Buchmesse 2020

Die Leere und die Fülle

  • Judith von Sternburg
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Die USA und wir und die Frage, wer wir sind: Buchmessen-Momente in Frankfurt.

Der wirklich gespenstische Teil dieser Buchmesse ist logischerweise das Gelände selbst, der Weg Richtung Festhalle, der sonst in die Hallen führt. Jetzt ist es verheerend leer. Im Saal ist es ebenfalls verheerend leer.

Aber nein, da vorne ist was, dekorativ ausgeleuchtet, eine Insel im Dunkel. Sie sieht unwirklich aus und darf eigentlich auch nicht wahr sein. Die Bühne, die locker gestellten Stühle mit kleinen Tischchen, der gar nicht kleine Büchertisch: Hier, wo jetzt unermüdlich nach draußen gestreamt wird, hätte die Messe bis kurz vor Beginn noch ihren letzten kleinen Landeplatz vor Ort haben sollen und wollen. Hätte bestimmt Spaß gemacht. Jetzt sind hier ausschließlich die Leute, die auf oder hinter der Bühne arbeiten und ein paar von der Presse, die mal gucken dürfen.

Vorne läuft es wie am Schnürchen. Sofort stellt sich der vertraute Eindruck ein, dass eine Buchmesse, indem sie sich am laufenden Band mit Literatur befasst, eben doch einen kompakteren, krasseren Einblick in die Gegenwart bietet, als er sonst möglich ist. Oder durch das Lesen von Kurznachrichten vorgegaukelt wird. Hier können immerhin einmal Gedanken zu Ende geführt und Nachfragen gestellt werden. Also sprechen zum Beispiel Olivia Wenzel („1000 Serpentinen Angst“) und die Österreicherin Melisa Erkurt („Generation haram – Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“) mit Hadija Haruna-Oelker über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung. Melisa Erkurt weist darauf hin, dass es an Schulen nach wie vor unbedingt auf Respekt stoße, wenn ein Kind Deutsch und Französisch spreche. Spreche es aber Deutsch und Türkisch, führe das zur Diskussion, ob in der Pause nicht allein Deutsch erlaubt sein müsse. Einwände sind möglich, aber unterm Strich nicht triftig.

Wie Gretchen aussieht

Wenzel, mit Erfahrungen vom Theater, erinnert daran, wie schwierig es für nicht „weiß“ aussehende junge Schauspielerinnen und Schauspieler ist, ein Engagement zu finden. „Wenn ich dich als Gretchen besetze, ist das gleich ein politisches Statement“, heiße es dann. Wenzel: Sie fände es cool, trotzdem mal ein bisschen Platz zu machen.

Natürlich fragt Haruna-Oelker nach Intersektionalität, den Überschneidungen verschiedener Diskriminierungskategorien. Wenzel: Wenn Toiletten für mehr als zwei Geschlechter eingerichtet seien, interessiere sie sich schon dennoch dafür, wer diese Toiletten und unter welchen Bedingungen putze. Erkurt: Deshalb könne sie Alice Schwarzer nicht mehr ernstnehmen, deren Standpunkt immer nur ihr eigener sei. Überhaupt wird deutlich, wie weit die Diskussion fortgeschritten ist, wie abgeklärt, aber auch: wie wenig sie einwirkt auf die gesamte Gesellschaft oder auch nur auf die Kultur. So lange „weiße Akademiker“ die Ansagen machten, sagt Erkurt, werde sich daran nichts ändern.

Direkt im Anschluss eine hochinteressante Diskussion über die Situation in Amerika eine Woche vor den Wahlen, Ausgangspunkt das Buch „Wahn – Die amerikanische Katastrophe“, dessen Autoren Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby mit Ulrich Timm sprechen. Die beiden erinnern unter anderem an die „Fairness-Doktrin“ – die dem Rundfunk eine ausgewogene politische Berichterstattung auferlegte – und die Folgen ihrer Abschaffung 1987. Dazu gehöre der Aufstieg des Radiomanns und berüchtigten rechten Hetzers Rush Limbaugh, von seinem Showgast Donald Trump im Februar mit der „Medal of Freedom“ geehrt.

Sollen wir trotzdem am Rande auch die Frage mit hinaus nehmen, warum die einen meistens zu ihren eigenen Belangen befragt werden und die anderen die große, weite Welt erklären sollen? Selbstverständlich ist das ein zufälliger Moment, ein klassischer Buchmessen-Zufall-Moment.

Aus der leeren Halle geht es in einer grotesk überfüllten U4 zurück in die Innenstadt, wo bei Open Books in der Evangelischen Akademie auch die Schriftstellerin Anna-Katharina Hahn („Aus und davon“) und der Politologe Torben Lütjen ( „Amerika im kalten Bürgerkrieg“) über die USA sprechen, befragt oder eher angeregt von Sandra Kegel und Gert Scobel. Hahn, deren Buch die meisten hoffentlich längst gelesen haben, bestätigte den Eindruck, der bei der Lektüre entsteht: Dass es sie vor allem erstaunt habe, wie total fremd ihr das Land sei und auch geblieben sei. Ein Land, bei dem man, so Lütjen, dessen Buch man offenbar unbedingt lesen muss, zu Unrecht eine Art verlängertes Europa erwarte. Auch hier wird leider keine glasklare Wahlprognose geboten.

Am Rande macht Lütjen auf das Phänomen an US-Hochschulen aufmerksam, unter den Studierenden sehr stark vom eigenen ethnischen, religiösen sowie vom eigenen Gender-Standpunkt aus zu argumentieren. Ihm werde dann durchaus gesagt, er „als weißer Mann“ könne das und das nicht beurteilen. Seine Antwort sei dann je nachdem: Er als Politologe aber schon.

So hing wieder alles mit allem zusammen, und so ließ sich praktisch über alles reden.

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