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Autorin Jana Simon hört Menschen zu, die sich ihrer Sache nicht mehr sicher sind.

„Unter Druck“

Deutschland spricht

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Anhand von sechs Einzelporträts beschreibt die Autorin Jana Simon den sozialen Wandel von 2013 bis heute.

Eigentlich seien sie Wirtschaftsflüchtlinge, sagen Jörn und Katrin Reichenbach im Scherz über sich selbst, weil sie aus beruflichen Gründen von Niedersachsen nach Schwaben umgezogen sind. In einer Vorstadt von Stuttgart haben sie sich ein Grundstück gekauft, ohne sich zuvor die genaue Lage angesehen zu haben. Sie bauen für ihre kleine Familie ein Haus.

Jörn und Katrin Reichenbach verfügen über gute Ausbildungen, sind berufstätig und verdienen gut. Er ist Ingenieur beim Autoelektronikentwickler Bosch, sie ist Ergotherapeutin und wird später in einem Kindergarten in der Nähe arbeiten. Sie können sich trotz der hohen Kredite für ihr Haus vieles leisten, vorausgesetzt, sie bleiben gesund. Immer öfter aber überkommt sie die Angst, nicht mehr mithalten zu können. Das steigert sich noch, als Jörn Reichenbach einen Zusammenbruch erleidet. „Wenn du in dem Moment, wo du krank wirst, alles verlierst“, sagt Katrin Reichenbach, „ist das kein Wohlstand.“

Jörn Reichenbach erholt sich wieder. Er nimmt ab, treibt mehr Sport und hofft so, den wachsenden Anforderungen seines Betriebs gerecht zu werden. Aber das, was Soziologen als Statuspanik bezeichnen, bleibt. Die Reichenbachs gehören zu den gesellschaftlichen Leistungsträgern, aber oft verspüren sie eine kaum zu bewältigende Last.

Das teilen sie mit fünf weiteren Personen, die die Journalistin Jana Simon zwischen 2013 und 2019 immer wieder privat und bei öffentlichen Terminen aufgesucht hat. Auf diese Weise ist ein Gesellschaftsbild mit sorgsam ausgearbeiteten Farbsetzungen und Kontrasten entstanden, das weit über die bloße Momentaufnahme einer Zeitungsreportage hinausgeht. Das Land verändert sich, und bisweilen bemerkt man das nur in Nuancen während der langsam vergehenden Zeit.

Zu Jana Simons Protagonistinnen ihrer Langzeitbeobachtung gehört die Krankenschwester Bozena Block. Sie war 19, als sie gut ein Jahr vor der Wende von 1989 mit ihrem damaligen Mann aus Polen nach Deutschland übersiedelte. Weil sie einen deutschen Großvater hat, erhielt sie schnell einen deutschen Pass. Arbeit sowieso, weil sie als gelernte Krankenschwester auch damals schon gefragt war. Bozena Block hat ihren Beruf stets mit Leidenschaft ausgeübt. Sie hat sich fortgebildet und schildert ihrer Zuhörerin Jana Simon die Probleme des hiesigen Pflegesystems nüchtern und detailliert. Eine Expertin, die fürchtet, am Ende ihrer Berufslaufbahn in die Altersarmut abzurutschen.

Als die Gespräche mit der Autorin beginnen, arbeitet sie in einem Münchener Pflegeheim auf der Palliativstation, später wechselt sie an den Starnberger See in die Dienste des amerikanischen Pflegedienstleisters Home Instead. Die Widersprüche können größer kaum sein. Die Gemeinde Starnberg ist eine der reichsten in Deutschland, statistisch gesehen wohnen hier die glücklichsten Menschen. Bozena Block hat dort mit jenen zu tun, deren Glück weitgehend aufgebraucht ist. Am Ende des Lebens, sagt sie mit Blick auf ihr stark hilfebedürftiges Klientel, sei man wie bei der Geburt ein unbeschriebenes Blatt. Was einer mal war, zählt nicht mehr. Das Wort Druck fällt auch in den Gesprächen mit Bozena Block sehr häufig.

Jörg Asmussen ist jemand, der zumindest vorübergehend auf andere sehr viel Druck ausgeübt hat. Der smarte SPD-Politiker war Staatssekretär unter Wolfgang Schäuble im Finanzministerium, ehe er für die Europäische Zentralbank als Mitglied der sogenannten Troika die Bedingungen zur Bewältigung der Griechenlandkrise mit ausgearbeitet hat. 2016 wechselte Asmussen die Seiten. Von seinem letzten politischen Posten als Staatssekretär für Arbeitsministerin Andrea Nahles ging er zu der amerikanischen Investmentbank Lazard, die Regierungen und Firmen bei Fusionen, Übernahmen und Börsengängen berät.

