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Die Lyrik ist schon viel weiter

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Von: Björn Hayer

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„Schickt sie zu mir, die Heimatlosen, vom Sturm Getriebenen ...“ – Zeilen aus Emma Lazarus’ Klassiker „The New Colossus“ im geräumten Flüchlingscamp „Dschungel von Calais“, Herbst 2016. Der „neue Koloss“ war 1883 die noch nicht fertige Freiheitsstatue in New York.
„Schickt sie zu mir, die Heimatlosen, vom Sturm Getriebenen ...“ – Zeilen aus Emma Lazarus’ Klassiker „The New Colossus“ im geräumten Flüchlingscamp „Dschungel von Calais“, Herbst 2016. Der „neue Koloss“ war 1883 die noch nicht fertige Freiheitsstatue in New York. © AFP

Viel schneller als die Politik: Inmitten neuer Fluchtbewegungen erprobt Gegenwartsdichtung seit Jahren unverdrossen einen postnationalen und kosmopolitischen Blick auf die Welt.

Dichtung beginnt dort, / wo dein Wortschatz endet“, schreibt der ukrainische Autor Serhij Zhadan, dem vor Kurzem der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen wurde. Obwohl diese Verse bereits 2020 in der Erstauflage seines Bandes „Antenne“ zu lesen sind, könnten sie aktueller nicht sein. Es ist die Rede von einer Poesie, die über Grenzen hinausgeht, nach einer Form für das sucht, was noch nicht erschlossen oder verloren gegangen ist. Ihre Stimme gibt sie daher all den Entwurzelten, all den Landsfrauen und -männern des Schriftstellers, die beispielsweise in Deutschland Zuflucht vor dem Krieg gefunden haben. Was sie, die ihre geografische und sprachliche Heimat verloren haben, fühlen, lässt sich nur erahnen.

Eine Annäherung an ihr wie ebenso das Schicksal all jener Migrantinnen und Migranten, die im Schatten von Putins Krieg noch immer über das Mittelmeer nach Europa aufbrechen, stellt indessen die Poesie her. Entgegen aller politischen Beschränkungen hält sie sich nicht an künstliche Barrieren nationalstaatlicher oder kultureller Natur. Sie birgt einen unendlichen Möglichkeitsraum. So zu beobachten etwa in Dagmara Kraus’ Text „deutschyzno moja“. Die Geflüchteten mit ihrem eigenen Wortschatz stellen für sie eine Bereicherung für das eigene Schaffen, einen Quell für die Poetisierung der Welt dar: „millionen flüchtige wörter stehen an / der grenze zu diesem gedicht“, das wie ein Mensch seinen Umgang mit dem Unbekannten erst noch finden muss. Was als Land früher vermeintlich (!) einstimmig war, wird nun mehrstimmig, sodass Verse wie „rece blagaja, bebeten die grenzen / deine deutschyzno moja“ zustande kommen.

Die Zone zwischen dem Eigenen und dem Anderen schwindet – vor allem in so virtuosen Sprachspielen, wie sie Barbara Köhler in ihrer noch zu Lebzeiten erschienenen Miniatur „FREMDENVERKEHR“ vorführt: „die verkehrung von fremden zu freunden, deren / falsifizierung: valse vrienden, false friends / weil handschriftliches lettering etwas undeut / lich zwischen fremd und freund sein kann bloß / so eine halbe kehre vom m zum un und unzuläng / lich wie menschen ja umgehn mit andern und un / terschieden die sie bewegen“.

Indem die Lyrikerin selbst die konventionelle Worttrennung am Zeilenübergang aufbricht, entsteht ein Fließen in der lyrischen Sprache. Fremde klingt wie Freunde. Und doch gibt es eben eine kleine, aber spürbare Differenz, die in der jüngeren Vergangenheit immer wieder zu Ausgrenzungen und kulturellem Protektionismus beitrug.

Zum Weiterlesen

Durs Grünbein: Zündkerzen. Gedichte. Suhrkamp 2017. 152 S., 24 Euro.

Barbara Köhlers „Fremdenverkehr“ findet sich im „Jahrbuch Lyrik 2018“, Schöffling, 232 S., 22 Euro.

Dagmara Kraus: liedvoll, deutschyzno. Gedichte. kookbooks 2020. 79 S., 19,90 Euro.

Thilo Krause: Was wir reden, wenn es gewittert. Gedichte, Edition Lyrik Kabinett, Hanser 2018. 128 S., 18 Euro.

José F. A. Oliver: wundgewählt. Gedichte. Matthes & Seitz 2018. 224 S., 24 Euro.

Serhij Zhadan: Antenne. Gedichte. A. d. Ukrain. v. Claudia Dathe. Suhrkamp 2020. 144 S., 14 Euro.

