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Heinz Strunk: „Ein Sommer in Niendorf“ - Die große Vergeblichkeit

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Von: Stefan Michalzik

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Hingestellt und noch nicht abgeholt in der Lübecker Bucht.
Hingestellt und noch nicht abgeholt in der Lübecker Bucht. © Chris Emil Janßen/Imago

„Ein Sommer in Niendorf“. Heinz Strunk setzt die Pflege seiner literarischen Obsession abwechslungsreich fort.

Die Haltung des Erzählers in Heinz Strunks Roman „Ein Sommer in Niendorf“ ist keine mitfühlende, zumindest nicht offenkundig. Da ist der Humor dazwischen, das prägende Element des Blicks. Das Tun der meisten Figuren ist bestimmt von einer Begrenztheit, einem Nicht-über-sich-Hinauskönnen.

Roth, Wirtschaftsanwalt, Anfang 50, hat den Sommer über Urlaub, auf drei Monate, bis zum Antritt einer neuen Stelle. Er hat ein Appartement mit Meerblick in Niendorf gemietet, einem Ortsteil von Timmendorfer Strand. Da ist sie gleich, die Heinz-Strunk-Spezialität, auf der zweiten Seite des Buches: Als Roth das „Büro“ geheißene Kabuff des Verwalters Breda betritt, lässt der hastig irgendetwas in einer Schublade verschwinden. Flachmann, Porno, Falschgeld? Die Luft: ein Gemisch aus „Reval ohne Filter, (…) Essensmief, menschlichen Ausdünstungen und irgendetwas stechend Chemischem“. Raumgreifend Unordnung und Siff. Breda, „langer Lulatsch mit Plautze, strohiges Haar“, hat das Äußere eines Alkoholikers. Es kommt noch erheblich drastischer, aber das sparen wir uns.

Der Ort, ein Touristennest. „Myriaden von Greisenradfahrern“. Die Jugend, da ist Gerechtigkeit gewährleistet, kommt nicht besser davon. Roth, liberal gesinnt, will die Geschichte seiner Familie über drei Generationen hinweg mit einst sagenhaftem unternehmerischem Erfolg und erheblichen Flecken in der Nazizeit zu einem dokumentarischen Roman mit Thrillerspannung machen. Soll ein Sensationserfolg werden. Herausfordernd das Umfeld: 1952 hat die Gruppe 47 in Niendorf getagt; Lübeck, die Stadt Thomas Manns, ist um die Ecke. Es gehört nicht viel dazu, um vorherzusehen, dass die literarische Ambition erbärmlich scheitern wird.

Wer mit der charakteristischen Vortragsweise von Heinz Strunk vertraut ist, der zuerst als Musiker und Komiker mit dem Trio Studio Braun Furore gemacht hat, hört unwillkürlich die Stimme des Autors mit. Selten eine Seite, die einen nicht wenigstens einmal zu einem breiten Grinsen verführt. Die Pointierung indes ist nicht die quicke einer oberflächlichen Satire, sondern eine des präzise studierten Milieus. Knapp und klar die Sprache dieses außerordentlichen Erzählers.

Das Buch:

Heinz Strunk: Ein Sommer in Niendorf. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022. 234 Seiten, 22 Euro.

Immerfort tun sich Blicke auf trostlos verkorkste Existenzen auf. Kein Übergewicht, keine Unansehnlichkeit, die nicht plastisch ausgemalt wären. In Strunks Humor, mag er noch so beißend sein, lässt sich gleichwohl eine unterschwellige Barmherzigkeit hineinlesen für die Nichtreichen und die Nichtschönen.

So angewidert und scheinbar von oben herab Roth die Dinge wahrnimmt, er selbst ist versehrt vom Leben und trinkt ohne Maß. Vor einem Jahr wurde er geschieden von seiner fundamentalistisch-christlich erweckten Frau, der Mutter einer nichtsnutzigen erwachsenen Tochter, zu der er nur Kontakt hat, wenn sie ihn gerade mal wieder um Geld angehen will. Eine nächtliche Autofahrt unter Minimum zwei Promille läuft aus dem Ruder. Dann verirrt sich Roth auch noch in zudringlich „romantische“ Schwachheiten gegenüber einer weit jüngeren Kellnerin. Immer weiter kommt Roth seiner bisherigen Welt abhanden und wird soghaft hineingezogen in die seines so ungebetenen wie dann auch wieder gesuchten Antipoden Breda, einer Multiexistenz aus Ferienappartement-Verwalter, bestem Kunden im eigenen Edelspirituosengeschäft und Strandkorbvermieter.

Herr Strunk, wo bleibt das Positive? Das gibt es, in Gestalt eines Rentnerehepaares im Nachbarappartement. Er war Tischlermeister mit eigenem Betrieb, sie Lehrerin für Deutsch und Geschichte: zentrierende Kräfte, ohne deren Wirken die Gesellschaft implodieren würde. Und Leute wie er? fragt sich Roth. Heikel, heikel.

Das Abstoßende, das Ekelhafte, die Vergeblichkeit in ewigen Variationen: ähnlich, bloß mit einem anderen Grundmotiv, hat es Wilhelm Genazino zum Büchnerpreisträger gebracht. Angesehene Preise hat auch Strunk schon etliche eingesammelt, mit „Ein Sommer in Niendorf“ gelangte er auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis. Verdient, auch weil er sich darauf versteht, seiner literarischen Obsession immer wieder das Unerwartete abzugewinnen.

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