+
Beckett bei den Proben zu seinem Stück "Endspiel" am Berliner Schiller-Theater (1967).

Samuel Beckett

Deutsches Fieber

  • schließen

Das Marbacher Literatur-Archiv dokumentiert Samuel Becketts Abenteuer zwischen Kassel und Berlin.

Es ist eine seltsame, eine schöne und auch eine traurige Geschichte. Dass sie sich begeben hat zwischen dem irischen Dublin und ausgerechnet dem nordhessischen Kassel, ist das Seltsame daran. Wie sie eine Sehnsucht bezeugt, ist das Schöne. Das Traurige ist, dass sie endet mit dem frühen Tod einer jungen Frau. 

Auf die Geschichte wird man gebracht durch eine von Ellen Strittmatter und einem Projekt-Team klug und präzise strukturierte Ausstellung, die sich im Literaturarchiv in Marbach am Neckar mit Samuel Beckett befasst, mit dessen Aufenthalten in Deutschland und den Beziehungen seines dramatischen Werks wie seiner Prosa zur deutschen Kultur. 

Verbindungen, welche sich schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts herausbilden. Es war im August 1928, als der zweiundzwanzigjährige Beckett zum ersten Mal von Dublin nach Kassel reiste, um dort, in der Landgrafenstraße, seine Cousine Peggy zu besuchen, Tochter eines irischen Kunsthändlers, den es in die deutsche Provinz verschlagen hatte. In diese Peggy, deren Bekanntschaft er während ihres Urlaubs mit den Eltern in Irland gemacht hatte, war Beckett verliebt. Wohl achtmal ist er in den folgenden Jahren zu Peggy nach Kassel gekommen, hat mit ihr begonnen, sich mit deutscher Kunstgeschichte zu beschäftigen, sich belesen gemacht über Dürer und die deutsche Renaissance, aber auch die Dichter der Deutschen wahrgenommen, Fontanes „Effi Briest“ wurde den beiden wichtig für nicht nur einen Sommer. 1933 stirbt Peggy an Tuberkulose. Die Nachricht erreicht Beckett in Paris, wohin er inzwischen vorübergehend übersiedelt ist. In der Novelle „Premier Amour“ („Erste Liebe“), das 1946 entstandene Manuskript wird erst 1970 veröffentlicht, findet sich der bitter resümierende Satz: „L’amour cela ne se commande pas“. Liebe gibt es nicht auf Verlangen. 

Wiedersehen mit Deutschland 1936/37, Beckett beginnt, aus Dublin kommend, eine Tour durch das seit Jahren schon dem Nationalsozialismus verfallene Land in Hamburg. Sein Interesse gilt der Verbesserung seiner deutschen Sprachkenntnisse, jedoch ebenso den Kunstwerken, auch jüngerer Künstler, in öffentlichen Museen und privaten Sammlungen. Schon in Hamburg und Lüneburg, dann in Berlin, Erfurt, Halle, Regensburg, München werden ihm viele Möglichkeiten geboten. In den sechs Tagebüchern, die er während der halbjährigen Reise akribisch führt, hält er aber auch fest, wie der Druck der Nazis auf die Kunstszene zunimmt. Als er Deutschland wieder verlässt, tut er es ohne Bedauern.

In Marbach hat man der Ausstellung mit „German Fever“ („Deutsches Fieber“) einen Titel gegeben, der zugleich die Faszination an der Kultur der Deutschen wie aber auch die gefährliche politische Spannung zum Ausdruck bringt, die Beckett während der Rundreise 1936/37 empfunden hat. Hinzu kommt, dass ihn auch das ambivalente Motiv veranlasst hatte, in einer Lebensphase der Unentschiedenheit „zu entkommen“. Jedoch notiert er: „Man denkt, man ist entwischt und läuft sich selbst über den Weg“. 

Beckett ist, von wenigen Kurzbesuchen abgesehen, erst zwischen 1967 und 1978, also dreißig Jahre später, für die Inszenierungen von sieben seiner Stücke in Berlin wieder im Land gewesen. Man kann dieses lange Intervall erstaunlich finden aus einem Grund, der mit Kassel zu tun hat. 1936 hatte Beckett in Berlin auch den renommierten Kunsthistoriker und Kritiker Will Grohmann getroffen, Freund und Förderer von Malern wie Kandinsky, Klee, Dix, Baumeister, der ihn auch über die politisch bedrohlichen Situation vor allem der von den Nazis unterdrückten Künstler der abstrakten Malerei informierte. Grohmann wie der nicht weniger einflussreiche Werner Haftmann, später Direktor der Berliner Nationalgalerie, waren nach dem Krieg beide engste Berater des documenta-Gründers Arnold Bode und im Sommer 1959 mitverantwortlich für das Programm der documenta II, die vor allem dem amerikanischen Abstrakten Expressionismus der New York School in Europa zum Durchbruch verhalf. 

