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Detektiv der Grausamkeit

Eine Parabel von Imre Kertész

Von INA HARTWIG

Eigentlich sei es nicht seine Art, "eine Geschichte aus dem Ärmel zu schütteln", schreibt der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2002, der soeben unter viel Anteilnahme seinen 75. Geburtstag feierte, im Vorwort zu seiner Detektivgeschichte. Er musste die Story innerhalb von zwei Wochen niederschreiben, im Jahr 1976, damit der sozialistische Plansoll erfüllt wurde, denn die Geschichte "Der Spurensucher", mit der zusammen sie 1977 in Budapest erschien, war zu schmal, um ein Buch zu füllen. So schrieb also Imre Kertész, damals 47 Jahre alt, mitten in der Diktatur lebend, geduldet zwar, aber täglich aufs Neue von Depression erfüllt, diese Detektivgeschichte, die nun erstmals in deutscher Übersetzung erscheint, knapp dreißig Jahre nach ihrer Entstehung.

Damals hatte Kertész gerade seinen inzwischen weltberühmten Roman eines Schicksallosen abgeschlossen. Die Idee zur Detektivgeschichte lag in ihm bereit, war gewissermaßen wieder zum Vorschein gekommen, was als solches nicht erwähnenswert wäre, handelte es sich nicht um einen Seitenwechsel, den Kertész hier erzählerisch vollzieht. Nicht die Wahrnehmungsperspektive des Opfers - die er in Kafka'scher Verschränkung von Arglosigkeit und Verurteilung so grandios zu seinem Markenzeichen gemacht hat - spielt in der Detektivgeschichte die Hauptrolle. Kertész wagt es, sich in die Täterseite der Diktatur, in den Folterer höchstselbst, einzufühlen und zu hineinzudenken. Denn die Detektivgeschichte ist gar keine; die Genrekennzeichnung scheint eher ein Köder zu sein, ein Trick. Diese "Detektivgeschichte" ist eine Parabel auf den Polizeistaat im Allgemeinen und ein philosophisches Schelmenstück im Besonderen.

Angesiedelt in einem imaginären lateinamerikanischen Land, lässt Kertész als Protagonisten einer gerade untergegangenen Diktatur auftreten: Martens, einen Geheimpolizisten der weichen Sorte, und Enrique Salinas, ein Opfer der harten Sorte. Was heißt das? Es heißt, dass Martens zwar Geheimpolizist ist, Folterer, ein mieser Typ ohne Ideale, der aber doch einen Rest von Sittlichkeit in sich verspürt - ablesbar an den symbolhaften "Kopfschmerzen", die ihn ab einem bestimmten Moment heimsuchen: einem Moment des Zweifels. Seine Kollegen Diaz und Rodriguez dagegen sind gefeit gegen derlei Sentimentalität: Sie stellt Kertész dar als die geborenen Folterer, kalt und perfekt. Für sie ist die Folter eine Triebentladung, die sie dem Verhängnis weihen. Und die Herren über das Verhängnis sind sie selbst. Bis das System zusammenstürzt, so wie es jeder Diktatur eines Tages ergeht. Dass nicht sie, sondern Martens im Gefängnis sitzt, nachdem die Zeit jenes Verhängnisses vorbei ist, versteht sich dabei fast von selbst. Diaz, der geborene Polizist, werde niemals gefasst werden, davon ist Martens überzeugt.

Das Innere nach außen gekehrt

Das alles klingt einfacher, als es ist. Denn Kertész hat sich - natürlich - eine literarische Komplikation gegönnt. Martens schreibt ein Tagebuch, und Kertész betreibt Mimesis an einen Illiteraten Typ, dem ausschließlich zugute gehalten werden kann, dass er gelegentlich Kopfschmerzen bekommt. In dieses Täter-Tagebuch, das wiederum Martens' Pflichtverteidiger "uns" vorlegt, sind einmontiert Tagebuch-Ausschnitte des Opfers Enrique Salinas, eines jungen, hübschen, intelligenten Rebellen; Sohn eines der reichsten Männer und einer der schönsten Frauen des Landes. Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, wann Enrique in die Hände der Folterer gerate, heißt es.

Die Kehrseite von Kertész' raffinierter Diskretion in Sachen Folter: Enriques Tagebuchtext wird durch Zitation malträtiert. Das ist grandios gemacht: wie allein durch illegale Aneignung des Tagebuchs und ausführliches Zitieren das Innenleben des Verfolgten nach außen gekehrt wird. Es ist genau dieser Mechanismus, vor dem Thomas Mann so panische Angst hatte, als er fürchtete, seine Tagebücher könnten in die Hände der Nazis fallen. Die von Kertész geschilderte Diktatur übrigens ist ideologisch gesehen eher diffus. Unlängst sagte er im Interview mit der FR (9. November), eine Diktatur, die nicht antisemitisch sei, sei allerdings undenkbar. Und jede Ideologie sei ohnehin nur die Maske niederer Absichten.

Doch weiß Martens: "Man muss an etwas glauben, um hundsgemein zu sein." Die "Logik" der Folter und der Diktatur, der Martens auf die Spur zu kommen meint, ist eine der Rationalität entgegengesetzte Logik - auch deshalb, weil sie die eigene Abschaffung bereits grausam berücksichtigt. In einer der eindrücklichsten Passagen der Detektivgeschichte spuckt Enrique Salinas seinem Folterer Diaz ins Gesicht. Martens sieht darin, schockiert, ein Zeichen der Unschuld: So furchtlos kann nur der Unschuldige sein. Die Welt der Diktatur, das ist der Kern dieser perfekten Parabel, kennt nur Furcht und Schuld. Die Kategorie der Unschuld erträgt sie nicht. All ihr Können setzt sie darein, den Unschuldigen zum Schuldigen zu machen. Es gelingt, immer.

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