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Thomas von Steinaecker: „Ende offen“ – Die Pfauengondel und andere Utopien

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Von: Sandra Danicke

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König des Scheiterns: Orson Welles 1954 in „Scherereien mit seiner Lordschaft“.
König des Scheiterns: Orson Welles 1954 in „Scherereien mit seiner Lordschaft“. © Ronald Grant Archive / Mary Evan / Picture Alliance

In „Ende offen“ versammelt Thomas von Steinaecker Projekte von groß denkenden Künstlern. Werke, die aus Mangel an Geld, Zeit oder Geduld nie zu Ende geführt wurden.

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Bei Thomas Bernhards Roman „Neufundland“? Bei Leonard Bernsteins Suche nach der großen amerikanischen Oper? Oder doch lieber bei Stanley Kubricks Filmprojekt „Napoleon“? Man kann es mit dem umfangreichen Kompendium vom Thomas von Steinaecker machen, wie man will. Man kann von vorne anfangen oder irgendwo in der Mitte, das Ende bleibt immer offen. Wenngleich das nicht für dieses Buch gilt, sondern für die Kunstwerke, von denen von Steinaecker hier berichtet. Denn was „Neufundland“ und „Napoleon“ mit Schloss Herrenchiemsee verbindet, ist, dass diese Werke niemals fertiggestellt wurden.

Von Steinaecker fasst sie alle zusammen - jedenfalls die, von denen wir wissen und von denen wir die meisten gerne gelesen, gehört, betreten oder betrachtet hätten. Ludwig van Beethovens zehnte Sinfonie (von Beethoven!), Alfred Hitchcocks „Kaleidoscope“, Adam Elsheimers „Il Contento“. Alles unvollendet - und das aus den unterschiedlichsten Gründen: Tod, Geldmangel, Pech, Größenwahn.

Der König des Scheiterns ist vermutlich Orson Welles. Der US-amerikanische Regisseur und Schauspieler schleppte ein derart gewaltiges Pensum an Projekten und Aufträgen mit sich herum, dass die Grenze zum Wahnsinn längst überschritten war. Er spielte und inszenierte am Theater, sprach und erfand Hörspiele, drehte Filme, absolvierte ausgiebige Reisen. Dass dabei etwas auf der Strecke blieb, verwundert kaum. Es ist allerdings verdammt viel auf der Strecke geblieben, Welles war einer, der alles anfing und wenig beendete. 30 Jahre saß er allein an seiner Verfilmung von „Don Quixote“, dazu kamen Vorhaben wie seine Version des „Kaufmanns von Venedig“ und etliche mehr. Immer war kein Geld mehr da, wurden Negative gestohlen, gab es Probleme mit der Steuerbehörde, oder das Drehbuch war der Produktionsfirma zu experimentell.

Naheliegend, dass von Steinaecker Welles’ gescheiterte Projekte in das Kapitel Größenwahn sortiert hat, gleich neben Ludwig II. und Karl May - wobei Ludwig II. eindeutig den größeren Knall hatte. Die hochtrabenden (und häufig nicht verwirklichten) Bauziele, die er auf dem Höhepunkt seiner Macht verfolgte, sind legendär. „Doch angesichts des Ausmaßes der Projekte in den Jahren vor Ludwigs Tod scheint es tatsächlich so, dass sich die Spirale von immer neuen Bauplänen umso schneller drehte, je mehr seine Macht bröckelte und je höher seine Privatschulden stiegen“, schreibt von Steinaecker. „So wird kurz vor seiner offiziellen Absetzung sowohl an Herrenchiemsee als auch an Neuschwanstein noch gebaut, die Baustelle für Burg Falkenberg wird erschlossen und Entwürfe für das byzantinische und das japanische Schloss werden in Auftrag gegeben. Hinzu kommt der Hubertuspavillon, der als Kopie der Amalienburg in Nymphenburg bereits im Rohbau bei Schloss Linderhof stand und nach Ludwigs Tod abgerissen wurde.“ Geradezu charmant mutet da ein Projekt an, das dem so selbstgefälligen wie fantasievollen Monarchen in seinen jungen Jahren im Kopf herumspukte: „Ludwig will fliegen. In einer Gondel in der Form eines Pfaus über den Alpsee.“ Die dafür nötige Seilbahn wird jedoch nie konstruiert.

Manische Projekte finden sich auch im Kapitel „Utopien“, wo unter anderem die verzwickte Geschichte des Beach-Boys-Albums „Smile“ erzählt wird, ein Werk, das - glaubt man den Experten - den Lauf der Musikgeschichte verändert hätte - wäre es nur, wie geplant, erschienen. Warum diese Platte, deren Stücke von Musik-Genie Brian Wilson 1967 zwar fertig komponiert, aber nicht produziert waren, damals nicht veröffentlicht wurde, steht bis heute nicht zweifelsfrei fest. Weil Wilson psychische Probleme hatte und zu viele Drogen konsumierte? Vielleicht. Es kann auch an den Beatles gelegen haben, die damals das konzeptionell ähnliche Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ herausbrachten. Aber womöglich scheiterte „Smile“ schlicht daran, dass Wilson wie ein Wahnsinniger an seinen Kompositionen feilte, immer neue Bestandteile aufnahm, so dass ihm das Projekt irgendwann über den Kopf wuchs. Das unveröffentlichte Album wurde zum Mythos.