Der Büchnerpreisträger Durs Grünbein arbeitet daher in seinem Gedicht „Die Ausgeschlossenen“ sehr genau den Blick der Stigmatisierung auf Menschen anderer Herkunft heraus. Im Park campierende Afrikaner muten seinem lyrischen Ich fast wie unsichtbare „Gespenster“ und „Randfiguren“ an, welche von jenem römischen Brunnen trinken, den einst ihre Vorfahren, die Sklaven, erbaut haben. Sie seien „stolze Menschen im Grunde, doch nutzlos / in ihrer Verborgenheit“. Denn die meisten Passanten haben nur Ablehnung für sie übrig, „Augen“, die „punktier[en]“ und verurteilen.

Wohl weil die Lyrikerinnen und Lyriker ein besonderes Sensorium für kleinste Verschiebungen im sprachlichen und politischen Diskurs besitzen, verfügen sie über eine hohe analytische Kompetenz. Sie zeigen, wie sich das Insistieren auf kultureller Homogenität schon auf der Ebene der zwischenmenschlichen Kommunikation bemerkbar macht und dann in größere Strukturen übergreift. Überdies vermag die Dichtung mehr als jede andere Gattung, die Leserschaft zu einem Einfühlen anzuregen, wodurch sie uns unterschiedliche und vor allem gleichwertige Perspektiven eröffnet. Dadurch verlieren die Zugewanderten ihre Fremdheit. Wir bekommen eine Vorstellung von deren Leid und Ausweglosigkeit. Das Denken in separierenden Kategorien wie In- und Ausländer löst sich dabei zugunsten einer von Toleranz und Pluralismus geprägten Wir-Gemeinschaft auf, in der das Phantasma von einer kulturell-nationalen Ursprünglichkeit leichtfüßig ad absurdum geführt wird.

Ein Schriftsteller, der den Traum einer polyphonen Kultur in jüngeren Werken anschaulicht realisiert, ist Thilo Krause. Er berichtet in seinem Gedicht „Rede des Migranten“ vom Los des Dazwischenseins von Geflüchteten. „Du schliefst / im Schatten der Büsche / die sich neigten / auf beiden Seiten. / Fluss oder Berg. Kommen oder gehen“ – so beschreibt das lyrische Ich sein Gegenüber, das ganz an das „oder“ und die beiden „Seiten“ gekoppelt ist. Diese Zwitterposition löst sich erst auf, als es den Fremden mit einer Pflaume assoziiert. Die Frucht vereinigt zwei Hälften. Daher ist es, bevor der Text doch deprimierend mit der Entscheidungsfrage nach „Kommen oder gehen“ endet, zumindest kurz möglich, vom „Fluss und dem Berg“ gleichzeitig zu reden. Beides trägt der Migrant mit sich herum, das Alte und das Neue. Er erweist sich als Wanderer und Vermittler der Kulturen.

Lyrik über Migration und Flucht entwirft in diesem Sinne eine Poetik der Globalisierung. Ihre Zeugnisse reichen visionär über das Zeitalter von Krieg, Abschottung und Neokolonialismus hinaus, indem sie einstmals Trennendes überhaupt nicht mehr kenntlich machen und Sprache derweil als hybrides, künstlerisches Medium einsetzen. Worte werden ihrer klassischen Bedeutung enthoben, rekombiniert und in unkonventionellen Kompositionen neu gesetzt.

Zur Exzellenz hat diese verspielte Ästhetik der andalusischstämmige und 1961 im alemannischen Hausach geborene José F. A. Oliver gebracht. Aus dem mit kultureller Hegemonie verknüpften „eigendeutsch“ macht er kurzerhand „eigensinnlich“. Der besagte Eigensinn des Poeten entzieht sich jedweder Einordnung, versteht sich als die große Freiheit des Denkens, Formulierens und Reisens. In seinem „gedicht einer e / migration“ steht ein in einem „böhmischen dorf“ „geboren[es]“ Ich im Zentrum. Es wächst „abgeschottet / von einer spanischen wand“ auf, findet seinen Platz zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen. Der Zwang, sich festlegen zu müssen, ruft in ihm daher blankes Entsetzen hervor. Denn „Hören // meine augen auf zu träumen / wenn jemand mit dem finger auf eine landkarte zeigt“. Diese Lyrik nimmt längst eine postnationale, vielleicht sogar weltbürgerliche Epoche kantianischer Ausprägung vorweg. Scheinbar fixe Identitäten entlarven sich spätestens dann als bloße Konstruktionen.

Während also manche Politikerinnen und Politiker noch über Integration reden, sind die Dichterinnen und Dichter inzwischen weiter. Sie zeigen offenherzig Begegnungsorte auf, nämlich in der Sprache selbst, wo Ferne und Nähe zueinanderfinden. In ihr wird Augenhöhe zwischen Produzenten und Rezipienten erzielt und Empathie praktiziert. Die poetischen Texte dieser Tage schicken uns dabei auf unsicheres Gelände. Und das ist gut so. Denn kulturelles Selbstverständnis vermittelt sich hierbei nicht als Zustand, sondern als Dynamik. Die Worte fließen, über alle Zäune und Schlagbäume hinweg. Hin zu einem Raum, den wir noch nicht kennen und der uns keineswegs Angst bereiten sollte.

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