Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Spektakel und Anlass zur Denkübung: eine partielle Sonnenfinsternis, hier aufgenommen in Managua 2017.
+
Spektakel und Anlass zur Denkübung: eine partielle Sonnenfinsternis, hier aufgenommen in Managua 2017.

Literatur

Francis Ponge „Die Sonne“: Die Relativität der Sonne

  • vonEberhard Geisler
    schließen

Ein Werk will aus dem Kasten springen: Der französische Dichter Francis Ponge und sein gewaltiges Konvolut über das Zentralgestirn in einer umfassenden und fundierten Ausgabe.

Unlängst ist ein Buch erschienen, das in besonderem Maße aus dem Rahmen fällt. Im Jahr 1963 hatte die Buchkünstlerin Monique Mathieu einen mit Leder überzogenen, aufklappbaren Kasten hergestellt, der die Sammlung loser Notizen enthalten sollte, die der Dichter Francis Ponge (1899-1988) von 1928 bis 1954 zum Phänomen der Sonne verfasst hatte.

Das ist zunächst verwirrend, weil die umfangreiche Broschüre nicht so stabil gebunden und verleimt ist wie gewohnt. Man begreift aber bald den Sinn dieser verlegerischen Maßnahme, da Ponge mit diesem Dossier besonders deutlich machen wollte, dass es für ihn den traditionellen Begriff des Werks, der an die Ideale der Einheit, Vollständigkeit und Abrundung geknüpft gewesen und durch das gebundene Buch eben augenfällig repräsentiert worden war, zu verabschieden galt. Früh schon war sich dieser Autor bewusst gewesen, dass er zumindest um die Konzeption eines völlig neuen literarischen Genres bemüht sein musste.

Das Schaffen von Ponge – um den Begriff des Werks zu vermeiden – ist auch im deutschen Sprachraum längst als originärer Beitrag zu einem hochbewussten, philosophisch reflektierten poetischen Schreiben wahrgenommen worden. Das neue, von Thomas Schestag herausgegebene und mit eigenen Übersetzungen und Kommentaren versehene Buch bietet einen willkommenen Anlass, sich erneut und tiefer mit diesem großen Repräsentanten der modernen europäischen Literatur zu beschäftigen. Anhand der hier veröffentlichten Manuskripte lässt sich sehr gut die Entwicklung nachvollziehen, die Ponge im Lauf seines Lebens vollzogen hat.

1937 war er, wie viele andere französische Intellektuelle, in die Kommunistische Partei eingetreten, weil er seine avantgardistischen Intentionen auch in einem politischen Zusammenhang sah. Jean-Paul Sartre hat in diesem Sinn an ihm geschätzt, dass er die Sprache als Spiegelbild einer gesellschaftlichen Organisation begriffen hatte, die er verabscheute. 1931 schmäht er in einem dieser Texte darum das „Korps der Richter und Akteure, der Ausbeuter-Ausdeuter aller Dinge, der selbstsichern Menschen“, kurzum: die bürgerliche Herrschaft über die Menschen und über deren Denken.

Das Buch

Francis Ponge: Le Soleil/ Die Sonne. Aus dem Französischen von Thomas Schestag. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 883 S., 98 Euro

Im Lauf der Jahre aber wird er zum Programm dessen, was einmal engagierte Literatur hieß, Abstand nehmen und sich nicht nur 1947 aus der KP zurückziehen, sondern sein Sonnendossier theoretisch weitaus anspruchsvoller und fundamentaler anlegen. Was er in diesem Dossier dokumentiert hat, lässt sich als fortgesetzte Denkübung begreifen, die seinen späteren, eigentlich erst dichterischen Texten vorausgeht und diese ermöglicht hat.