Asmussen ist ein kühler Regler und Macher, der Wert legt auf sein sozialdemokratisches Gewissen. Im Verlauf der Gespräche mit Simon aber muss er einräumen, dass die Politik immer weniger in der Lage sei, die wirklich wichtigen Probleme zu lösen.

Die zentrale Person dieses durch genaue Beobachtungen fesselnden Buches ist der AfD-Politiker Alexander Gauland. Eine Reportage für die Wochenzeitung „Die Zeit“ bildet den Ausgangspunkt im Jahr 2013. Die Griechenlandkrise, aus deren Anlass sich die AfD einst gegründet hatte, ist bereits abgeklungen, die Flüchtlingskrise mit ihren dramatischen Zuspitzungen im Jahr 2015 noch nicht in Sicht. Gauland präsentiert sich der Autorin als jovialer Konservativer. Für die CDU war er in wechselnden Ämtern lange als Staatssekretär tätig, später wurde er Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“ in Potsdam. Ein Intellektueller, der insbesondere von seinen nicht wenigen linken Freunden als kluger Zeitgenosse geschätzt wurde. „Wer ist Alexander Gauland?“, so lautet die Schlüsselfrage des Buches. Und wie konnte es dazu kommen, dass einer wie er sich radikalisiert und mithilfe seiner rhetorischen Begabung die Grenzen zwischen einer extremen Rechten und der bürgerlichen Mitte aufweicht?

Jana Simons Antwort darauf lässt sich nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen. Streng genommen hat sie keine. Stattdessen bietet sie dichte Beschreibungen an. Sie kommt Gauland nahe, ohne ihm auf den Leim zu gehen. Sie zeigt ihn in seiner stoischen Souveränität, aber auch in seiner verstörenden Zerstreutheit.

Mitunter verblüfft Gauland mit einer scheinbaren entwaffnenden Ehrlichkeit. Zweifellos ist er ein von der Merkel-CDU schwer gekränkter alter Mann, der in der AfD die Chance erkannt hat, es den vermeintlich blinden Eliten des Landes, deren Repräsentant er über Jahrzehnte in gehobenen Positionen war, noch einmal so richtig zu zeigen. Ein verbitterter Rächer? Simon zeichnet Gauland nicht als gepanzertes Monster. Es verletzt ihn, dass Weggefährten, die ihm einmal persönlich nahegestanden haben, sich von ihm abwenden. Selbst das Gespräch mit seiner Tochter, einer engagierten linken protestantischen Pfarrerin, verstummt. Das schmerzt beide.

Jana Simons Buch ist dokumentarische Literatur und Sozialforschung im besten Sinne. „Deutschland spricht“ hieß ein Mitte der neunziger Jahre vom Berliner Soziologen Heinz Bude herausgegebener Band, in dem die Stimmungen kurz nach der Wende in Einzelporträts eingefangen wurden. Trotz des Gefühls einer heraufziehenden Schicksalshaftigkeit, in der jeder sehen muss, wo er bleibt, schien es bei den Aktivitäten der einzelnen doch um so etwas wie positive Aufstiegsorientierung und eine Lust auf neue Kombinationen zu gehen. Die Menschen, die Jana Simon zu Wort kommen lässt, sind sich ihrer Sache nicht mehr sicher, der soziale Horizont wirkt undurchlässig.

Die Krankenpflegerin Bozena Block, die selbst auf eine Einwanderungsgeschichte zurückblickt, betrachtet die Flüchtlinge, die nach 2015 nach Deutschland kamen, als bedrohliche Konkurrenz. Sie vermisst Anerkennung für das, was sie für die Gesellschaft leistet. Das empfindet auch der Polizist Thomas Matczak so, der als Staatsschützer in Jena tätig ist und sich zwischen den Anforderungen von Polizei, Politik und Gesellschaft aufgerieben sieht. Die Dienststelle, in der er die Bürger seines Landes vor rechtem und islamistischem Terror schützen soll, verfügt im Jahr 2018 über nur einen internetfähigen Computer für zwei Kommissariate. Deutschland spricht, aber nur wenige vermögen zuzuhören wie Jana Simon.

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