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Die Cosplayerinnen Sharina Kimura und Maria Dick: Bei Wettbewerben treten sie immer als Team an.

Deutsche Cosplaymeisterschaft

So sehen Sieger aus

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    Jannik Schäfer
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Auf der Buchmesse ist an der Deutschen Cosplaymeisterschaft kein Vorbeikommen – wir haben die Gewinnerinnen Sharina Kimura und Maria Dick vor ihrem Auftritt in Bad Homburg besucht, zwischen Haarspraydosen und überdimensionalen Requisiten.

In einer Bad-Homburger Jugendherberge stehen zwei blutbefleckte Mädchen auf dem Flur. „Bereit für die Spritzen?”, fragt die Kleinere. Ihre Freundin füllt eine violette Flüssigkeit in den übergroßen Kolben. „Leckeres Adam!” sagt die Größere und bricht in Gelächter aus. Es sind die letzten Handgriffe einer monatelangen Vorbereitung, später wird es für die beiden todernst. 

Sharina Kimura und Maria Dick sind Cosplayerinnen, sie und Tausende andere verkleiden sich regelmäßig auf Conventions und Messen als Charaktere aus Videospielen, Comicbüchern oder Trickfilmen. Die Kostüme sind oft selbstgemacht und tragen zur Renaissance der Nähmaschine bei. Kimura und Dick spielen die „Little Sisters” aus der dystopischen Videospielreihe „Bioshock“ – eine Art Zombie-Kombo, zwischen Nachwuchs-Krankenschwestern und „Hanni und Nanni” nach der Schredder-Behandlung. Das Blut auf den Schürzen ist fake, die Superdroge „Adam” nur Beerensaft und die Spritzen sind bloß nachgebaute Requisiten. Trotzdem wirkt die Verkleidung verstörend echt. 

Dank ihres Perfektionismus haben es die Münchnerinnen bis ins Finale der Deutschen Cosplaymeisterschaft, DCM, geschafft. In Bad Homburg wurde das Teilnehmer*innen-Lager aufgeschlagen, um sich für den großen Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse vorzubereiten. Auf dem Messegelände gibt es an Cosplayer*innen wie Kimura und Dick kein Vorbeikommen. An den Garderoben herrschen tumultartige Szenen, weil schwitzende Ork-Krieger ihre Transporttaschen abgeben wollen. Das passt so gar nicht in das Bild solch eines Literaturevents. Manch einer mag den Kopf schütteln, tatsächlich ist Cosplay aber weniger Nerd-Nische, eher Hobby für Theaterkids und Bastelfreaks.

200 Stunden Handarbeit stecken in einem Outfit

Auch die Arbeit von Kimura und Dick zeugt von dieser Leidenschaft für Handwerk und Kreativität. Ihre Kreationen sind komplexe Werke, die sie von virtuellen Vorlagen in theaterreife Kostüme verwandeln. Bis zu 200 Stunden Handarbeit stecken in einem einzelnen Outfit. Modellieren und Nähen haben sie sich selbst beigebracht, zweckentfremden dafür auch mal die Werkstatt, die Kimura als Innenarchitekturstudentin von der Uni zur Verfügung gestellt bekommt. Dick arbeitet als Grafikdesignerin, zeigt stolz das Inspirationsbuch voller Skizzen und Entwürfe. Im Mai hatten sich die Freundinnen bei einem der sechs Vorentscheide qualifiziert, vor sechs Wochen begannen sie mit den Vorbereitungen fürs Finale. Sie sind fast schon Profis, waren bereits auf internationalen Wettbewerben und dokumentieren die Reisen akribisch für ihren Cosplay-Instagram-Account

Kimura und Dick müssen sich nur noch die Perücken aufsetzen, dann ist die Verkleidung komplett.

„Ich bin heute schon unter den Rock einer anderen Teilnehmerin gekrochen, um zu schauen, wie sie genäht hat”, sagt Dick. Es herrsche großer Zusammenhalt in der Szene, die Preise wären eher zusätzlicher Anreiz als Selbstzweck. Sie springt in Sport-BH und Boxershorts in ihrem Jugendherbergszimmer in Bad Homburg umher, die Augen bereits untot geschminkt, über den eingedrehten Haaren eine abgeschnittene Strumpfhose als Halterung für die Perücke. Die liegt noch neben blutbeschmierten Schürzen, Haarspraydosen und Schmutzwäsche zwischen den kargen Pressspan-Möbeln.

Bevor Kimura und Dick äußerlich ganz sterben können, muss Kimura sich noch den Pony schneiden – den Pony der Perücke. Sonst hängt er ihr beim Tragen vor dem Gesicht. Die restlichen Kunsthaare hat sie schon mit einer großen weißen Schleife zum Pferdeschwanz gebunden. Sie steht mit der Nagelschere im Badezimmer. „Ups, das waren meine echten Haare“, ruft sie Dick im Schlafraum zu. Strähnen und Realitäten haben sich längst verdreht.

Von Sailor-Moon und Science-Fiction zur Buchmesse   

Cosplay in Deutschland ist groß. Zehntausende besuchen die größten Veranstaltungen. Die DCM wird seit 2007 von der Buchmesse und dem ehrenamtlichen Branchenverein Animexx ausgerichtet, der ursprünglich mal ein Sailor-Moon-Fanclub war. Seitdem ist Cosplay aus der Nische auf größere Bühnen gerückt. Anfangs noch in einer kleinen Ecke zu finden, nimmt der Verkleidungs-Sport inzwischen fast ein Sechstel der Messe in Beschlag, inklusive des Kongresszentrums. Der Grund liegt auf der Hand: Die cosplaynahen Comics bilden einen der wenigen Wachstumsmärkte in der Branche – ziehen also Tausende junger Menschen an, die sich für Fantasy, Science-Fiction und Co. interessieren.

Im Videospiel „Bioshock“ ist „Adam“ eine Art Superdroge – für ihren Auftritt nutzen Kimura und Dick als Attrappe Beerensaft.

Im Finale geht es jetzt also um den großen Wurf für 18 Teilnehmer*innen-Duos. Jedes Team hat auf der Bühne drei Minuten Zeit, Publikum und Juror*innen mit Kostüm und Performance von sich zu überzeugen. Den Siegerinnen winkt eine Reise nach Japan, ins Heimatland von Cosplay, die Zweitplatzierten bekommen Nähmaschinen. 

„Süß-gruselig” wollen Kimura und Dick in ihren Kostümen aussehen.„Die Little Sisters sind zwei kleine Mädchen”, sagt Dick. „Aber dann merkt man, dass sie doch creepy sind, weil sie ja eigentlich verrückt sind.” Die 25-Jährige nimmt ihre Perücke vom Modellkopf, löst eine Stecknadel, und bohrt sie ins Styroporauge. „Sharina wird mich auf der Bühne abstechen, nachdem wir zuerst friedlich Tee getrunken haben”, sagt sie und wirkt im Bad Homburger Jugendherbergszimmer, unweit vom Schlosspark, in dem Goethe spazierte, ziemlich unwirklich. 

Beim Wettbewerb läuft dann alles nach Plan. Die „Little Sisters” haben den ersten Startplatz, es folgen 17 weitere Paare mit Theater- oder Tanzeinlagen – die sind zwar unterhaltend, Kimura und Dick in Kostüm und Konzept aber unterlegen. Der Aufwand des Duos hat sich gelohnt, nach über drei Stunden Wettbewerb stehen sie als Siegerinnen fest, jauchzen und weinen genau so, wie es sich gehört. Für Untote sehen sie plötzlich ziemlich lebendig aus.

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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