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Um diese beiden kommt Nicholas Boyles in seiner sehr kurzen Literaturgeschichte nicht vorbei.

Boyles kleine Literaturgeschichte

Dichten in Deutschland

Ein Segen für alle Germanistikstudenten. Warum Nicholas Boyles kleine Literaturgeschichte kurz ausfallen kann. Von Katharina Rutschky

Wenn es etwas gibt, worum ich heutige Studierende der Literatur- und Kulturwissenschaften beneide, dann sind es zwei Bücher, die zwar als historische Abrisse daherkommen, aber als Grundlagentext zu empfehlen sind. Die von Heinz Schlaffer geschriebene "Kurze Geschichte der deutschen Literatur" erschien 2002 zum ersten Mal. Auf wenigen 158 Seiten erfuhr der Germanistikstudent, warum zum Beispiel der "Parzival" des Wolfram von Eschenbach noch langweiliger ist als Hölderlins "Hyperion".

Schlaffer unterschied eine germanistische, seit 200 Jahren akademisch verankerte, von einer Literaturgeschichte, die vor allem von Lesern und Kunstkennern am Leben gehalten wird. Die von den romantischen Philologen wiederentdeckte altdeutsche Epik fand so wenig den Weg ins Volk wie mancher mit kritischen Ausgaben gehypte Dichter zum Publikum. Und vollends wird die in der Bismarckzeit zur "deutschen Klassik" ernannte Hoch- und Anfangszeit der deutschen Literatur um 1800 als "German romanticism" in der angelsächsischen Welt besser verstanden als bei uns.

Im Unterschied zu England oder Frankreich war und blieb die Universität die Brutstätte für Schriftsteller. Das führte einerseits zum Kult unreifer Männlichkeit und jung verblichener Genies - formal andererseits zu einer Verklärung von unvollendeten und gescheiterten Werken. Diese Deutung und der Terminus "ungesättigte Darstellungsweisen" lösen viele Rätsel, die mich als Studentin zur Verzweiflung brachten.

Am produktivsten war Schlaffers These, dass der beeindruckende Anfang (und Höhepunkt) der deutschen Literatur auf die Verwandlung religiöser Energie in Enthusiasmus zurückgeht. Weshalb "Tiefe", "Betroffenheit" und "Authentizität" bei uns als Ausweis von Bedeutung und Qualität mehr zählen als das Gemachte und Gedachte.

Nicholas Boyle hat sich für seine "Kleine deutsche Literaturgeschichte" hundert Seiten mehr Platz genommen als Schlaffer. Der Goethe-Biograph aus Cambridge mag angelsächsische Leser im Auge gehabt haben. Das mindert das Gewicht des originellen Büchleins aber keineswegs. Wo hat man einmal gehört, dass die Literatur der DDR das "letzte Rückzugsgebiet der Wirklichkeitsfremdheit" war, echte Erbin der falschen deutschen "Klassik"? Wer hat sich je getraut, Heiner Müller ästhetisch zwar die "hemmungslose Wildheit wahrer Trauer" zuzugestehen - ihm aber gleichzeitig zu attestieren, dass er zu den "Trauergästen auf der falschen Beerdigung" zählt? Des Sozialismus und seiner Geschichtsmetaphysik nämlich.

Überforderte Dichter

Im Unterschied zu Schlaffer argumentiert Boyle weniger als Ästhet denn als Sozialhistoriker und politischer Mensch mit ästhetischem Sinn. So fällt ihm der Widerspruch von thematischem Ehrgeiz und altmodischem Goethedeutsch bei W.G. Sebald auf. Ist die Verwandlung von Trauma in Erinnerung das Anliegen der westdeutschen Literatur nach 1945, so verwundert es den Engländer doch auch, dass man es immer noch im Habitus des Bildungsbürgers verfolgt.

Boyles Hauptthese ist, dass überforderte Dichter und Literaten immer wieder zur Definition nationaler Identität beigetragen haben, weshalb politische Zäsuren auch für die Literaturgeschichte taugen. Das war so, als Werther seine Empfindsamkeit gegen den Formalismus der Standesgesellschaft stellte; das war nicht anders, als nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg in Berlin die radikale Modernität von "Weimar Germany" Leute von überall her anzog. Zu Recht, denn es war die erste postimperiale, postbourgeoise Kultur.

Wie Schlaffer will Boyle die Eigenart der deutschen Literatur, ihren Sonderweg, wenn man so will, herausarbeiten. Neben den Universitäten, von denen es 40 in Deutschland, aber nur zwei in England gab, prägten zwei Aufklärungen die Literatur. Hier die schwache, "empirische", realistische des Mittelstands - dort die rationalistische und elitäre der Fürstendiener. Die Spuren von Bürokratismus und Beamtentum lassen sich in der deutschen Literaturgeschichte ebenso nachweisen wie der Protest der Außenseiter dagegen.

Den nüchternen Nachweis, dass Goethe und Schiller von Überlegungen hinsichtlich der Vermarktung ihrer Produkte ebenso beeinflusst waren wie heutige Autoren, kann wohl nur ein englischer Professor erbringen. Boyle hat mehr Platz, und den nutzt er zu Urteilen, die ästhetische und soziologische Einsichten verbinden. Grimmelshausens "Simplizissimus" ist heute noch lesbar, weil er für lange Zeit allein die Stimme einer "wagemutigen, freien Mittelschicht" hat hören lassen.

Warum ist das Gemeinschaftsunternehmen der "Horen" von Goethe und Schiller schon nach zwei Jahren eingegangen? Weil es über die damals wirklich interessierende Politik und die Französische Revolution nicht reden durfte. Büchner wird zu einem literarischen und moralischen Genie erklärt, sein "Woyzeck" aber mit Samuel Beckett und nicht mit Charles Dickens verglichen. Dass Brecht das Kritisieren von Kunst mit Kunst verwechselt und erst in der Emigration eine gewisse Freiheit des Produzierens erlangt hat, ist ebenfalls eine interessante Hypothese ...

Der emeritierte Stuttgarter Professor und sein britischer Kollege haben beide auf einen "Apparat" verzichtet. Wem klar ist, welchen Stellenwert Literaturlisten und Anmerkungen immer noch zum Nachweis wissenschaftlicher Seriosität genießen, weiß, dass Schlaffer und Boyle damit Neuland betreten haben.

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