geführt wurden. Eher kann es irritieren, wie selbstgewiss in den Auseinandersetzungen vieles wirkt, wie selbstverständlich man unter sich bleibt, wenn man sich zankt und versöhnt und wieder zankt, und wenn es gilt, Kanonisches festzulegen. Überhaupt dieser Zug ins Kanonische. Im Zentrum des Geschehens zugleich ein Außenseiter, der in einem wohlmeinenden Brief des Schriftstellers Horst Krüger 1968 zu lesen bekommt, er habe in seiner „Leidenschaft, ja Wut zur Wahrheit“ schon eine „sehr ,jüdische Art‘, die Sie in Deutschland natürlich auf extreme Weise fremdartig macht“. Tücken des Philosemitismus.

Eine Vitrine weiter ist ein „Büchernörgele“-Gummimännchen nach Michael Endes „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“-Figur (1989) zu sehen, die in der Buchillustration Marcel-Reich-Ranickische Züge hat und in der nun dreidimensionalen Form vieles bietet, was eine antisemitische Karikatur auch bieten könnte. Aus Nippes wurde nach der Jahrtausendwende dann wiederum Literatur, Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“. Walser rief in der Figur des André Ehrl-König auf, was an Stereotypen kursiert, vom hässlichen Kind eines hässlichen Vaters – „eine schauderhafte Gestalt, klein, dicklich, große Ohren, die Mutter hat er, als sie siebzehn war, geschwängert“ – bis zum Wesen seiner „Macht“ – „etwas Hohles, Leeres, das nur durch seine Schädlichkeit besteht ...“. Ehrl-König, der sich darüber mokiert, dass „die deutschen Dichter meinen, die Leute müssten deutsche Dichter lesen“, ist seinerseits „zu einer reinen Verehrung nicht im Stande“.

Ulrike Meinhof und Marcel Reich-Ranicki, Sylt, 1967.
Ulrike Meinhof und Marcel Reich-Ranicki, Sylt, 1967. © privat/Andrew Ranicki

Der offene Brief des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher, in dem dieser einen Vorabdruck des Buches mit einem scharf formulierten Antisemitismus-Vorwurf ablehnte, schlug noch vor Erscheinen des Romans mächtige Wellen. Der ausgekostete Skandal, eine journalistische Spezialität, die Schirrmacher noch besser als sein FAZ-Kollege Reich-Ranicki beherrschte.

Das Vordergründige und das Subtile liegen dicht beieinander in der unerwartet spannenden, ausgezeichnet kuratierten Ausstellung „Marcel Reich-Ranicki. Ein Leben viele Rollen“ in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Unerwartet spannend, weil Reich-Ranicki, der 93-jährig 2013 in Frankfurt starb, einerseits eine öffentliche Figur war. Ohnehin und mit der Autobiografie „Mein Leben“ (1999) erst recht lag sein Schicksal als Holocaust-Überlebender so offen vor allen Interessierten wie zuvor seine Präsenz als Fernsehpopstar mit dem „Literarischen Quartett“ und wie wiederum zuvor seine Karriere als Literaturwissenschaftler. Andererseits gelingt Sylvia Asmus, der Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933-1945, und dem Reich-Ranicki-Biografen Uwe Wittstock eine prägnante, rasante, kluge Verdichtung. „Viele Rollen“ und Projektionen in Schlaglichtern.

Dazu gehört das handschriftliche Schreiben, mit dem sich der Abiturient in Berlin als polnischer Staatsangehöriger 1938 (vergeblich) um eine Immatrikulation bemüht. Das Telegramm vom Juni 1945, in dem er seiner Schwester mitteilt, dass er lebt, die Eltern und der Bruder in Vernichtungslager deportiert worden sind (ihre Ermordung wird kurz darauf zur Gewissheit), er geheiratet hat.

„Ich bin aufgewachsen in einer Zeit“, so Reich-Ranicki, „als täglich in den Zeitungen stand, die Juden seien eine minderwertige Rasse, unfähig, den deutschen Geist und die deutsche Literatur zu verstehen, in deutscher Sprache zu schreiben. ... Das hat mich ein für allemal geprägt. Bei allem, was ich tue, handle ich auch aus Trotz.“ Das Anecken, teils fidel, teils zermürbend, zieht sich durch die Jahrzehnte und die Ausstellung: von der KP in Polen über die Gruppe 47 in der BRD, von den Deutschen Akademien (keine nimmt ihn auf, seltsam) bis zu den Von-Mann-zu-Mann-Kämpfen – und der Stadt, in der er seit 1973 lebt. „Ich liebe Frankfurt nicht“, beginnt seine Rede beim Neujahrsempfang 1997. Das können viele Frankfurter und Frankfurterinnen nicht gut aushalten, was mehr über sie sagt als über ihn. Es gibt aber auch Versöhnungen.

Marcel Reich-Ranicki und Walter Jens auf Sylt, 1967.
Marcel Reich-Ranicki und Walter Jens auf Sylt, 1967. © privat/Andrew Ranicki

Der Ton oft hochgespannt auf allen Seiten. Man nimmt sich ernst, und verrissene Autoren sind nicht immer bereit, bei anderer Gelegenheit darüber hinwegzugehen. Schroff Oskar Maria Grafs Absage 1966, als Reich-Ranicki eine Exil-Anthologie plant. „Im übrigen verbitte ich mir Ihr anbiederndes routinemäßiges ,Lieber und hochverehrter‘“.

1964 wird Reich-Ranicki von der jungen Journalistin Ulrike Meinhof interviewt. Vor allem fragt sie nach der Situation im Warschauer Ghetto. Sie habe am Ende Tränen in den Augen gehabt, erklärt er später, und: „Sie war die Erste, die sich in diesem Land für meine Vergangenheit interessierte.“ 1985 versucht er, im Streit über Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ zu vermitteln, setzt sich für die Aufführung des Stückes ein, das er als „widerwärtiges Machwerk“ und „charakteristisches Zeitdokument“ bezeichnet.

Dann wieder Volker Hages Tagebucheintrag zu einer FAZ-Feuilletonsitzung Ende der 70er, ein Vergnügen für sich. Wie vieles hier geht es über die Person Reich-Ranicki aber auch hinaus in die bundesdeutsche Geisteswelt hinein, ihre Verfassung, Kappeleien, Eitelkeiten, ihr mittleres Niveau. Und, nein, besser ist es auch nicht alles geworden.

Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt, Deutsches Exilarchiv 1933-1945: bis 14. Januar 2023. Katalog 15 Euro. www.dnb.de

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