Auch Bilder Mark Rothkos waren seinerzeit in Kassel zu sehen. Und Haftmann entwickelte, wie die Legende es will, gemeinsam mit dem Amerikaner das (später nicht realisierte) Projekt einer Kapelle in einem stadtnahen Waldstück, die eine Vorform der dann erst 1971 entstandenen Rothko-Chapel in Houston (Texas) gewesen wäre, dem von dem Künstler selbst für vierzehn der schwarzen Bilder seines Spätwerks entworfenen Oktogon, das als das bedeutendste Kunstwerk im öffentlichen Raum Amerikas gelten kann. Die Nähe der Weltsicht Samuel Becketts und der Spiritualität Mark Rothkos, der mit seiner Malerei auf der Suche war „nach etwas, das mehr wäre“, lässt die phantastische Szene eines Treffens der beiden in dem Beckett so vertrauten Umfeld der Kunst der Moderne und Kassels imaginieren. Warum nur ist niemand damals darauf gekommen, Beckett einzuladen zu jener documenta? Es hätte leicht zur Jahrhundert-Begegnung zweier Künstler kommen können, die, jeder für sich, Denken und Wahrnehmung verändert haben weit hinaus über ihre Zeit. 

Dass Beckett ab 1967 am Berliner Schiller-Theater zum Regisseur seiner Stücke wurde, mit „Endspiel“ als der ersten Arbeit, war eine Großtat des (sonst wenig glücklich agierenden) Intendanten Borislav Barlog und des Dramaturgen Albert Bessler. Wer die, jetzt in der Marbacher Ausstellung mit Hilfe von Notizen und Regiebüchern Becketts, aber auch durch Video-Aufzeichnungen ausführlich dokumentierten Aufführungen damals selbst sehen durfte (und einmal auch mit Beckett während eines Lunchs an einem Probentag zu sprechen Gelegenheit hatte), erinnert die Überraschung durch die Insistenz des Dramatikers darauf, seine Texte als „Spiele“ zu verstehen und auf der Bühne als solche zu zeigen – ohne metaphysischen Nebensinn, zu dem manche deutschen Regisseure vor allem von „Warten auf Godot“ und „Endspiel“ sich hatten verführen lassen. 

Den Schauspielern seiner ersten Berliner Inszenierung gebot Beckett gleich zu Anfang der Zusammenarbeit: „Halten Sie es einfach, alles einfach halten“. Und Siegfried Unseld notierte sich aus einem Gespräch mit Beckett, das er am Tag nach der Premiere von „Endspiel“ führte: „Es ginge nicht um eine Interpretation, sondern um eine präzise Darstellung des Textes. ,Endspiel‘ sei ein Spiel, keine Weltanschauung (. . .) Ihm ginge es um das Spiel von Menschen. Zentral sei nicht eine Idee und schon gar nicht eine Ideologie“.

Der Verleger Siegfried Unseld hat Beckett, wie dieser selbst ihn in einem späten Gruß dankbar wissen ließ, den Suhrkamp-Verlag in Frankfurt zu „einer Art Heimat“ gemacht. Unseld hat die letzten Worte fixiert, die Beckett zu ihm sprach, in der Ausstellung ist das Zeugnis belegt: „Siegfried, you are my best publisher. You are the best publisher anyway.“ („Du bist mein bester Verleger. Du bist der beste Verleger überhaupt“.) Viele Verdienste, die Unseld sich um viele Heroen der Literatur erworben hat – für das Werk Becketts jedoch war Unselds Einsatz tatsächlich doch von allergrößter Bedeutung. Zumal durch die dreisprachigen Ausgaben, verlegerisch ein Novum, hat der Suhrkamp-Verlag, wie in der Ausstellung zu Recht hervorgehoben, den Dichter nicht als irischen und nicht als französischen Schriftsteller, sondern mit bewundernswertem Aufwand als europäische Größe zur Geltung gebracht. Das ist von allen Geschichten denn vielleicht doch die ungetrübt schönste. Und Siegfried Unseld dafür nicht genug zu rühmen. 

Literatur-Archiv Marbach: bis 14. Oktober. museum@dla-marbach.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion