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Die Briefe von Hans Wollschläger – Aus Wörtern eine Seelen-Sphäre bauen

Erstellt:

Von: Eberhard Geisler

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Hans Wollschläger (1935-2007).
Hans Wollschläger (1935-2007). Foto: privat © privat

Das Briefwerk des Schriftstellers, Übersetzers und Literaturkritikers Hans Wollschläger.

Dass die Sprösslinge protestantischer Pfarrhäuser Bedeutendes zur deutschen Dichtung und Philosophie beigetragen haben, indem sie das väterliche Erbe aus enger Orthodoxie und Kirchenmauer befreiten, ist hinlänglich bekannt. Hans Wollschläger, geboren 1935, stammte aus einem solchen Elternhaus. Jetzt ist eine Auswahl seiner Briefe zu lesen.

Ein breiter Fächer von Kontakten tut sich auf, die Wollschläger zu Verlagen, zur Kritik und zu Kollegen knüpfte. Zwei große Projekte hatten ihm am Herzen gelegen, einmal die historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Karl Mays, die er zusammen mit Hermann Wiedenroth begonnen und durch eine eigene Biografie des populären sächsischen Schriftstellers flankiert hatte; dessen Leben und Schreiben hatte er als rätselhaftes, widersprüchliches, in jedem Fall großes Schicksal empfunden. Zum andern hatte er die historisch-kritische Werkausgabe Friedrich Rückerts vorantreiben wollen, eines Dichters, den er ganz besonders schätzte.

Rückert gilt als Begründer der deutschen Orientalistik, hatte sich in 40 Sprachen ausgekannt, Gedichte geschrieben und eine große, aus dem 9. Jahrhundert stammende Anthologie arabischer Lyrik übersetzt. Hierfür war der Verleger Thedel von Wallmoden in Göttingen der geeignete Ansprechpartner.

Wollschläger macht kein Hehl daraus, dass Arno Schmidt für ihn der bedeutendste lebende Schriftsteller gewesen und für ihn zum Meister geworden war. Man erfährt, dass Schmidt schamlos Witze und Einfälle literarisch verwendete, die Wollschläger bei gemeinsamen Treffen zum Besten gegeben hatte, ganz als sei er von dessen Unvermögen ausgegangen, selbst mit dem Anspruch auf Eigenständigkeit aufzutreten, und als habe er dies ausnutzen wollen. Wollschläger ist vor allem Schmidts religionskritischem Impetus gefolgt, ohne sich allerdings, wie dieser, uneingeschränkt als Atheist zu bezeichnen. In seinem Essayband „Die Gegenwart einer Illusion. Reden gegen ein Monstrum“ (1978) hat er sich als „Agnostiker und Kirchenfeind“ vorgestellt, der sich der Tradition der Aufklärung verpflichtet weiß und aufzeigen will, wie beide Konfessionen sich in ihren Institutionen haben Machtmissbrauch zuschulden kommen lassen.

Bei Lektüre dieser Briefe dämmert einem jedoch, dass jeder vernünftige Mensch seinerzeit zwar von Schmidts herrlichen Kritiken, in denen er gegenüber den Kollegen der frühen Adenauerzeit kein Blatt vor den Mund genommen hatte, begeistert sein musste, aber trotzdem nicht um die Einsicht herumkam, dass Schmidt sich in seinen späten Folianten wie etwa „Abend mit Goldrand“ in ein trotzig-versponnenes Abseits begeben hatte. Wollschläger muss dieses Dilemma gespürt haben, denn er hat bewundernswerterweise seine Konsequenz daraus gezogen. An einigen wenigen Stellen wird deutlich, dass für ihn die Gefahr eines gestelzten Ausdrucks bestand – dass er Gefahr lief, ein Beharren zum Ausdruck zu bringen, das sich nicht lockern konnte, ohne sich als Beharren selbst aufzugeben.

