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Deutschland fühlen

Schreibtischtäter: Ulrich Bielefeld enttarnt den "dichterisch-militärischen Komplex" als Anstifter von Nationalismus und antisemitischen Ressentiments

Von Thomas Kreuder

Trotz Globalisierung und der wachsenden Bedeutung überstaatlicher Organisationen sind Nationen, sind Nationalstaaten die wichtigste politische Organisationsform. Nationen verwalten ihr Gebiet und definieren eine Bevölkerung, sie strukturieren Erwartungen und schaffen als Ort politischer Teilhabe Gelegenheiten. Für den Nachrichtenkonsumenten entstehen Nationen in Unabhängigkeitskriegen, wie etwa im früheren Jugoslawien, oder er registriert das Fehlen einer gemeinsamen Nation als ebenso konfliktträchtig, wie beispielsweise in Afghanistan, wo ethnische und religiöse Rivalitäten einer Befriedung des Landes im Wege stehen.

Ulrich Bielefeld untersucht in Nation und Gesellschaft die Mechanismen der Gestaltung einer Nation und wendet sich dabei denjenigen zu, die solche Prozesse inspirieren - namentlich Dichter und Intellektuelle.

Die Herausbildung von Nationen im Gefolge der aufziehenden Moderne ist für Bielefeld der historische Ausgangspunkt seiner Analyse. Gruppen mit gemeinsamer Sprache, Kultur und Religion bestimmen ihre Gemeinsamkeiten und grenzen sich gegen andere ab. Nationen beginnen, die bereits bestehenden Staaten als gesellschaftliche und politische Organisation auszufüllen. Der Prozess der "Bewusstwerdung" einer Nation, die "Selbstthematisierung", reicht den Mitgliedern einer zur Nation gewordenen Gruppe gewissermaßen die Begründung dafür nach, warum sie Solidarität mit anderen Gruppenmitgliedern nicht auf Grund individueller, auf Familie oder Clan gegründeter, sondern auf Grund abstrakter Zuordnung empfinden sollen.

Die Formierung zur Nation ist demnach zunächst ein politischer Vorgang. Dies begründet zugleich die Fragilität des Prozesses. Insbesondere dort, wo sich wegen territorialer und politischer Zersplitterung erst spät Nationen entwickelten, wurde zur Herausbildung eines "Wir-Gefühls" ein Feindbild geschaffen, das zur Einbeziehung aller Mitglieder einer Nation wie zur Grenzziehung gegenüber allen anderen taugte. Diese selbstreflexive Versicherung der "Wir-Existenz" wird durch Dichter und Intellektuelle geleistet. Sie vollführen den Spagat, die Einheit der Nation zugleich als gegeben vorauszusetzen wie sie als immerwährendes Ziel zu propagieren.

Diese Selbstthematisierung untersucht der Autor anhand von Frankreich und Deutschland und bildet dazu Paare, die er in historische und inhaltliche Beziehung zueinander stellt: Johann Gottlieb Fichte und Maurice Barrès, Max Weber und Emile Durkheim, Erich von Salomon und Céline. Dabei unterstellt der Autor seinen Protagonisten intentionales Handeln und interpretiert rückblickend ihr Denken und Tun unter dem Gesichtspunkt seines Untersuchungsgegenstandes. Dies mutet zuweilen willkürlich an, hat jedoch wie jede methodische Komplexitätsreduktion den Vorzug, dass auch verdeckte Entwicklungslinien erkennbar werden können.

Bielefelds Untersuchung beginnt mit Johann Gottlieb Fichte, der in seinen Schriften, darunter den Reden an die Deutsche Nation, die Erfahrung der Französischen Revolution, der nachfolgenden napoleonische Besetzung sowie der anschließenden Befreiungskriege aufnahm und daraus eine universalistische Definition formte, die das angeblich schöpferische, lebendige und freie, eben deutsche, Volk abhebt von allem Totem, Oberflächlichen - Französischen. Die so errichtete Nation hat eine gemeinsame, reine Sprache und eine nur sie auszeichnende Kultur.

Dieses Konstrukt konnte nur Bestand haben, wenn gleichzeitig ein fortwährendes Bekenntnis hierzu abgefordert und auch abgegeben wurde. Problematisch waren aus der Perspektive der Architekten des "nation building" intermediäre Gruppen, die im Ruf standen, keine eindeutigen Loyalitäten zu kennen. Für Fichte galten Juden und Katholiken als unzuverlässig. Sichtbarer Ausdruck dieses zunächst nur theoretisch empfundenen Konflikts war später der tatsächlich ausgefochtene "Kulturkampf" zwischen Bismarck und dem Katholizismus in Deutschland.

In dem Bestreben, die republikanische Nation nach der Niederlage von 1871 wieder zu begründen, wandte sich vor allem Maurice Barrès einem radikalen Antisemitismus zu. Für Barrès waren die Juden aus Deutschland eingewandert, um als "Parasiten" die französische Nation zu durchsetzen und damit den mächtigsten Widersacher Deutschlands zu schwächen. Juden galten ihm nicht lediglich als feindliche Ausländer, die man wieder hätte ausweisen können, sondern sie waren ohne Vaterland, existierten nur an der Börse, waren flüchtig, letztlich ein Nichts. Dieser Antisemitismus fand in Frankreich seinen ersten Höhepunkt in der Dreyfus-Affaire, in die Barrès nicht nur als Intellektueller, sondern auch als Parlamentsabgeordneter eingriff. Mit seiner Wiederbelebung der republikanischen Nation gelang es Barrès zugleich, den bis dahin eng mit der monarchistischen Reaktion verbundenen Konservativismus zu modernisieren und damit zukunftsfähig zu machen.

