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Ein Dichter in hundert Spiegeln

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Von: Arno Widmann

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Eine reichhaltige Ausgabe der Gedichte des großen Luís de Camões stellt auch verschiedene Übersetzungen der Werke ins Deutsche nebeneinander. Eine lehrreiche Erfahrung.

Bevor Sie das Buch aufschlagen, gehen Sie an Ihren Computer und geben ein: amalia rodrigues com que voz. Nehmen Sie den Youtube-Eintrag und hören Sie sich eine Aufnahme aus dem Jahre 1970 an. Amália Rodrigues (1920 – 1999), die Königin des Fado, singt ein Sonett des portugiesischen Nationaldichters Luís de Camões (etwa 1524 – 1580). Es ist wichtig, dass Sie sich das anhören. Denn es ist schwierig, durch die Übersetzungen hindurch zu dem Gestus des Originals zu finden. Außerdem, wir sollten niemals vergessen, dass diese Gedichte wahrscheinlich niemals ganz ohne Musik gedacht waren. Dabei muss man nicht davon ausgehen, dass Rodrigues so sang, wie Camões sein Gedicht hatte hören wollen. Es langt, dass man versteht, was alles mit diesen Worten getan werden kann, die auf deutsch so hölzern, so – ich sage mal – grammatisch klingen.

Camões’ Gedicht hat keine Überschrift. Es beginnt mit den Worten: „Com que voz chorarei meu triste fado“. In der Übersetzung von Maralde Meyer-Minnemann heißt das „Mit welcher Stimme werd’ ich mein trauriges Schicksal beweinen“. Eine völlig korrekte Übersetzung, die dann völlig korrekt so weitergeht: „das mich in so grausamer Leidenschaft begraben hält“. Es stimmt jedes Wort, aber die Sache ist weg. Die höre ich erst in den Wechseln von Aufschrei und Schweigen bei Amália Rodrigues.

Die wundersame Vermehrung

Die Gedichte des Luís de Camões liegen in einer großartigen Ausgabe auf Deutsch vor. Mehr als hundert Gedichte, mit einem Vorwort, mit Kommentaren von Rafael Arnold. Dem Vorwort entnehme ich, dass das Titelgedicht „Com que voz?“ erst seit 1922 Camões zugeschrieben wird. Dort erfahre ich auch, dass nach dem Tode des Dichters eine wundersame Vermehrung seines Werkes stattfand.

Wir lesen also, wenn wir Camões lesen, nicht nur Camões. Die von Rafael Arnold betreute Ausgabe kann da nicht die Schafe von den Böcken scheiden. Sie kann uns nur helfen beim Verständnis des portugiesischen Dichters. Sie tut das, indem sie Übersetzung und Original nebeneinander druckt. Bei manchen Gedichten sind es zwei, drei Übersetzungen, bei „alma minha gentil...“, einer Variation, so sagt der Herausgeber, über ein Thema von Petrarca, sind es zehn!

„O edle Seele“ hieß es 1803

Der Leser fängt an, Camões scheinbar zu vergessen und versackt in den deutschen Versionen, die zwischen 1803 und 2012 entstanden. Er lächelt, wenn er liest, dass im Jahre 1803 die ersten Worte des Gedichtes als „O edle Seele“ in Deutschland eintrafen. Wie schön ist dagegen der Klang der ersten Worte von Karl Moritz Rapps (1803 – 1883) Übertragung der Verse des Camões ins Oberschwäbische: „Du guote liobe sal“ aus dem Jahre 1855. Beim Weiterlesen ertappe ich mich freilich dabei, hinüber zu schielen zum Portugiesischen, um nicht ganz in dem gar zu fremden Deutsch unterzugehen.

Bei einer Übersetzung von Otto von Taube (1879 – 1973) fällt mir auf, dass bei ihm die Wunderblume einem Strom entstieg statt dem Euphrat wie bei Camões. Das scheint mir gut. Das Prunken mit Bildungsgut, mit fremden Namen, ist schon lange kein Qualitätsmerkmal mehr. Es vertreibt heute den Leser, den es früher lockte. Gibt es eine quantitative Auswertung zum Beispiel der Namenshäufigkeit in der deutschen Lyrik? Wie viel Götter und Göttinnen tummeln sich noch in der Barocklyrik? Wie viel Luisens und Leonorens machen sie Platz?

Wie gegenwärtig sie sind

Ich habe mich weit entfernt von Camões. Gerade weit genug, um ihn klarer zu sehen. Wenn ich nämlich jetzt seine Gedichte betrachte, fällt mir auf, wie gegenwärtig sie sind. Fast keine Luisens und Leonorens, kaum Götter und Göttinnen. Die Geliebte ist die Geliebte und sie trägt meist – oder ist es gar immer? – keinen Namen. Es geht um Liebe und Liebesverlust, um Tod und Leben. Große Worte kommen vor und auch große Gedanken. Aber sie kommen aus Erlebtem, nicht aus den Büchern. Es ist nicht das Wissen, das wir mit anderen Menschen teilen. Es sind die Gefühle. Wer sich in seiner Unsicherheit zeigt, in dem wird der Nächste sich erkennen können.

Leben war und ist immer unübersichtlich und riskant. Dass das nicht nur ein Gedanke ist, sondern eine existentielle Bedrohung, das sah Camões. Das sang auch Amália Rodrigues.

Luís de Camões: Com que voz? Mit welcher Stimme?, hrsg. von Rafael Arnold, Elfenbein, 423 Seiten, 24 Euro.

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