Minka Pradelski

Die Annäherung der Nachgeborenen

  • vonAndrea Pollmeier
    schließen

Minka Pradelski liest im Ignaz-Bubis-Gemeindezentrum aus „Es wird wieder Tag“.

Keinerlei Unsicherheit liegt in Minka Pradelskis Stimme, und doch redet die Autorin über tiefe Zweifel und Fragen: „Ich schreibe über die Erfahrung der Vernichtung und eine Zeit, die ich nicht selbst erlebt habe“, sagt sie. Darum frage sie sich immer wieder, ob sie berechtigt sei, ob sie angemessen schreibe und es hinreichend wage, auch die Brutalität in ihrer ganzen Härte darzustellen.

Im Gespräch mit Fernsehmoderatorin Bärbel Schäfer spricht Minka Pradelski im Ignaz-Bubis-Gemeindezentrum erstmals öffentlich über ihr neues Buch, das soeben unter dem Titel „Es wird wieder Tag“ in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist. Die jüdische Autorin hat sich in ihrem zweiten Roman an ein sehr persönliches Thema gewagt: die unmittelbare Nach-Holocaust-Zeit in Deutschland. Jüdische Überlebende konnten damals den bedrohlichen Boden nicht sofort verlassen, sondern mussten in Lagern, die für „displaced persons“ eingerichtet worden waren, warten, bis sie Richtung USA oder Palästina ausreisen konnten. In dieser Zeit des Übergangs ist Minka Pradelski 1947 als Tochter Überlebender im dp-Camp Zeilsheim geboren worden.

Noch frisch die Todesangst

In ihrem Roman erzählt sie somit nah an ihrer eigenen Geschichte entlang. Eingeflochten sind Erinnerungen, die sie aus Gesprächen mit Zeitzeugen aufgenommen hat. Fiktiv und doch realistisch spricht sie jeweils aus der Perspektive des Kindes Bärel, der Mutter Klara und des Vaters Leon über die Erfahrungen in dieser bisher nur selten literarisch ausgeleuchteten Zeit der Jahre 1946/47. Sichtbar werden Menschen, denen die Todeserfahrung noch äußerst nah ist und die um ihre Zukunft ringen.

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin von Clemens de Boor hat Minka Pradelski am Sigmund-Freud-Institut über „Nachwirkungen massiver Traumatisierungen bei jüdischen Überlebenden der NS-Zeit“ geforscht und – wie sie erzählt – für das Buch vor acht Jahren gezielt über die schwierige Nach-Holocaust-Zeit in Deutschland und den damaligen „Wartesaal der Überlebenden“ recherchiert. Gerade weil die Zeit der Zeitzeugen dem Ende entgegengehe, sei es ihr wichtig, alle noch bestehenden Erinnerungen aufzunehmen und lebendig zu halten. „Als Nachgeborene kann ich mich zwar nur annähern, aber ich gebe mein Innerstes in dieser Annäherung.“

Deutlich wird, dass Überlebende nicht – wie man erwartet hätte – auf Händen getragen wurden. Sie mussten teils lange im Übergang ausharren. Das führte dazu, dass sie in nächster Nähe mit Tätern des Holocaust lebten. Eine retraumatisierende Zufallsbegegnung zwischen Täter und Opfer, wie sie im Buch beschrieben wird, war in dieser Zeit überaus realistisch. „Die Schergen waren alle noch da und lebten unbehelligt und geschützt in ihren Familien“, so Minka Pradelski. „Egal wie alt die Täter sind, eine Verurteilung muss erfolgen, auch wenn sie nur symbolisch wirksam wird, das bleibt als positives Zeichen.“ Das Publikum applaudiert spontan.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare