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Die Party

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Drangsal.
Drangsal. © Gerald von Foris

Über ein feuchtfröhliches Stelldichein und eine Begegnung, die nachhallt: EinVorabdruck aus Drangsals Buch „Doch“.

Es ist eine dunkle Nacht. Nachts ist es ja meistens dunkel, aber diese hier, die ist wirklich stockfinster. Rolladen-runter-und-das-Gesicht-ins-Kissen-drücken-finster. Diese Nacht ist ein völlig leerer Raum, der mit Ideen vollgestopft werden muss, bei näherer Betrachtung hat er aber keine Wände: Eine Alles-ist-möglich-Nacht, eine Nacht, um sein sanftes Herz wie den Kuckuck in der Uhr zur Schau stellen und es von allen Seiten attackieren zu lassen.

Ich rutsche Stufe für Stufe erst über die Holz- und dann die Steintreppe herunter bis zum Keller, klaue den Wein, der halt da ist, krieche, wie die Nacktschnecken in unserem Garten es mir beigebracht haben, die Geländer wieder hoch und verlasse mein Elternhaus durch die Balkontür meines Zimmers. Das konstante Rauschen der Landstraßen hinter den Feldern ist hier nachts das einzige Geräusch und wird in mir nach jahrelanger Absenz Heimweh auslösen. Aber jetzt gerade weiß ich das noch nicht. Mit etwas Anlauf und, indem ich sofort – wie beim Schwimmen das Wasser – die mir entgegenströmende Luft unter großer Anstrengung zur Seite schiebe, gleite ich sicher gen Beton. Nur die orangefarbenen Straßenlaternen stechen sich in regelmäßigen Abständen wie leuchtende Säbel durch das Dunkel des dicken Moltons, in den Christo und Jeanne-Claude neulich unser ganzes Dorf gehüllt haben.

Ich bleibe einen Moment lang stehen, länger als nötig und sicherlich länger als genehm, fasse Fuß, gehe sicher, dass auch wirklich keiner außer mir hier ist. Linksrechtslinks. Und von vorne! Und von hinten! Die Straße gibt unter meinem Gewicht leicht nach, weil sie wie eine Hüpfburg nur mit Luft gefüllt ist. Ich kneife meine Augen fest zu, hangele ich mich als Wahlblinder entlang der Leuchtröhren vorbei an der Fahrschule Deck (wo ich meinen Führerschein nie zu Ende machen werde) die Eisenbahnstraße (wo seit 1996 keine Eisenbahn mehr fuhr) herunter und hopse von der Eisenbahnstraße mit einem Satz in die Busseraustraße.

Obwohl ich natürlich schon wusste, was geht, musste ich mich durch ständiges Nachfragen, was denn am Wochenende so ginge, mal wieder selbst einladen. So war es und so wird es immer sein. Entgegen der ausdrücklichen Bitte des Gastgebers muss ich, nachdem auf das Klopfen gegen die Kellerfenster keinerlei Reaktion kam, klingeln, denn ein Handy besitze ich nicht. Wozu auch? Ich tippel nach der zu erwartenden Rüge gesenkten Hauptes und klanglos am Wohnzimmer vorbei. Die reglosen Eltern vorm Fernseher spiegeln sich in der Glastür, sie sind nur eine Attrappe.

Diesmal springe ich die Kellertreppe einfach gleich auf einmal nach unten und sehe dann, dass all meine Freunde schon da sind. Sie sitzen auf ausgemusterten Sofas und Sesseln und Stühlen, die allesamt nicht zueinander passen, haben sich um den achteckigen Fliesentisch versammelt und sind so die fleischgewordene Spiegelung des Kartendecks, das auf ebendiesem Tisch kreisrund um einen leeren Becher liegt.

Komasaufen als Zeitvertreib auf dem Dorf, der Klassiker schlechthin! Unsere großen Geschwister haben es uns beigebracht, die haben es von unseren Eltern. Wir spielen bis zur Ohnmacht und spielen weiter, sobald wir wieder aufwachen. Hin und wieder wird auch ein Joint gerollt. Seit es ein paar aus dieser illustren Runde ob des doch mauen regionalen Angebots selbst in die Zucht verschlagen hat, gibt es das Gras im Überfluss. Es soll natürlich, wenn überhaupt, nur an Freunde verkauft werden und keiner darf es wem anders erzählen. Binnen weniger Tage wissen es Gott und seine Schwestern.

