feu_SaechsischeScxhweizh_epd
+
Die Elbe im Naturschutzpark Sächsische Schweiz.

Literatur

Die Elbe steigt indessen weiter

  • vonEberhard Geisler
    schließen

Und dem Frieden ist nicht zu trauen: Thilo Krauses Roman „Elbwärts“ über den Versuch einer Rückkehr.

Hermann Kant, zuversichtlich für die Zukunft des deutschen Arbeiter- und Bauernstaats, hatte 1965 seinen Roman „Die Aula“ mit dem Satz enden lassen: „Hier wird schon noch geredet werden“. Davon handelt das neue Buch eines Autors, der 1977 in Dresden geboren wurde und mittlerweile in Zürich lebt. Die Wiederbegegnung mit der Heimat musste ihn zu der ernüchternden Erkenntnis führen, dass dreißig Jahre nach der Wende dort offenbar noch immer nicht geredet wird, und die Menschen zum Diskurs noch immer nicht fähig sind.

Der Roman, gesättigt mit autobiographischen Details, erzählt von einem jungen Ehepaar, das sich nach einiger Erfahrung im Westen mit seiner kleinen Tochter zurück in die Gegend begibt, wo beide Partner geboren worden waren und ihre Kindheit verbracht hatten, in die herrliche Sächsische Schweiz, wo die Elbe noch jung und grün umwaldet gerade aus Böhmen eingetroffen ist. In der Nähe der Festung Königstein, hoch im Elbsandsteingebirge gelegen, haben sie ein Haus gekauft und wiederhergerichtet, um sich wieder zu Hause fühlen zu können, umgeben von der vertrauten Landschaft, die für sie voller Erinnerungen ist. In der Fremde hatten sie sich nicht heimisch gefühlt; die Arbeitskollegen hatten sich gewundert, dass sie kein Interesse an den Sehenswürdigkeiten ihrer neuen Umgebung gezeigt hatten, sondern auf ihren Ausflügen immer nur nach Feldern, Apfelbäumen und dem Horizont Ausschau gehalten hatten, nach Heimatlichem– „auf der Suche nach einem losen Ende, das aus unserem alten Leben baumelte“.

Während Christina, die Frau, als Physiotherapeutin arbeitet, um die Leute geradezubiegen, wie es heißt, ist der Erzähler selbst arbeitslos, passt auf die Kleine auf und hat vor allem Zeit, wahrzunehmen, was ihn umgibt, und über die Eindrücke von seiner ehemaligen Heimat nachzudenken. Es sind Empfindungen tiefster Zerrissenheit, die sich bei ihm einstellen. „Ich gehe auf und ab, schaue auf unser stilles, glückliches Haus und denke daran, wie fremd ich gewesen bin in den Jahren, als ich weg war von hier.“ Und tatsächlich wird er fündig, was die Weite der Landschaft und die Reinheit der Luft angeht: „Über den Feldern steht ein riesiger Nachthimmel. Wie ich die Milchstraße vermisst habe all die Zeit. Hier gibt es sie noch.“ Aber dem Frieden ist nicht zu trauen. Gleich zu Beginn der Erzähler fest, dass die kleine Familie von den Einheimischen nicht freundlich aufgenommen wird: „Wir gingen wie gegen einen Widerstand.“

Vieles aus der Vergangenheit kommt hoch. Der Vater des Erzählers war zu DDR-Zeiten bei dem Bergbauunternehmen Wismut beschäftigt gewesen, das Uran gefördert, aufgearbeitet und an die sowjetische Atomindustrie geliefert hatte. Auch in der Nähe der Festung Königstein hatte es eine Lagerstätte gegeben, an der von Wismut Uran abgebaut worden war.

Unbeschadet seines Stolzes auf den erreichten beruflichen Erfolg sollte der Vater bald an der Strahlung und Verseuchung seines Arbeitsplatzes mit Chemikalien jämmerlich zugrunde gehen. Die Mutter, erinnert der Sohn sich, schien ihren Lebenssinn im ständigen, stillschweigenden Schmieren von Butterstullen für die Familie gefunden zu haben. Aber er hat auch anderes, Wilderes zu berichten. Einen großen Raum nimmt seine Freundschaft zu dem gleichaltrigen Vito ein. Mit ihm zusammen ist er in die schroffen Felsen der Gegend geklettert, um oben den schwindelnden Ausblick auf das Elbtal zu genießen. Freilich stürzte Vito bei einem dieser Ausflüge ab und verletzte sich schwer am Bein, so dass dieses amputiert werden musste.

Das konnte den Freiheitsdrang der beiden Dreizehnjährigen nicht stoppen, und so schwänzten sie denn die Schule und fuhren – der Erzähler auf dem Moped, der einbeinige Freund hinten in einem Anhänger – zu einer Stelle im Wald, von wo aus sie eine Höhle erreichten, um in diesem Versteck für eine kurze Zeit zu träumen, sie täten es Gagarin gleich und könnten eine Welt hinter sich lassen, die ihnen zu eng geworden war. „Windschief verharren wir in der Landschaft. Ein Denkmal für nichts. Ein Denkmal für uns selbst.“ Was die kleine Dorfgemeinschaft betrifft, so blieb der tragische Sturz Vitos von ihr völlig unkommentiert; die DDR-Gesellschaft hatte alles gleichsam verschluckt, alle freie Rede war arretiert.

Daran hat sich für den Erzähler überhaupt nichts geändert. Seine Lebensführung, seine Freundschaften – auch mit dem tschechischen Busfahrer Jan – werden überaus aufmerksam, aber schweigend von den Dörflern beäugt. Alte „Bescheidwisser“ mögen darunter sein, aber auch die Heutigen tuscheln bloß untereinander und sind zu einem offenen Diskurs und zu Verständigung nicht in der Lage. Ähnlich wie die „Glatzen“, die ganz in der Nähe Hakenkreuze schmieren, entwickeln auch sie Fremdenhass, indem sie die plötzliche Überschwemmung des Tals durch die angeschwollene Elbe denen in die Schuhe schieben, die ihnen als Fremdkörper gelten.

Die Elbe indessen steigt weiter. Der Zugereiste, der Einbeinige, der Tscheche – entwurzelt, ausgegrenzt im Angestammten – brechen in ihrem vollgepackten Auto mit zwei Frauen und dem kleinen Kind auf, um Kurs Richtung Schlagbaum zu nehmen und das nahe Böhmerland anzustreben.

Es sind wunderbare Nachrichten für die Literatur deutscher Sprache. Aus der Stummheit ist doch noch ein Triumph der Erzählkunst hervorgegangen, und ein Autor, fernab an der freundlichen Limmat, hat sich als Meister des Innehaltens, Beobachtens und Formulierens erwiesen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare