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Im Dickicht der Zeitläufte

Igor Stiks wühlt in dunklen Archiven.

Von ANTON THUSWALDNER

Ein Mann gerät außer Tritt. Richard Richter, ein österreichischer Schriftsteller mit Welterfolg, ist mit seinen fünfzig Jahren völlig in Einklang mit sich und seiner Generation. Er gehört den kritisch-aufgeklärten Intellektuellen an und liest als alter 68er den Zeitgenossen die Leviten. Im Abstand von Jahrzehnten geißelt er die Täter und Mitläufer, die das Dritte Reich möglich gemacht haben. Er tut sich leicht, weil er unbelastet darüber zu schreiben vermag.

Er, Jahrgang 1942, verlor seine Mutter unmittelbar nach seiner Geburt, sein Vater beging bald nach dem Krieg Selbstmord. Er stand nie unter Zwang, sich von den Schatten der Vergangenheit aus persönlichen Motiven zu befreien. So lautete die ihm bekannte Version. Und dann, als er in der Wohnung seiner Tante eine Mauer niederreißt (Achtung, Symbol!), stößt er auf einen Brief an ihren Geliebten, und mit einem Schlag sieht alles anders aus: Richard Richters Mutter arbeitete offenbar im Untergrund, war schwanger von einem jüdischen Widerstandskämpfer, der verhaftet wurde und von dem man fortan nichts mehr hörte. Aus Vernunftgründen heiratete sie einen Jugendfreund, einen treuen Gefährten, "der alle Bedingungen ohne einen Einwand akzeptiert, sogar unsere Liebe und Dein Kind".

Jetzt verfügt der bekannte Autor über eine neue Identität, eine Opferbiografie sozusagen. Fortan steht er einen ganzen Roman lang unter Schock. So tief sitzt die Verstörung, dass sich Richard bangend auf macht nach Sarajevo, das sich 1992 gerade im Belagerungszustand befindet, um Spuren seines Vaters zu sichern. Am Ende wird er sich auch noch umbringen.

Man sieht, es geht dramatisch zu in Igor Stiks Roman "Die Archive der Nacht". Dieser Autor, Jahrgang 1977, will nämlich alles. Er beschreibt ein existenzielles Drama, ein historisches Dilemma und eine philosophische Versuchsanordnung. Das existenzielle Drama besteht daran, dass ein Mann mit seinem Leben nicht mehr zurande kommt. Den Schriftsteller, gewöhnt, sich Konflikte auf Papier auszudenken, überfällt nämlich seine Lebenswirklichkeit. Er bedarf der Informationen über die Vergangenheit, um zu klären, wer er eigentlich ist. Zufälle im Überfluss kommen ihm zu Hilfe, damit er sich selbst kennen lernt. In jeder Begegnung steckt ein Stück Selbsterfahrung.

Aber weil sich der Zufall nicht gut macht in einem anspruchsvollen Roman, kommen so große Wörter wie "Schicksal" und "Verdammnis" ins Spiel. Simon, eine dieser Wundergestalten, deren Auftauchen automatisch Krisenstimmung erzeugen, jongliert mit halb klugen, halb rätselhaften Sätzen der Art: "Auf leisen Sohlen kommt die Erkenntnis. Und gleich danach das Verderben." Überhaupt häufen sich die starken Sätze, die von einer persönlichen Katastrophe künden, weil die Erzählung selbst diesen fundamentalen Schrecken nicht recht zu beglaubigen vermag.

In Sarajevo begegnet Richter einer Superfrau, klug, stark, schön, impulsiv, einer Art Zauberfee des Begehrens, und sofort fängt der intellektuelle Mann Feuer. Jetzt haben wir auch noch eine Liebesgeschichte. Dass Alma, mit der Richard bald schläft, auch noch seine Schwester ist, klingt nicht nur haarsträubend, das ist es auch. Da helfen aufgedonnerte Sätze auch nicht weiter: "Heute stehe ich ohnmächtig vor dem dunklen Archiv meines eigenen Lebens, in das sich die Biografien anderer eingesponnen haben, um zu eben jenen Dramen zu werden, aus denen ich hervorgegangen bin."

Jetzt bekommt die Zeitgeschichte ihren Auftritt, Nationalsozialismus, die Belagerung Sarajevos 1992 und das Elend im Tito-Jugoslawien: "Jelenas Mann saß im Gefängnis von Sarajevo. Man warf ihm vor, die Resolution des Kommunistischen Informationsbüros mitgetragen und damit auch an den stalinistischen Verschwörungen gegen die Volksregierung teilgenommen zu haben." Geschichte bei Igor Stiks ist vor allem ein undurchdringliches Dickicht. Sie wird nicht nur von Menschen gemacht, geheimnisvolle Mächte treiben sie an. Ein unbewusstes Geschichts-Es wütet.

Die philosophische Versuchsanordnung ist dem großen Thema Wahrheit gewidmet. Groß ist der Erkenntnisgewinn nicht. Wir erfahren, dass es viele subjektive Wahrheiten gibt und weit und breit keine eindeutige, für jedermann verbindliche. So werden Binsenweisheiten zu Literatur. Lange wurde Richard Richter die Wahrheit über sein Leben vorenthalten, er lebte gut mit einer Lüge. Das macht ihm zu schaffen, er lernt aber daraus nichts. Als er gewahr wird, dass ihn eine Liebesgeschichte mit seiner Schwester verbindet, verheimlicht er ihr die Wahrheit, belässt sie im Reich der Lüge. Tragisch das Ganze!

Zu viel ist für Stiks nicht genug. Deshalb schreiben stets andere Autoren mit. Die "Odyssee", Danilo Kis ("Sanduhr"), Max Frisch ("Homo Faber") sind nur einige von denen, die zitiert, variiert und in Anspielungen aufgerufen werden. Ein naseweises Buch hat Igor Stiks mit seinem zweiten Roman abgeliefert - und wurde mit Preisen überhäuft.

Igor Stiks:

Die Archive der Nacht. A. d. Kroatischen v. Marica Bodrozic. Claassen Verlag, Berlin 2008, 379 S., 19,90 Euro

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