Ich entsinne mich der lauen Sommertage, als ich selbdritt unterwegs durch das kleine Waldstück hinter dem neuen Gewerbepark am Ortsausgang irrte, um ein geeignetes Fleckchen auszukundschaften, entlegen, aber hell musste es sein. Selbstredend, dass wir hierbei gesichtet wurden, aber man kann ja einfach lügen. In diesem Industriegebiet lag auch das alteingesessene Sanitätshaus, das uns zur Zusammenrottung vor der Fahrradtour zu einem der zahllosen Weinfeste in einem der zahllosen Nachbarsdörfer gerade recht war. Durch den Genuss von Weißweinschorle beschwingt bedienten wir uns am hiesigen Müllcontainer, machten kaputter, was uns noch nicht kaputt genug war, gurkten in den ausrangierten Rollstühlen umher und beleidigten die Polizisten, wenn sie kamen. Wir fuhren los, legten andauernd Trink- und Pinkelpausen ein. Ich pisste mir auf die Hand und ohrfeigte meine Freunde. Bis wir dann endlich die paar Kilometer zurückgelegt hatten, hätten wir eigentlich schon kein Fahrrad mehr führen sollen.

Zum Autor:

Drangsal, bürgerlich Max Gruber, geboren 1993, ist ein deutscher Sänger, Songschreiber und Multiinstrumentalist. Aus der pfälzischen Heimat hatte es ihn nach Berlin verschlagen, als ihm mit seinem Album „Harieschaim“ (2016) ein beachtliches Debüt gelang. Auf „Zores“ (2018) folgte im August 2021 „Exit Strategy“, das dritte Drangsal-Album.

„Mit Verachtung“ heißt der Podcast, den Max Gruber gemeinsam mit dem Musiker Casper produziert.

„Doch“ ist das erste Buch des Musikers und enthält Prosa und Lyrik zwischen „Fakt und Fiktion“. Unser Text ist ein Vorabdruck, am 10. März kommt der Band in den Handel.

Wenn man also genug Gras zusammenkratzen kann, baut man sich mithilfe von bis zu vier Meter lang abrollbarem Zigarettenpapier, dessen schiere Existenz und vorangegangener Erfindungsreichtum mich immer unsäglich faszinierte, lachhaft lange Joints, die man kaum halten, geschweige denn rauchen kann, und die wir liebevoll als Schwänze bezeichnen.

Geraucht werden muss ein Schwanz mittlerweile draußen, im Keller befinden sich neuerdings nämlich mehrere PC-Tower, die kontinuierlich laufen und deren einziger Zweck es ist, durch zuvor programmierte Bots in dem Computerspiel World of Warcraft möglichst viel der digitalen Währungen zu farmen. Dieses Gold verkauft man dann via eBay wohl in die ganze Welt, vornehmlich nach Japan.

Der Junge, der die Computer zu jenem Zwecke im Keller deponiert hatte, verdiente sich dadurch dumm und dämlich. Er verschenkte auf dem Pausenhof sogar einmal ein nagelneues iPhone an einen zufällig auserkorenen Mitschüler. Ob das auch wirklich stimmt, weiß ich allerdings gar nicht. Ich war nicht dabei, und es klingt in etwa so plausibel wie die Geschichte von dem Jungen, der jahrelang in jeder Pause auf der Suche nach Bechern, für die man am Automaten 20 Cent Pfand bekam, den riesigen Schulhof absuchte und sich vom Erlös dann irgendwann eine PlayStation kaufen konnte. Er tat mir trotzdem immer total leid.

Das feuchtfröhliche Stelldichein im Tiefgeschoss soll heute ausnahmsweise mal nicht die Endstation sein und so macht man sich, sobald die angemessenen Promille eingeimpft, los zu der ominösen Hausparty, zu der keiner so richtig eingeladen ist. Ein Katzensprung, den man durch die bereits erwähnten Trinkpausen gekonnt in die Länge zu ziehen weiß.