Das Bild der Sonne kommt von Platon her, der in ihm das Gute und das Göttliche verehrt hat; Ponge hat sich zwar von der Metaphysik des Abendlands abgewandt, empfindet dieses Bild aber nach wie vor als faszinierend und als Versuchung, nochmals ein mit sich selbst Identisches zu denken – und als ein solches gar zum Sprechen zu bringen! Doch er ist philosophisch viel zu gewitzt, um in diese Falle zu gehen und zu übersehen, dass allein eine Dekonstruktion heliozentrischer und damit überkommener metaphysischer Positionen einem zeitgemäßen Schreiben angemessen ist. Gibt es noch einmal einen „Sonnen-Jargon“, in dem sich der uralte Traum der Poesie verwirklichen würde, dann dürfte diese Rede nicht länger ein Zentrum suchen und müsste labil und brüchig sein. Thomas Schestag bemerkt: „Weder da noch fort, weder bloß Gegebenheit, Gegenständlichkeit und Gegenwart oder Anwesenheit, noch bloß Abwesenheit und Entzug oder Suche nach Enthüllung ihres Wesens, geben fortan in den Betrachtungen und Überlegungen zur Sonne den Ton an (...).“ Allerdings, das sei kritisch angemerkt, hätte der Herausgeber den dekonstruktivistischen Impetus von Ponge deutlicher aufzeigen müssen, der die Sonne vernetzt mit anderen Gestirnen, verdoppelt und ständig neu relativiert denkt.

Übrigens – auch diesen Hinweis kann man in diesem Buch vermissen – waren schon die deutschen Romantiker auf das irritierende Phänomen einer ihre angestammte Einheit und Einzelheit sprengenden, sich vervielfachenden Sonne aufmerksam geworden. Es ging um die Beobachtung, dass unter bestimmten atmosphärischen Bedingungen neben der vertrauten Sonne auch jeweils rechts und links von ihr eine Nebensonne erkennbar war, so dass sich etwas wie ein Dreigestirn ergab.

Jean Paul hat diese Beobachtung festgehalten und – gleichsam als Dekonstruktivist avant la lettre – den Verdacht geäußert, die ehrwürdige, gar göttliche Sonne könne selbst bloß Nebensonne sein. Eines seiner Gedichte aus der „Winterreise“ hat Wilhelm Müller den Nebensonnen gewidmet und darin seiner inneren Beunruhigung über das Phänomen Ausdruck verliehen.

Im Lauf der fünfziger Jahre verliert Ponge aber das Interesse an diesem Thema und entwickelt jenes Schreiben, das ihn unter dem Titel „Le parti pris des choses“ – die Parteinahme für die Dinge selbst: ob Kieselstein oder Aprikose – schließlich berühmt machen wird. Nun kommt es auch zu so wunderbaren Formulierungen wie: „Die Wurzel dessen, was uns blendet, ist in unsern Herzen.“ Sie findet sich in jenem Konvolut, das Ponge 1954 selbst als Auswahl aus seinem Dossier in den Druck gegeben hatte und das bereits 1961 von Gerd Henniger unter dem Titel „Die Sonne, versetzt in den Abgrund“ übersetzt worden war. Das Original war seinerzeit als Künstlerbuch in edler Ausstattung mit acht Radierungen von Jacques Hérold erschienen, so dass davon ausgegangen werden kann, dass der Dichter hier das Wenige hat offenbaren wollen, das von seinen umfangreichen Notizen er der Überlieferung für würdig befunden hatte.

Für die Beschäftigung mit Ponges schriftstellerischer Entwicklung ist das neue Buch sicher unverzichtbar, aber der auf seine Dichtung neugierige Leser sollte eher zu dem Band „L’Opinion changée quant aux fleurs. Änderung der Ansicht über Blumen“ greifen, den ebenfalls Thomas Schestag besorgt hat. Er ist 2005 bei Urs Engeler in Basel erschienen und 2019 dort ein weiteres Mal aufgelegt worden. Schestag macht in seinem Nachwort deutlich, dass Ponges Projekt unterirdisch mit Hölderlins tiefsten poetischen Gedanken kommuniziert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare