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Saša Stanišic hat den Deutschen Buchpreis gewonnen - und empört über den Nobelpreis für Handke.

Deutscher Buchpreis 2019

Deutscher Buchpreis: Saša Stanišic geht Handke scharf an

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Saša Stanišic gewinnt den Deutschen Buchpreis - und empört sich über die Nobelpreisvergabe an Peter Handke. 

Saša Stanišic litt an einer Schilddrüsenentzündung, was offenbar sehr schmerzhaft ist. Aber das, erklärte er anschließend, habe ihm nicht die Freude daran genommen, sich seine etwaige Freude über den Gewinn des Deutschen Buchpreises vorzustellen. Nein, eine andere Preisentscheidung habe ihm die Freude auf den Montagabend „vermiest“, so Stanišic, das heiße fünfzig Prozent dieser anderen Entscheidung, die einen, nun ja, etwas wichtigeren Preis betreffe.

So wolle er die kurze Öffentlichkeit gerne nutzen, sich zu echauffieren über diese andere Entscheidung, sagte Stanišic. 1978 in Višegrad geboren (Jugoslawien, heute Bosnien und Herzegowina), habe er das Glück gehabt, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibe – jenem Teil der Dinge, der Wirklichkeit, den der soeben gekürte Literaturnobelpreisträger sich nicht angeeignet habe, was aus dem, was er darüber schreibe, aber doch eine Lüge mache.

Stanišic : Handke benennt die Schuldigen nicht 

In Handkes Text über Višegrad heiße es, Milizen, die barfuß gingen, könnten die ihnen vorgeworfenen Verbrechen nicht begangen haben. Diese Verbrechen seien aber geschehen, begangen von diesen Milizen. Handke erwähne die Oper nicht, nenne die Namen der Schuldigen nicht, obwohl sie bekannt seien.

„Mich erschüttert, dass so etwas prämiert wird“, sagte Stanišic, und er sagte noch: Auch die katholische Kirche habe Handke bereits gratuliert zu diesem Preis, der ihm „jenseits der politischen Korrektheit“ zugesprochen worden sei. Und wer das nicht glauben konnte, las hinterher, dass es so war, ein österreichischer Theologe sprach von einer „überzogenen ,political correctness‘“, über die sich das Komitee hinweggesetzt habe. Eigentlich, so Stanišic, passe das natürlich zur katholischen Kirche. Der Beifall im Kaisersaal wollte diesmal wirklich nicht enden, bis er es doch tat, widerwillig.

Stanišic gab sich auch Mühe, seine kleine Rede, die längste aber wohl, die je ein Träger des Deutschen Buchpreises bei der Verleihung im Frankfurter Römer hielt, positiv abzuschließen. Er rief dazu auf, „die anderen fünfzig Prozent“ zu feiern, die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, die ja alles wage, was Literatur könne, die aber nicht zynisch sei und nicht verlogen. Auch dankte er seinem Verlag (Luchterhand) und all den Menschen, die ihm eine Hilfe seien, damit seine Texte nicht Kraut und Rüben blieben.

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Stanišic erforscht, woher er kommt  

Sodass der Abend in vertraute Gefilde kam, des Glücks und eines sympathischen Hauchs von Koketterie. Denn das ausgezeichnete Buch „Herkunft“ endet zwar in einem ausgeflippten interaktiven Drachen-Spiel, ist aber ein klug gebautes Mosaik, dessen Titel sagt, wie es ist. Saša Stanišic oder eine Romanfigur, die Saša Stanišic heißt – „Herkunft“ hat keine Gattungsbezeichnung, das Wort „Roman“ wurde im Verlauf locker eingeflochten –, erzählt und erkundet zugleich, woher er kommt. Dass er Deutschland mit seiner Mutter als Flüchtling 1992 auf einer Route erreichte, die anderen heute verschlossen ist, blieb nicht unerwähnt.

Stanišic ist der zweite (nach Terézia Mora), der sowohl den Preis der Leipziger Buchmesse (2014 für „Vor dem Fest“) als auch nun den Deutschen Buchpreis erhalten hat. Zur Begründung hieß es, er sei ein „so guter Erzähler, dass er sogar dem Erzählen misstraue“. Unter „jedem Satz dieses Romans“ warte die unverfügbare Herkunft – „verfügbar wird sie nur als Fragment, als Fiktion und als Spiel mit den Möglichkeiten der Geschichte“. Auch ließ die Jury nicht den Witz außer Acht, mit dem er „den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten“ entgegensetze.

Jörg Magenau hatte als Jurysprecher zuvor darauf hingewiesen, dass es in diesem Buchpreis-Jahrgang immer wieder um „Herkünfte“ gegangen sei, um ein „Zerstreut- und Versprengt-Sein“ in der Welt. Europa, so Magenau, sei in Bewegung.

Der Buchpreis ist für den Gewinner mit 25.000 Euro dotiert, je 2500 Euro erhalten die anderen letzten fünf Nominierten.

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