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„Wir leben bis heute in der Welt, die der Krieg geschaffen hat“, sagt Robert Harris.

Interview

„Rechtsnationalistischen Kräfte haben gewonnen“

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Bestsellerautor Robert Harris über Lehren aus der Geschichte und Großbritannien als geteiltes Land.

Mister Harris, auf die Frage nach der Inspiration für ihr Werk geben die meisten Romanautoren ausweichende Antworten. Sie aber wissen genau, wann Ihnen die Idee zu „Vergeltung“ kam: am 5. September 2016.

Ich las in der „Times“ den Nachruf auf Eileen Younghusband, die 95-jährig gestorben war. Im Zweiten Weltkrieg hatte sie als Nachrichtenoffizierin gedient, darunter 1944/45 auch einige Monate im belgischen Mecheln. Acht junge, mathematisch begabte Frauen sollten dort der Royal Air Force dabei helfen, die Startplätze für die deutsche V2-Rakete ausfindig zu machen und zu zerstören. Davon hatte ich noch nie gehört, das interessierte mich.

Die fiktive Heldin Ihres neuen Romans – im englischen Original schlicht „V2“ genannt – ist eine der acht britischen Offizierinnen. Als Gegenpol haben Sie einen Ingenieur und Freund des berühmten Raketenpioniers Wernher von Braun erfunden.

Über Braun selbst sowie über die technischen Details und die Entwicklung der V2 ist natürlich viel bekannt. Soweit ich weiß, gibt es aber nur ein einziges Buch mit Interviews der Beteiligten, die damals die Raketen aus den Wäldern um Den Haag abgeschossen haben. Und über das Fernduell zwischen diesen Männern an der Ärmelkanal-Küste und der britischen Radarstation in Belgien gibt es fast keine Literatur. Dabei zeigt dieser kaum erforschte Aspekt des Krieges die moderne Welt, mit der die Menschen plötzlich konfrontiert waren. Panzer und Flugzeuge kannten sie schon aus dem Ersten Weltkrieg. Radar, fliegende Bomben, Raketen – das war brandneu.

Rudi Graf, der fiktive V2-Ingenieur, wird als zerrissener Charakter geschildert: begeistert von der neuen Technik, gleichzeitig Deutschlands Niederlage herbeisehnend.

Mich interessierte der faustische Pakt: Die Wissenschaftler stellten ihr Genie in den Dienst eines Verbrecherregimes. Was hat das mit diesen Menschen gemacht? Ohne Zweifel brachte der Krieg enormen technischen Fortschritt mit sich, Brauns Team läutete das Zeitalter der Raumfahrt ein. Zugespitzt gesagt: Ohne Braun – und also indirekt: ohne Hitler – wären wir nicht zum Mond gekommen. Die britischen Codeknacker um Alan Turing hoben den Prototypen des modernen Computers aus der Taufe. Und der Forschung in Los Alamos unter Robert Oppenheimer verdanken wir nicht nur die Bombe, sondern auch die friedliche Nutzung der Atomenergie.

Stimmt der Eindruck, dass Sie diesmal mehr sachliche historische Informationen geben als in früheren Romanen wie „München“ oder „Enigma“ – vielleicht, weil die Nachgeborenen vieles nicht mehr so genau wissen?

Ich glaube, ich habe über Dinge geschrieben, von denen die meisten Leute, egal welchen Alters, wenig oder gar nichts wissen. Es ist eine sehr moderne Geschichte. Man hat den V2-Teams haarsträubende Erfolgsmeldungen über die Verheerungen in London vorgegaukelt. Der dort entstandene Schaden war schlimm, hatte aber natürlich keinerlei Auswirkung auf den Kriegsverlauf. Umgekehrt wurde den Frauen der britischen Radarstation weisgemacht, sie seien bereits am ersten Tag ihrer Bemühungen erfolgreich gewesen. In Wahrheit wurde bis Kriegsende keine einzige Abschussrampe zerstört. Als ich anfing zu recherchieren, schien es um die Geschichte eines triumphalen Erfolgs zu gehen. Stattdessen handelt der Roman nun von der Vergeblichkeit des Krieges.

Immer wieder handeln Ihre Bücher vom Zweiten Weltkrieg, den Jahren davor und danach. Warum?

Die Frage wird mir immer wieder gestellt, meist in etwas maulendem Tonfall: Schon wieder Krieg! Ich möchte solchen Leuten antworten: Warum wollen Sie sich nicht damit beschäftigen? Schließlich leben wir bis heute in der Welt, die der Krieg geschaffen hat, einschließlich der Politik. In meinem Land jedenfalls sind die diversen Narrative, auch Mythen zum Zweiten Weltkrieg weitverbreitet. Das ist einerseits ja nicht falsch, an anderen Stellen aber schädlich.

Ihr Roman „München“ beschrieb die Ereignisse rund um die Konferenz in der „Hauptstadt der Bewegung“, bei der 1938 die Tschechoslowakei geteilt wurde.

