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Die Mobilisierung der Toten

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Kommt auch drin vor: Donald Trump. Foto: AFP
Kommt auch drin vor: Donald Trump. © AFP

Karl-Heinz Otts „Verfluchte Neuzeit. Eine Geschichte des reaktionären Denkens“.verspielt eine Chance. Von Malte Osterloh.

Es könnte das Buch der Stunde sein. Dass Karl-Heinz Otts „Verfluchte Neuzeit. Eine Geschichte des reaktionären Denkens“ das nicht ist, hat sowohl formale als auch inhaltliche Gründe.

Den Namen Putin sucht man in „Verfluchte Neuzeit“ ebenso vergebens wie etwa den Iwan Iljins, des revanchistischen Antibolschewisten, den Putin bereits mehrmals zitiert hat, oder den Alexander Dugins, des rechtsextremen Schwurblers, der Verbindungen in die höchsten Kreise der russischen Politik haben soll. Dafür widmet Ott sich ausführlich den reaktionären Kräften in Amerika, selbstverständlich Trump, dem früheren Justizminister William Barr und einem Professor der University of Notre Dame. Man kann das als symptomatisch bezeichnen für die Haltung großer Teile der deutschen Bevölkerung: Die USA sind das vorzügliche Ziel der Kritik; was in Russland passiert, wurde bisher entweder verharmlost oder ignoriert. Und eines morgens wundert man sich dann.

Der Titel des Buches wirft unmittelbar zwei Fragen auf: Was ist die Neuzeit? Was heißt Reaktion? „Neuzeit bedeutet Freiheit“, schreibt Ott und belässt es bei dieser sehr simplen und zugleich unklaren Definition. Inwiefern sich die Neuzeit von der Moderne und der Aufklärung unterscheide, fragt er zwar, antwortet darauf aber nicht und verwendet die Begriffe dann munter synonym.

Um eine Definition der Reaktion bemüht Ott sich gar nicht erst. Das ist bedauerlich, denn hätte er das getan, wäre er vermutlich auf Benjamin Constant gestoßen, mit dessen „Des réactions politiques“ von 1797 der Begriff in seiner heutigen politischen Bedeutung geprägt wurde. Eine solch basale Information dürfte man in einer Schrift, die sich eine Geschichte nennt, schon erwarten, aber es handelt sich gar nicht um eine chronologische Darstellung, sondern um eine Reihe an kleinen Essays, in denen Ott, nicht unelegant, zwischen Personen, Werken und Jahrhunderten hin- und herspringt. Weniger elegant sind dabei die ständigen Wiederholungen, die das Lektorat auch hätte herausfischen können.

Im Zentrum stehen Carl Schmitt und Leo Strauss sowie dessen Platon-Lektüre, an der Ott kein gutes Haar lässt; zudem treten die erwähnten Amerikaner auf, Nietzsche, Heidegger und originellerweise Foucault, den man als Kritiker der Macht nicht unbedingt auf der Seite der Reaktion erwartet hätte. Otts primärer Vorwurf gegen die Reaktionäre ist, dass sie ihr Ordnungsverlangen über den neuzeitlichen individuellen Freiheitsdrang stellten. Welche neuzeitliche Gesellschaft, wie liberal sie auch sein mag, ohne eine Ordnung auskommt, die Freiheiten einschränkt, sagt er nicht.

Das Buch

Karl-Heinz Ott: Verfluchte Neuzeit. Eine Geschichte des reaktionären Denkens. Carl Hanser Verlag, München 2022, 432 S., 26 Euro.

Ein Krake mit Knochen?

Wer von der Reaktion spricht, kann von der Aktion, also der Neuzeit, schwerlich schweigen, und hier finden sich bei Ott unter anderem Descartes als Begründer des Rationalismus wieder, Hegel als Gewährsmann eines historischen, also nicht absoluten Wahrheitsbegriffes (das wäre reaktionär) und, das ist erfreulich, der zu selten gelesene Karl Löwith als Strauss-Widersacher und zugleich Vertreter einer moderaten Fortschrittsskepsis. Ott ist ein belesener Mann, das ist schön, denn davon profitiert man als Leser immer. Verzeihen kann man dann auch, dass Rousseau ins 17. Jahrhundert gesteckt wird; weniger verzeihlich sind einige Stilbrüche („beschissen“, „Eier abschneiden“), schrägste Metaphern („Die Krake Staat muss bis aufs Knochengerüst (!) abgespeckt werden“), die fehlende oder fehlerhafte Transkription altgriechischer Wörter sowie die auf vielen Ebenen falsche Übersetzung der libido dominandi als „libidinöse Herrschsucht“.

Irritierend ist Otts inflationärer Gebrauch von „heute“ und „Heutigen“. In seinem Bemühen, ein Buch mit Aktualitätsbezug zu schreiben, scheint er vergessen zu haben, dass die Toten zu dieser Aktualität keine Meinung haben. So heißt es über Eric Voegelin und Jacob Burckhardt – das ist nur ein Beispiel von vielen möglichen: „Der heutige Empörungsgestus besitzt in ihrer beider Augen etwas Erbärmliches.“ Erich Voegelin starb 1985, Jacob Burckhardt hat weder im 21. noch im 20. Jahrhundert auch nur einen einzigen Atemzug getan.

Immer wieder mobilisiert Ott die Toten für seine Argumentation, indem er davon spricht, was diese heute sagen, wie sie reagieren „würden“. Das ist natürlich absurd, da sich im Irrealis alles beweisen lässt, also gar nichts.

So oft sich Ott des Konjunktivs II bedient, so selten des Konjunktivs I. Das überrascht in einem Werk, das sich mit einer Vielzahl verschiedener Positionen auseinandersetzt, und es führt zu Missverständnissen: Ob Ott eine fremde Ansicht referiert oder selbst urteilt, ist häufig schwer zu unterscheiden.

Klar ist allerdings: Ott urteilt viel. „Verfluchte Neuzeit“ ist in einem engagierten Ton geschrieben. Ott will das reaktionäre Denken entlarven und bloßstellen. Das ist grundsätzlich ein honoriges Unterfangen, nur verfällt er dabei regelmäßig in einen erstaunlich illiberalen Ton, spottet eher, als dass er argumentiert, und schreckt auch nicht davor zurück, Aussagen über charakterliche Defiziteeiner Protagonisten zur Bewertung ihrer Werke heranzuziehen. Dass man dem Werk eines Denkers oder einer Denkerin energisch widersprechen und darin dennoch immer wieder interessante und aufschlussreiche Gedanken finden kann, scheint Ott nicht einmal eine Möglichkeit zu sein. Und damit ist „Verfluchte Neuzeit“ zwar nicht das Buch der Stunde, aber doch ein Buch unserer Zeit.

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