Anders als Barrès ging es Emile Durkheim nicht um die Revitalisierung der Nation als Selbstzweck, sondern als Rahmen der Selbstbestimmung einer Gruppe, wodurch zugleich die Selbstbestimmung des Einzelnen gewährleistet wurde. Ihn interessierte deshalb, auf welche Weise eine aktive Identifikation der Industriearbeiterschaft mit der Nation vermittelt werden könnte. Dabei erkannte er in bereits während der Französischen Revolution genutzten Legitimationspraktiken - Fahnen, Symbole, Riten - geeignete Instrumente zur Vermittlung einer Zivilreligion, die effektiver als die ihrer Autorität entkleidete traditionelle Religiosität als politische Ordnungsmacht fungieren kann.

Die Auswirkungen der Industrialisierung auf Begriff und Inhalt der Nation beschäftigten auch Max Weber. Weil die durch den Bedarf an Arbeitskräften ausgelöste Binnenwanderung die als "physische Reserve" angesehene Landbevölkerung ausdünnte, sah Weber die "Trägergruppe" des Nationalen bedroht. Er reagierte darauf mit einer Aufwertung des Staates. Bei Weber wird der bislang auf seine innere Verfassung fokussierte Nationalstaat zum Machtstaat, der Weltpolitik betreibt und durch ein - möglichst von einem charismatischen Führer inspiriertes - Handeln die Nation stabilisiert.

Webers Ansatz führte freilich zu einer Entleerung des Begriffs der Nation, der bald darauf mit rassistischen Elementen neu aufgeladen wurde, die den anfangs von Ethnie und Territorium unabhängigen Gehalt einer Nation aufhoben. Das Vakuum füllten Figuren wie Erich von Salomon, den Bielefeld in seiner ideengeschichtlich angelegten Analyse als Vertreter einer radikalisierten, von moralischen Standards unabhängigen Generation herausgreift. Von Salomon, als Mitattentäter auf Rathenau zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt, verhalf der Vorstellungswelt der Freikorps zu sprachlichem Ausdruck. Die Anmaßung, "Deutschland zu fühlen", diente den Paramilitärs als Rechtfertigung, sich als elitäre Avantgarde zu begreifen, die alles darf, "weil sie das Volk ist". Die Nation besteht demgemäß nur noch aus dem im Kampf konstituierten Volk, letztlich nur einem Mythos.

Ausgangspunkt für Louis Ferdinand Destouches, genannt Céline, war ein Begriff der Nation, der durch die Völkerschlachten des Ersten Weltkrieges entleert war. Céline machte für die Entgrenzung der Kriege die Juden verantwortlich, die als Initiatoren von Aufklärung und Emanzipation mit der von ihnen ausgelösten Erosion gottgegebener Herrschaft auch den Rahmen der zuvor formal unter Fürsten ausgetragenen Auseinandersetzungen gesprengt hätten. Konsequenterweise hielt Céline, ausgebildeter Arzt und bis heute als Schriftsteller gerühmt, gegenüber Juden die Anwendung äußerster Mittel für angemessen und verwendete in seinen Traktaten Analogien zur Bekämpfung lebensgefährlicher Seuchen.

Céline wie von Salomon waren keine Nationalisten. Wie Bielefeld zeigt, haben sie jedoch den politisch wirkungsmächtigen Begriff der Nation zu einem "Vorstellungsraum" gedehnt, in dem unter Ausnutzung absichtsvoll verwendeter Semantik alles möglich wird und der in nationalsozialistischer Ideologie und Mordpraxis gipfelt.

Bielefelds Werk war seiner Mühe Wert. Für die Darstellung des "dichterisch-militärischen Komplexes" hat der Autor ein immenses Material verarbeitet. Leider blendet die methodische Verengung auf deutsche und französische Intellektuelle die angelsächsische Welt aus. So kreist Bielefelds Untersuchung überwiegend um die unheilige Allianz von Rebellion und Uniformismus. Individualismus im westlichen Sinne und die moderne (Vertrags-)Gesellschaft entwickelter Industriestaaten spielen keine Rolle.

Bielefeld kann so beschreiben, welche Mechanismen in "nachholenden" Nationalstaaten auf dem Balkan wirken oder in Afghanistan zum Zuge kommen könnten. Er liefert jedoch keine Kriterien dafür, was "Weltbürger" an Nationen bindet und unter welchen Voraussetzungen diese Zuwanderern Einlass gewähren. Ein Vergleich mit Einwanderungsländern wie den USA, wo alle, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion, zumindest in der Theorie zunächst Amerikaner sind, hätte interessante Perspektiven eröffnen können. Dennoch hat Ulrich Bielefeld ein Werk vorgelegt, das für künftige Diskussionen zu Nation und Gesellschaft Maßstäbe setzt.

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