Das halbe Dorf hat sich im Hof versammelt und buhlt um Einlass. Ich treffe weitere Freunde, Bekannte, Feinde. Es tummelt sich, wer was auf sich hält und nichts zu tun hat, also jeder. Durch Bestechung in Millionenhöhe und unter andauernder Androhung körperlicher Gewalt erzwingen wir irgendwann irgendwie den Eintritt in dieses ominöse Schloss in Südwestdeutschland. Alle verlieren sich augenblicklich aus den Augen, um die Gemächer zu erkunden, mich verschlägt es dabei ohne Umwege in die Küche, wo ich sofort bei der großen Auswahl an Leckereien vorstellig werde. Wohlgenährt stelle ich mich danach in den Gang und beginne, Pirouetten zu drehen, um zu sehen, wer noch so da ist. Da erspähe ich ihn: Den schlaksigen Profi-Fußballer in spe aus der zehnten Klasse, der neulich von einem Sportgymnasium auf unsere Schule wechselte und dessen blonder Schopf, blasse Haut und kantiger Kiefer ohne Vorwarnung Einzug in meinen Hormonhaushalt erhielt. Er ist ungefähr drei Meter groß und hat keinerlei Gemeinsamkeiten mit oder Interesse an mir, dem rubenesken Bub in der Atlanta Braves Mütze (das A steht für Arschloch), die ich natürlich nicht trage, weil ich mich für amerikanisches Baseball begeistere – Gott bewahre –, sondern weil Ian Saint Pé, der Gitarrist der Garage-Rock-Raudis Black Lips, sie auch trägt. Ich habe allergrößte Schwierigkeiten, in seiner Nähe Nonchalance zu simulieren und glotze ihn durchgehend an.

Ein Mädchen stiehlt mir ständig meine Cap und ich jage ihr bis in das Zimmer des kleinen Bruders des Gastgebers im zweiten Stock hinterher, wo wir uns irgendwann, und auch nur, weil es sonst nichts weiter zu bereden gibt, küssen. Ich stehe auf und stapele so lange Möbel vor der Tür und auf ihnen Bücher bis unter die Türklinke, bis man diese von außen nicht mehr nach unten drücken und die Tür nicht mehr öffnen kann. Wir ziehen uns aus, es ist das erste Mal für mich, und doch, ich denke dabei immerzu an den Fußballer, bis ich irgendwann aufstehe, wortlos den büchernen Turm zu Babel einreiße und dem kleinen Bruder beim Verlassen seines Kinderzimmers noch fünf Euro klaue.

Ich bin traurig und glücklich, freue mich einfach, dass irgendetwas passiert und verschwinde erst mal in einer Wand. Ich schleiche durch das Mauerwerk, sehe dahinter die Silhouetten meiner Altersgenossen, erstelle nebenher brauchbare Grundrisse und platze im Wohnzimmer wieder aus der Tapete, wo mein bester Freund gerade fremdknutscht. Die meisten stehen draußen und schauen nach oben, aus dem Fenster ragt der Gastgeber mit seinen Schergen. Sie spielen mit Gitarre eine Akustik-Version des Money Boy Songs „Dreh den Swag auf“. Meine Freunde und ich, wir finden das zu Recht peinlich. Ich drehe mich weg, sehe meinen blonden Boy auf sein Fahrrad steigen und am Horizont verschwinden. Ich bin tieftraurig und verstehe mich selbst kein bisschen, es gibt keinen Grund zu bleiben, ich beschließe zu gehen.

Es ist eine kalte Nacht. Nachts ist es ja meistens kälter, aber diese hier, die ist wirklich eiskalt. Heizung aus, Fenster auf Kipp und Kopf in das Kühlfach kalt. Diese Nacht ist ein verwüstetes Haus nach einer Party, das dringend aufgeräumt werden muss, bei näherer Betrachtung hat aber keiner Hände: Eine Alles-ist-tödlich-Nacht, eine Nacht, um sein sanftes Herz wie den Kuckuck in der Uhr zur Schau stellen und es von allen Seiten attackieren zu lassen. Die Straßen sind mittlerweile komplett von einer glänzenden Eisschicht bedeckt. Ich habe meine Jacke vergessen. Hatte ich überhaupt eine Jacke an, als wir gekommen sind? Ich packe meinen besten Freund fest bei der Hand und schlittere mit ihm zusammen wie beim olympischen Paarlauf in Richtung Zukunft. Aber erst mal nach Hause, schlafen.

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