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Anne Weber auf der Frankfurter Buchmesse.
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Anne Weber auf der Frankfurter Buchmesse.

Anne Weber „Ahnen“

Deutsches Erbe, vergebliche Flucht

„Ahnen“: Die Schriftstellerin Anne Weber legt das furiose Tagebuch einer Zeitreise zu ihrem Urgroßvater vor.

Von Cornelia Geissler

Kann man sich aus einer Familie auch herausschreiben?“, fragt Anne Weber einmal in ihrem jüngsten Buch. „Ahnen“ heißt es, denn es geht um einen Vorfahren von ihr, um Florens Christian Rang (1864–1924). Er war ihr Urgroßvater. Er war auch ein Freund des Philosophen und Literaturkritikers Walter Benjamin. Dennoch ist sein Name heute nur noch literaturwissenschaftlich und historisch Interessierten geläufig. Er ist ihr „als Erbe zugefallen“.

Anne Weber, die 1964 geborene, seit ihrem 18. Lebensjahr in Frankreich lebende, auf Französisch und Deutsch schreibende Autorin, macht sich also auf die Suche nach einem Ahnen, den weder sie noch ihr Vater kennengelernt haben. Sie schreibt sich damit tiefer in die Familie hinein – nicht hinaus. Und sie merkt schnell, dass ihr, wenn sie sich mit dem Juristen, Philosophen und Theologen Rang beschäftigt, die deutsche Geschichte im Weg steht. Groß und gewaltig wie ein Riesengebirge. Als junger Pfarrer in bislang polnischen Gebieten sah Rang es als Pflicht an, das Deutschtum zu verbreiten. Hat nicht dieser deutsche Anspruch später in die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts geführt?

Um in ihrem „Zeitreisetagebuch“, so der Untertitel, mit der historischen Figur unbefangener umgehen zu können, gibt Anne Weber Rang einen neuen Namen, nennt ihn Sanderling. Ihr Buch unterscheidet sich deutlich von den anderen Vater- oder Großvatersuchen der vergangenen Jahre. Weber erzählt weder sein Leben nach, noch versucht sie eine Typologie. Während sie in Sanderlings Orte reist, seine Schriften liest, behält sie stets die – gebirgige – Strecke im Auge, die von ihm aus über ihren Großvater und Vater bis zu ihr führt. Ihre Suche nach den Wurzeln des Denkens macht ihr Buch so besonders.

Webers Interesse ist also im Wesentlichen ein intellektuelles. Dennoch: Während sie im Walter-Benjamin-Archiv in Berlin Sanderlings Aufzeichnungen studiert, empfindet sie phasenweise „Freude darüber, einen solchen Urgroßvater zu haben“. Oder liest mit Entsetzen, was er nach dem Besuch einer „Irren- und Idiotenanstalt“ notiert. Ihre Befürchtungen, dass es eine direkte Linie gebe vom deutschen Selbstbewusstsein zum deutschen Größenwahn, scheinen sich zu bewahrheiten angesichts der Frage Rangs: „Warum vergiften Sie diese Menschen nicht?“

Das bleibt ihre Methode: Sie prüft seine Schritte auf deren Wirkungen; seine Arbeit als Pfarrer, sein Verhältnis zu Frauen, seine philosophischen Überlegungen, seine Gedanken über den Krieg. Das Riesengebirge zwischen ihr und ihm wird konkret durch einen weiteren Ahnen repräsentiert – Sanderlings Sohn, ihr Großvater, der zum Nazi wurde und sich nach dem Krieg harmlos gab. Auch den hat sie nie kennengelernt; er lehnte sie als unehelich geborenes Kind ab.

Lesen und herausfordern

Weber liest gründlich und führt herausfordernde Gespräche mit dem eigenen Vater; in den Zwischensätzen notiert sie, wie alt und klapprig der schon ist. Die Härte, die sie dem Vater gegenüber an den Tag legt, wendet sie auch an sich an. Ein Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung könnte ihr die Reisen nach Polen erleichtern, doch die Rolle der Firma Bosch während des Dritten Reichs hält sie davon ab, sich zu bewerben. Bei diesem Thema!

Nach zwei Jahrzehnten des Erfolgs als Schriftstellerin scheint Anne Weber mit diesem Buch auf einmal wieder am Anfang zu stehen. Und man begreift: Ihr Weg nach Frankreich war offenbar auch eine Flucht, ihr Sich-Verweben mit dem Französischen ein Ausstieg aus dem Deutschen: „Kann man sich aus einer Familie auch herausschreiben?“

Sie wird im Verlauf der Reise ihren Frieden finden mit Sanderling, mit dessen – kritischen – Gedanken über die Aufgaben Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg, niedergeschrieben in seinem letzten Buch, der „Deutschen Bauhütte“. Das ist jetzt, mit einem Vorwort von ihr, wiederaufgelegt worden. Sanderling sah den Einzelnen in der Pflicht, sich für den Nachbarn Frankreich zu interessieren. Sie spricht ihn vom Vorwurf frei, ein „Germanisator“ zu sein. Und es ist faszinierend, wie sie sich selbst befragt und bewegt hat während der Recherchen. Anne Weber war bisher bekannt als Autorin, die subtil über die Liebe schreibt, die den Menschen atmosphärisch genau im Jetzt zeigt, dabei die Tauglichkeit ihrer Worte prüft. Nun wagte sie mit dem Zeitreisetagebuch einen Jahrhundertschritt. Sie meistert ihn bravourös: Anne Weber holt einen Mann aus dem Vergessen und gibt den Blick frei in ihren Kopf.

Anne Weber: Ahnen. Zeitreisetagebuch. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2015. 268 Seiten, 19,99 Euro.

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