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„Gedichte aus Guantánamo“: Rufe aus der Hölle

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Von: Björn Hayer

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Protest gegen das Gefangenenlager Guantánamo, Frühjahr 2022.
Protest gegen das Gefangenenlager Guantánamo, Frühjahr 2022. © NICHOLAS KAMM/afp

„Gedichte aus Guantánamo“: Vom Menschbleiben inmitten von Gewalt.

Sie wurden verschleppt, verhört und gefoltert: Die Gefangenen in Guantánamo. Seit 2002 wurden dort rund 780 Männer aus 50 Nationen im Alter zwischen 20 und 89 Jahren inhaftiert. Dass an diesem düstersten aller Orte so etwas wie Kunst entstehen kann, mag man gar nicht glauben. Umso mehr versetzt einen die soeben auf Deutsch erschienene Sammlung der Gedichte ehemaliger Insassen des berüchtigten Internierungslagers ins Staunen.

In den USA ein Verkaufserfolg

Obgleich zahlreiche der Texte, erstmals publiziert in der in den USA am häufigsten verkauften Anthologie des Jahres 2007, durch die Zensur im Lager verändert wurden, haben sie nichts an ihrer Kraft eingebüßt. Sie erweisen sich vielmehr als eindrucksvolle Zeugnisse der Gewalt wie auch als Mahnmal gegen Inhumanität und Willkür.

Das Buch

Sebastian Köthe (Hg.): Gedichte aus Guantánamo. A. d. Engl. u. Arab. v. Sandra Hetzl/Kerstin Wilsch. Matthes & Seitz 2022. 131 S., 16 Euro.

Sie dokumentieren zunächst auch, wie Hass Gegenhass erzeugt. Die Peiniger wie in dem „Hungerstreikgedicht“ von Adnan Farhan Abdul Latif als „Folterkünstler“, „Verräter und Feiglinge“ zu bezeichnen, gehört noch zum Harmlosesten, was der Zorn hervorbringt. Weitaus mehr Wut äußert sich bei Sami Al Haj: „Bush, überleg’s dir gut, was du tust! / Wir schärfen unseren Speer, der den verrückten Lügner / treffen wird“. Solcherlei ungeschönte Verse schockieren und verdeutlichen die Absurdität eines Gefängnisses, das statt Terrorismus zu bekämpfen nur neue Radikalisierung herruft. Menschlich dürfte der sich schreibend entladende Affektstau nachvollziehbar sein, zumal die Mehrheit der ehemaligen Inhaftierten nachweislich unbegründet in Gewahrsam genommen wurde.

Zorn ist jedoch nicht der Hauptantrieb für das Verfassen der meisten Gedichte. Vielmehr dienen sie zur eigenen Rettung. Während Wärter den Häftlingen durch einheitliche Uniformen und Zahlenbenennungen jedwede Individualität absprechen, statuieren sie in ihrem Schreiben erst recht das Ich. Es erinnert sich an die Familie und Landschaften in der Ferne. Die Poesie, die oftmals auf Becher geschrieben wird oder im gemeinsamen Gesang gegen die beklemmende Stille Raum findet, offenbart den imaginären Ausweg aus der hoffnungslosen Wirklichkeit. „Ich fliege auf den Schwingen der Gedanken / und erfahre so – selbst in diesem Käfig – eine größere / Freiheit“, hält Shaikh Abdurraheem Muslim Dost fest. Abdulla Majid Al Noaimi sieht in der Dichtung ferner einen Behälter, der all die Finsternis aufnimmt. „Versenk die Traurigkeit deines Herzens in einen Talkessel“, so sein Appell: „Mach sie zu deiner Gefangenen; lässt du sie frei, fügt sie / dir Leid zu“.

Einerseits können diese zeitgeschichtlich bedeutsamen Miniaturen, versehen mit einem aufschlussreichen Nachwort von Sebastian Köthe, nur begrenzt mit ästhetischem Raffinement aufwarten. Andererseits manifestiert sich in ihnen eine so nur selten in der Lyrik artikulierte Dringlichkeit. Die Dichtung fungiert als persönlicher Existenzbeweis. Oder noch umfassender: Sie steht für den Versuch, die Menschenwürde selbst inmitten der Barbarei zu behaupten.

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