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Keine Magie, sondern die hygienische Urkundenübergabe: Schmidt-Friderichs (l.) und Weber.

„Annette, ein Heldinnenepos“

Deutscher Buchpreis für Anne Weber: Nachdenken und auf etwas kommen

Anne Webers „Annette, ein Heldinnenepos“ gewinnt den Deutschen Buchpreis im dann doch nicht ganz leeren Kaisersaal.

Anne Weber zeigte sich durchaus erschüttert von der Tatsache, dass sie soeben in einem wiederum erschütternd, aber nicht völlig leeren Kaisersaal im Frankfurter Römer den (mit 25 000 Euro dotierten) Deutschen Buchpreis gewonnen hatte. Aus Aberglauben habe sie keine Dankesrede, sondern nur eine private Trostrede vorbereitet, sagte sie. Dann machte sie etwas Interessantes, indem sie eine zentrale Szene aus dem Gewinnerbuch, „Annette, ein Heldinnenepos“, noch einmal nacherzählte. Die Szene, in der Annette sich bemüht, einige in Paris versteckte jüdische Menschen vor einer Razzia zu bewahren. Sie hat das zufällig mitbekommen, es ist nicht ihre Aufgabe. Ein Vater mit zwei halbwüchsigen Kindern, eine Frau mit einem Baby. Sie haben Angst, kennen Annette nicht, rechnen sich zudem kaum Chancen aus. Der Vater ist schließlich bereit, ihr seine Kinder anzuvertrauen. Einen Tag später schickt Annette ihren Freund noch einmal hin, sie hofft, auch das Baby retten zu können. Wieder einen Tag später werden der Mann und die Frau abgeholt.

Anne Weber erzählt das aber, weil ihr aufgefallen ist, dass der Vater bei diesem zweiten Besuch begriffen haben muss, dass seine Kinder bei anständigen Menschen waren. Anne Weber stellt sich vor, dass das etwas Tröstliches gewesen sein könnte, für einen Mann, der in den Tod ging. Das sei kein neuer Gedanke, sagte sie im Kaisersaal, aber vermutlich habe eben noch nie jemand so lange über diese Szene nachgedacht.

Auch hat es niemand aufgeschrieben wie sie, und dank des Buchpreis-Aufklebers wird diese, eine ungeheuerliche und ungeheuerlich geschilderte Szene jetzt in viele Köpfe einziehen. „Annette, ein Heldinnenepos“ ist voller Szenen, die Menschen zum Denken auffordern. Die ehemalige Résistancekämpferin Annette Beaumanoir, Jahrgang 1923, ist in Webers Epos eine großartige, aber auch ambivalente Figur. Nach dem Krieg schließt sie sich dem Unabhängigkeitskampf der Algerier an (dazwischen bekommt sie noch Kinder, studiert Medizin, was so anfällt in einem Leben). Sie hat Juden geholfen, denkte Anne Webers Annette, jetzt hilft sie Muslimen. „In ihren Augen geht da einfach etwas weiter“, selbstverständlich, mischt sich aber die Erzählerin ein, gebe es Unterschiede. Annette dagegen sieht die Gemeinsamkeiten. Sie wird dafür angeklagt werden. Die beiden jüdischen Kinder, die längst keine Kinder mehr sind, werden für sie aussagen. Gleichwohl zeigt Weber, unpolemisch, nachdenklich, wie Annette Menschen unterstützt, die andere Menschen foltern, ermorden. Darüber geht Annette nicht hinweg (nur nimmt sie es letztlich in Kauf), auch Anne Weber nicht. Ein Epos sei keine Hagiografie, betonte sie vorab.

Noch vor dem Verlag Matthes & Seitz, wo die Champagnerkorken fliegen werden (ein kleiner Kreis, kein Problem), dankte Weber, 1964 in Offenbach geboren, schon lange in Frankreich lebend, natürlich Annette Beaumanoir selbst. Die sich im Buch nicht wiedererkannt habe, wie sie erzählte. So ist Literatur: Alles wird anders, nichts ist gelogen.

Die Jury des Deutschen Buchpreises erklärte: „Die Kraft von Anne Webers Erzählung kann sich mit der Kraft ihrer Heldin messen“, es sei „ atemberaubend, wie frisch hier die alte Form des Epos“ klinge. Es entstehe so eine „Geschichte voller Härten, die Weber aber mit souveräner Dezenz und feiner Ironie erzählt. Dabei geht es um nichts weniger als die deutsch-französische Geschichte als eine der Grundlagen unseres heutigen Europas“.

Hier aber noch der Hinweis: Es wird gerne gesagt, dass alle den Preis verdient hätten, aber wenn man nicht die Moderatorin ist – das war Cécile Schortmann, die das großartig machte –, hat es vielleicht etwas mehr Gewicht. Noch nie eine solche Shortlist erlebt, ohne Schwachstellen, ohne vorzeitige Aussortierungsmöglichkeiten. Hätten Bjov Berg, Dorothee Elmiger, Thomas Hettche (zum dritten Mal auf der Shortlist, das muss schon an die Traumatisierung schraffen). Deniz Ohde oder Christine Wunnicke gewonnen, von uns wären keine Klagen gekommen.

War es eine traurige Veranstaltung? Gegen die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse im Radio war es ein Fest. Durch Verlags- und Börsenvereinsleute gab es regelrechten Beifall. Außerdem wiesen Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) und die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, darauf hin, wie wichtig Literaturkritik in einer Zeit sei, in der es weniger Lesungen, weniger Foren für Schriftstellerinnen und Schriftsteller gebe. Schmidt-Friderichs rief ausdrücklich dazu auf, das Zeitungsfeuilleton zu lesen. Da knipsten wir nachher den Livestream nicht ganz so traurig aus, wie wir ihn angemacht hatten. (Von Judith von Sternburg)

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