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„Ihre satanische Musik, Jazz und Swing, sind eine direkte Folge des Marihuana-Konsums.

Hanf

Die gesegnete Faser

  • Olaf Velte
    vonOlaf Velte
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Universelle und verbotene Pflanze: Der unendlichen „Hanf“-Geschichte hat Ute Woltron ein Porträt gewidmet.

Gegensätzlicher können die Verehrer nicht sein. Dort der nationalsozialistische Reichsnährstand mit seiner „Lustigen Hanffibel“ von 1939, hier die rebellische Alternativgesellschaft mit ihrer seit 1974 florierenden Zeitschrift „High Times“. Kaum jemand auf dem Planeten Erde, der von der Pflanzengattung Cannabis unberührt wäre, ihrer herrlichen Dualität als Nutz- und Rauschfaser.

Was dieses von Mutter Natur ersonnene Wunderding dem Warmblüter Mensch einst war und heute noch ist, kann nun auf einen Rutsch nachgelesen werden: Jetzt erschienen ist in der stets beachtenswerten „Naturkunden“-Reihe von Matthes & Seitz das Porträt-Büchlein „Hanf“, zusammengestellt von Ute Woltron und mit der Nummer 61 auf die Reise geschickt.

Weil eine nüchterne Bestandsaufnahme angesichts des Themas nicht gelingen kann, geleitet die österreichische Autorin ihre Leserschaft umgehend ins eigene Gartengeviert, wo sich „dunkelgrüne Blattfächer mit sieben Fingerchen samt den charakteristischen Zacken an den Rändern“ zum Licht emporheben. Als „stolze Hanfbäuerin“ hat die 1966 geborene Woltron eine zwei Jahrzehnte währende Cannabis-Praxis hinter sich – in gesetzlich nicht gewollter Selbsthilfe ein Migräneleiden lindernd, zugleich eintretend in Baudelaires „künstliche Paradiese“.

Zum Buch

Ute Woltron: Hanf. Ein Portrait. Matthes & Seitz (Naturkunden 61). 159 S., 20 Euro.

Eine Streitschrift ist der Band nur gelegentlich, stets aber ein beherztes Plädoyer zur Freigabe einer Pflanze, deren Gaben die Menschheitsgeschichte wesentlich beeinflusst haben. Heute können sich – laut UNDC Drug World Report – rund 193 Millionen Weltbürger zum eingeschworenen Kreis der Hanf-Clubberer zählen. Für diese Fanbasis ist in erster Linie jedoch Cannabis indica von Belang: Der in zahlreichen Unterarten blühende Indische Hanf entwickelt jenes Harz, das mit seinem ordentlichen THC-Gehalt in andere Zustände überführt. Wie dies alles im eigenen Gärtchen oder Zimmerchen gedeihen kann, wird ebenso liebevoll geschildert wie die beglückende Mühsal des Erntezeremoniells.

Über der tiefen Hingabe an „Hindu Kush“ oder „Alaskan Thunder Fuck“ wird in diesem schmucken Brevier gottlob der verdienstvolle, aber psychedelisch unbrauchbare Faser- oder Nutzhanf (Cannabis sativa) nicht vergessen. Ein Bezirk jenseits des medizinisch-halluzinogenen Universums – jedoch bis weit in vorchristliche Jahrtausende hinabführend.

Lange war der anspruchslos wachsende Hanf – neben dem heute ebenfalls aus der Landschaft verschwundenen Flachs – die wichtigste Pflanze in Menschenhand. Ohne die gesegnete Faser keine Segelschifffahrt, kein Öl für Haut und Magen, weder die erste Gutenberg-Bibel noch die erste Levi’s-Jeans. Dass die stolze Pflanze dem heute angestrebten Nachhaltigkeitsideal wie keine andere entspricht, ist ein altbekanntes Faktum, für moderne Industrieagrarier aber wohl kein ausreichendes Argument: was keiner Düngung und Bewässerung und Unkrautbekämpfung bedarf, hat kaum Befürworter, von einer „Lobby“ ganz zu schweigen.

Eine Skandalgeschichte eigenen Zuschnitts ist die Entwicklung von der „universalen Pflanze“ zur „verbotenen Pflanze“. Weil amerikanische Baumwollbarone und Pharmafürsten ihre Waren zum Massengut machen wollen, verschwindet der Hanf von Feldern und Küchenregalen. Immerhin war das Cannabis-Elixier – nicht zuletzt wegen seiner verlässlichen Wirkung bei vielen Gebrechen – fester Bestandteil jeder bürgerlichen Haushaltung. In den 1930er Jahren werden mittels Hetze und Propaganda nicht nur Nutz- und THC-Hanf erledigt, ganze Bevölkerungsgruppen sind plötzlich kriminalisiert. Ein Zitat macht den Wahnsinn offensichtlich: „Es gibt insgesamt 100 000 Marihuana-Raucher in den USA und die meisten davon sind Neger, Hispanos, Filipinos und Unterhaltungskünstler. Ihre satanische Musik, Jazz und Swing, sind eine direkte Folge des Marihuana-Konsums. Dieses Marihuana lässt weiße Frauen sexuelle Beziehungen mit Negern, Unterhaltungskünstlern und Anderen eingehen.“

Trotz aller Dunkelheit, in die das Hanf-Universum seit nunmehr einem Jahrhundert versunken ist, ringt sich die gärtnernde Porträtistin Woltron („Gartenfieber. Aus dem Leben eines Gartenfans“, so einer ihrer Titel) schließlich zu einem hoffnungsvoll-klugen Resümee durch: „Seither weiß ich, dass wir nichts wissen, und diese Erkenntnis besteht bis heute. Sie hat sich lediglich zur Gewissheit verdichtet.“ – Gelassenheit, Demut, Widerständigkeit: Heilige Dreiheit der Cannabis-Lehre (hier in zartgrünes Kleinoktav gebunden).

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