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„Die andere Mrs. Walker“ von Mary Paulson-Ellis: Spur der Kerne

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Von: Sylvia Staude

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Armut in Edinburgh
Armut in Edinburgh © imago images / imagebroker

„Die andere Mrs. Walker“, eine mäandernde Kriminalgeschichte von Mary Paulson-Ellis

Mary Paulson-Ellis, Jahrgang 1968 und Schottin, macht es der Leserin nicht leicht. Hat auch gar nicht die Absicht, es leicht zu machen. Genregrenzen scheinen ihr egal zu sein. 400 Seiten weit gespannt ist ein Spannungsbogen vom Auffinden einer alten, an natürlichen Ursachen gestorbenen Frau bis zur Klärung, wer sie eigentlich ist – und dann weiß man immer noch nicht recht, ob man diese mäandernde, zwischen den 1930er Jahren und heute springende Geschichte einen Kriminalroman nennen soll. Eigentlich geht es um eine unglückliche, vom Unglück verfolgte Familie: Kinder sterben, die Mutter wird wahnsinnig und in ein „Sanatorium“ gesperrt, der Vater verschwindet, die Haushaltshilfe reißt sich (umstandslos, wie es scheint, mit Hilfe eines korrupten Anwalts) das Haus und die restlichen Kinder unter den Nagel. Es mag ihr wie die Chance ihres Lebens erscheinen, sie ist arm.

Kann jemand zahlen?

Für die Chance, ein bisschen Geld zu verdienen, hält es die im Grunde obdachlose Margaret Penny, als sie den Auftrag annimmt, für die Stadt Edinburgh die Identität einer alten Frau zu klären – Nachname Walker, Vorname unbekannt – sowie die Frage, ob sie noch irgendwelche Verwandte hat (die das Begräbnis bezahlen könnten). In London ist Penny in einem Finanzjob gescheitert, mittellos zurückgekehrt zu ihrer Mutter nach Edinburgh. Die bietet ihr die Abstellkammer an – aber es wäre gut, wenn sie nicht so lange bleiben, sich bald was Eigenes suchen würde.

Das Buch

Mary Paulson-Ellis: Die andere Mrs. Walker. Roman. A. d. Engl. v. Kathrin Bielfeldt. Argument 2022. 440 S., 23 Euro. 

Mary Paulson-Ellis legt Spuren, winzige, die von Mandarinenkernen in Manteltaschen zum Beispiel, die eines Bildes, das nur einen Staubrand hinterlassen hat. So unauffällig sind ihre Andeutungen bisweilen, dass die Leserin sich dabei ertappte, zwischendurch ein wenig verärgert zu sein über die arg forcierte Geheimniskrämerei bzw. die überstrapazierten Verwicklungen.

Andererseits hat sie doch immer weiter gelesen in „Die andere Mrs. Walker“, vor allem, weil Wahrhaftigkeit aus diesem Roman leuchtet und Figuren ihn bevölkern, die nicht sympathisch sind (meist das ganze Gegenteil), aber komplex und lebensnah. Es ist Mary Paulson-Ellis eben auch kein Mandarinenkern zu klein.

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