Die hier bei uns verbreitete Haltung zum Begriff des Appeasement…

Zur Person:

Robert Harris, 63, Autor mehrerer Bestseller, lebt in einem Dorf eine Zug-stunde westlich von London, wo er sich vor einem Vierteljahrhundert mit den Einnahmen aus seinem Buch „Vaterland“ das alte anglikanische Pfarrhaus gekauft hat. Über Skype berichtete er über die Recherchen zu seinem neuesten Werk „Vergeltung“, das er weitgehend im Corona-Lockdown in diesem Frühjahr schrieb und das jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Robert Harris: Vergeltung. Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Heyne, München 2020, 368 S., 22 Euro.

…halte ich für falsch. Mit ein wenig mehr Appeasement sähe die heutige Welt besser aus. Es geht doch darum, den historischen Wurzeln eines Konflikts nachzugehen und ihn damit zu entschärfen. Das haben britische Premierminister in Nordirland erfolgreich gemacht und damit Appeasement gegenüber der IRA betrieben.

Die Irisch-Republikanische Armee hatte sich die gewaltsame Wiedervereinigung Irlands auf die Fahne geschrieben.

Das war eine Terrortruppe, die reihenweise Zivilisten umgebracht hat. Aber die Suche nach einer Verständigung war erfolgreich. Hitler zu beschwichtigen, war, wie wir im Nachhinein wissen, verrückt. Insofern schlug die Appeasement-Politik des damaligen Premiers Neville Chamberlain fehl. Wir sollten jedoch nicht vergessen: Hitler hasste das Resultat der Münchner Konferenz. Er empfand es bis ans Ende seines Lebens als Niederlage, dass er nicht 1938 in den Krieg ziehen konnte.

Bei der „München“-Lektüre glaubte man in der feiernden Menge zu stehen, die Chamberlain immer wieder hochleben ließ. In „Vergeltung“ stolpert man mit den Protagonisten durch feuchte Novembernächte. Nehmen Sie für diese ungeheuer lebendigen Details die Hilfe von Rechercheuren in Anspruch?

Niemals. Meine Bücher handeln stets von Ereignissen außerhalb meiner eigenen Erfahrungswelt. Ich muss mich also total in die Materie vertiefen. Dazu gehört die Anhäufung einer Vielzahl von irrelevanten Details, die am Ende oft gar nicht in den Roman einfließen. Aber wenn man Glück hat, spüren die Leser etwas davon. Holländischen Regen im November habe ich tatsächlich selbst erfahren. Ich liebe schlechtes Wetter, Regen, Wind, Eis. Das muss am Einfluss der Nordic- Noir-Krimis liegen.

Wie sehen Sie die Zukunft der deutsch-britischen Beziehungen, über deren Geschichte Sie immer wieder schreiben? Wie wird sich Großbritannien nach dem endgültigen EU-Austritt gegenüber Europa insgesamt positionieren?

Bei meinen Recherchen stieß ich auf viele Leute hier in London, die sich an V2-Attacken erinnerten. Im Großraum Den Haag begegneten mir jene, die sich an die Abschussteams erinnerten. Ich empfinde die V2 als immerwährende Mahnung daran, wohin Nationalismus führen kann. Es wäre wirklich gut, wenn mehr Leute in meinem Land sich daran erinnern würden. Wir befinden uns in einem Zeitalter wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor dem Ersten Weltkrieg. Es existiert da so ein Gefühl, man müsse mal wieder seine Grenzen austesten. Und unsere bestehenden Institutionen wie EU oder Nato, die seien doch alle sehr langweilig. Ich bin da ganz anderer Meinung. Wir tun gut daran, uns der Weisheit solcher Institutionen zu versichern, die unsere Großeltern- und Eltern-Generation aufgebaut hat.

Sie haben sich immer wieder empört geäußert über Brexiteers wie Premierminister Boris Johnson: Durch deren kruden Nationalismus stünden britische Tugenden wie Toleranz, Zurückhaltung, Höflichkeit, Pragmatismus auf dem Spiel.

Das brachte mir prompt die Aufnahme in die Liste der „Volksfeinde“ ein, die gern von Zeitungen wie der „Daily Mail“ angeprangert werden. Ich fürchte, der Brexit macht vieles kaputt. Es führt ja kein Weg zurück, das wollen viele Leute noch nicht wahrhaben. Das politische Projekt Europa ist für eine Generation von der britischen Tagesordnung verschwunden, die rechtsnationalistischen Kräfte haben gewonnen. Brexit stellt eine Etappe dar auf dem Weg zu etwas ganz anderem, von dem keiner so recht weiß, was es ist.

Johnson scheint es auch nicht zu wissen.

Na, das ist ja alles andere als ein beständiger Kapitän. Wofür steht unser Land? Was wollen wir erreichen? Darauf gibt es keine Antwort. Ich will mein Land nicht kleinreden, aber ich fürchte eine Entwicklung wie in Polen oder Ungarn: Die Rechte nationalistisch; die Linke uneinig, zerrissen zwischen der patriotischen Arbeiterschicht im Norden und den irgendwelchen Moden nachjagenden Angestellten im Süden. Dazu die stärker werdenden Spannungen zwischen England und Schottland – ein geographisch und gesellschaftlich geteiltes Land. Das macht mir große Sorge.

(Interview: Sebastian Borger)

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