Das Buch

Thomas Steinaecker: Ende offen. Das Buch der gescheiterten Kunstwerke. S. Fischer. 608 S., 35 Euro.

Das Album namens „Smile“, das der Künstler 2004 herausbrachte, hatte mit dem, was einst geplant war, nicht viel mehr gemeinsam als den Namen. Außerdem ist es fast 40 Jahre zu spät erschienen.

Utopien zeichnen sich aber nicht nur durch Umfang und Größe aus, sondern auch durch die Unmöglichkeit ihrer Realisierung - und den Willen, es dennoch zu versuchen. Marcel Proust, Robert Musil, David Foster Wallace - sie alle haben sich auf ihre Weise an einer Art von „totalem Roman“ versucht und sind nicht fertig geworden - was die realisierten Teile womöglich besonders reizvoll macht.

Von Steinaecker erzählt aber auch weniger bekannte Geschichten, wie die des US-amerikanischen Hausmeisters James Hampton, der in seiner Garage in Washington D.C. Nacht für Nacht an einem Gesamtkunstwerk gearbeitet hat, dem „Thron des dritten Himmels der nationalen Jahrtausend-Generalversammlung“. Die vermeintlich kostbaren Throne, Altäre, Fächer und Kronen, die Hampton hier ganz alleine erschuf – das Ensemble umfasst insgesamt 180 Gegenstände –, bestehen aus Sperrholz, das mit Glühbirnen, Flaschen, Spiegeln und Alufolie erweitert und überklebt wurde. Was das sollte? „Der unscheinbare Mann baute einen Thron. Für die Wiederkehr Christi“, so von Steinaecker. Der Hausmeister „plante, bei Fertigstellung des illuminierten Thron-Saales für eine neue Gemeinde einen Gottesdienst in seiner Garage abzuhalten. Doch dazu kam es nicht.“ Er starb 1964 an Magenkrebs. Sein Nachlass wurde in einer Zeitungsannoce angeboten und geriet schließlich durch eine Verkettung günstiger Umstände und das Mitwirken des Künstlers Robert Rauschenberg ans Smithsonian Museum in Washington.

Die Geschichten, die von Steinaecker zusammengetragen hat, sind in ihrer schieren Masse und der aufwendigen Recherchearbeit selbst ein Mammutwerk, das einen langen Atem benötigt; man spürt, dass der Autor sich hineinversetzen kann in Projekte, die schwer zu bewältigen sind. Auch er selbst scheint nur schwer ein Ende gefunden zu haben, das suggerieren die eingeschobenen Kästen, in denen von Steinaecker immer noch etwas am Rande erzählt.

Was „Ende offen“ auszeichnet, ist aber nicht nur die Vielzahl der Beispiele. Je länger man darin liest, desto stärker entwickelt man ein Gespür für das Wesen von Künstlern, die Großes geplant haben. Naturgemäß gibt es im Einzelnen erhebliche Unterschiede in Charakter und Vorgehen. Oft jedoch handelt es sich bei denen, die ein unvollendetes Mammut-Werk zurückgelassen haben, um Menschen, die an ihrem Talent verzweifelten, weil ihnen zur Umsetzung irgendetwas fehlte: Zeit, Geld, Geduld.

Dass es sich dabei nahezu ausschließlich um Männer handelt, ist ein Phänomen, das seltsamerweise gar nicht so sehr verwundert. Verliert sich die Mehrheit der künstlerisch ambitionierten Frauen seltener in überspannten Vorhaben, weil sie ihre Ressourcen besser einschätzen können? Haben sie ein größeres Durchhaltevermögen? Vielleicht. Zu den Ausnahmen zählt Ingeborg Bachmann, die ihren vorzeitigen Tod aber selbstredend nicht einkalkulieren konnte.

Naturgemäß birgt das unvollendete Werk ein weit größeres Potenzial als alles, was je zu Ende gebracht wurde. So kann man es auch bei Bas Jan Ader interpretieren. Der Niederländer begann 1973 eine dreiteilige Serie mit dem Titel „In Search of the Miraculous“, die den Künstler als einen Suchenden mystifizieren sollte. Für Teil zwei wollte er den Atlantik in einem winzigen Ein-Mann-Segelboot überqueren – ein einsamer Abenteurer, der im Angesicht der Naturgewalten seine Bestimmung reflektiert. Er stach am 9. Juli 1975 von Cape Cod, Massachusetts, in Richtung England in See. An Bord waren Kameras, ein Tonbandgerät und Proviant für 180 Tage. Drei Wochen später brach der Radarkontakt ab; Monate darauf fand man ein Wrack mit Aders Pass vor der Küste Irlands. Er selbst blieb verschollen. Einige seiner Anhänger zweifeln bis heute daran, dass Ader jemals aufgebrochen ist.

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