Das Buch

Hans Wollschläger: Briefe 1988-2007. Hg. von Thomas Körber. Wallstein, Göttingen 2022. 524 S., 38 Euro.

Als er dem Verleger Gerd Haffmans die von ihm neu herausgegebenen „Kindertotenlieder“ Rückerts schickt, formuliert er: „Als Signum meines nicht erloschenen Wirkens kommen mit selbiger Post die grad erschienenen ‚Kindertodtenlieder‘“. Hier rang er sozusagen noch um einen Diskurs, der ihm zu diesem Zeitpunkt selbst nicht mehr glaubwürdig erschienen war. Gerade in dieser Hinsicht sollte er alsbald aber zu ermutigender Gelöstheit finden. Es wird ihm um ein Beharren gehen, das nicht ausgrenzt, sondern Weite eröffnet.

Zu Arno Schmidt äußert er sich dann weise und nachsichtig, wie es einem Brief an den Autor einer schmalen Schmidt-Biografie zu entnehmen ist. Der Bargfelder Autor sei auch ihm durchaus als Selbstinszenierer erschienen, und „das Bild des tieftraurigen, vor Empfindlichkeit zitternden Menschen, der mir nach einigen Stunden Gespräch, wenn die Riten absolviert waren, gegenübersaß“, gehöre für ihn zu einem Porträt des Meisters unbedingt dazu. Auch schildert er an anderer Stelle, wie er sich mit seinem Vater ausgesöhnt habe, der zwar für die Kinder und alles Menschliche nicht mehr ansprechbar gewesen sei, sobald er den Talar anzog und die Kanzel betrat, mit dem er aber nie wirklich gebrochen habe.

In aller Deutlichkeit beklagt Wollschläger, dass die christlichen Glaubensinhalte mittlerweile verschwunden seien „in ein Nichts hinein, aus dem nichts Balancierendes zurückkommt“. Einem solchen Nihilismus will er entgegenarbeiten. Peter Schünemann gegenüber stellt er am 20. April 1992 fest: „Wir haben beide immer dasselbe gewollt: aus Wörtern eine Seelen-Sphäre zu bauen, in der sich Liebe zum Gegenstand entfalten kann, Mitfühlen, Erkenntnis, und jene nicht mehr schreibbaren Wörter zu resonieren beginnen, in denen der Gegenstand selbst unendlich fortspricht ... Wir stehen, Du und ich, in dieser unserer Zeitgenossenschaft damit wohl völlig allein“.

Diese Bemerkung liest sich wie ein Programm für künftige Autoren und Autorinnen, bei denen das reine Räsonnement wiche, die Rede nicht nur Klang, sondern Widerhall würde, d.h. Antwort und nicht selbst Ursprüngliches, und in welcher Rede, was seit langer Zeit aus dem Diskurs gefallen zu sein schien, die einzelnen Gegenstände selber, erst zur Sprache brächte. Wollschläger fügt seinem Brief hinzu: „...um den letzten Trümmerstumpf der Frauenkirche stehen Gerüste, und ich war einen Moment lang von einem Glücksgefühl durchdrungen, als würde etwas Eigenes dort wiederhergestellt.“

1987 hatte Wollschläger ein Traktat verfasst, in dem er den barbarischen Umgang der Gesellschaft mit Nutz- und Versuchstieren anprangerte; allmählich waren ökologische Fragen für ihn in den Vordergrund getreten. Einer interessierten Dame schildert er brieflich, wie sein Speiseplan ausschaut: immer seltener steht Fleisch darauf, immer häufiger kommt Vegetarisches auf den Tisch. Am 17. November 2006, wenige Monate vor seinem Tod, bekennt er dem Bruder: „Zuletzt bleiben ‚fürs Leben‘ wichtig bloß noch die menschlichen Freundschaften, die man zuteil bekommen hat, und die ‚Natur‘ als Umgebung... dafür bin ich täglich dankbar.“

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