Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Ich musste Schriftsteller werden“: Friedrich Dürrenmatt (1921 - 1990), hier im Februar 1962.
+
„Ich musste Schriftsteller werden“: Friedrich Dürrenmatt (1921 - 1990), hier im Februar 1962.

Zum 100. Geburtstag

Friedrich Dürrenmatt: Der Spurt zu sich selbst

  • vonOtto A. Böhmer
    schließen

Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt.

Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat der eigenen Biografie immer wieder Aufmerksamkeit geschenkt, wobei es ihm mehr um die Sache als um die Person ging. Wie entstehen die Stoffe, die einen Schriftsteller in Beschlag nehmen, fragte sich Dürrenmatt. Die Antworten darauf reichen weit zurück: „Ich glaube, dass alles Wichtige, alles Entscheidende sich auf die Jugend zurückführt. Dies ist keine Erkenntnis, die ich – etwa von der Psychoanalyse – übernommen, sondern eine Erfahrung, die ich selber gemacht habe, indem ich über meine Werke, meine Ideen, meine Arbeit nachdachte. Ich bin auf dem Dorfe aufgewachsen, in einem Mischdorf (…) Mein Vater war dort Pfarrer, und ich wuchs in einer gewissen sozialen Isolierung auf, weil ein Pfarrerssohn in einem Dorfe etwas ganz Bestimmtes darstellt.“

Friedrich Dürrenmatt: Fantasiebegabt und lesewillig

Das Dorf, in dem der Pfarrerssohn Dürrenmatt heute vor 100 Jahren, am 5. Januar 1921 das Licht der Welt erblickt, heißt Konolfingen und liegt im Kanton Bern. Seine Eltern sind fromm, die Vermittlung christlicher Grundwahrheiten, die geglaubt werden müssen, um als wahr gelten zu können, funktioniert in der Gemeinde zufriedenstellend, stößt beim ältesten Sohn Friedrich allerdings auf Schwierigkeiten. Er ist fantasiebegabt und lesewillig, findet die Heilige Schrift aber nur dort spannend, wo sie nicht heilig, sondern eher abenteuerlich, ja unglaubwürdig anmutet. Er empfindet seine Umgebung als verwinkelt und verschachtelt. 1935 bekommt Dürrenmatts Vater eine Stelle als Pfarrer am Diakonissenhaus in Bern, die Familie muss umziehen. Der Wechsel vom Dorf in die Stadt erweist sich als nicht ganz unproblematisch.

Nun muss Dürrenmatt erleben, dass es das Labyrinth auch in der Stadt gibt, wo es noch unzugänglicher zu sein scheint. Der erneuten Erfahrung des Labyrinths begegnet Dürrenmatt zunächst offensiv, er setzt sich in Bewegung, durchstreift die Stadt, erkundet ihre Grenzen, was dazu führt, dass er sich des Öfteren verläuft. Seine innere Unruhe wird er damit nicht los. Auch auf dem Gymnasium gibt es Probleme. Dürrenmatt ist kein guter Schüler, er probt den Protest. Immerhin schafft Dürrenmatt das Abitur; er trägt sich mit dem Plan, Kunstmaler zu werden, zieht es dann aber vor zu studieren.

Friedrich Dürrenmatt: Promotion über Kierkegaard

Das Spektrum seiner Interessen scheint breit gestreut, an den Universitäten Bern und Zürich ist er für die Fächer Philosophie, Germanistik und Naturwissenschaften eingeschrieben. Von den Philosophen, mit denen er sich beschäftigt, steht ihm Kierkegaard am nächsten, über ihn möchte er promovieren, hat auch einen tragfähigen Titel („Kierkegaard und das Tragische“), unter dem sich Überlegungen aller Art versammeln lassen, aber eine Dissertation hat nun mal den Nachteil, dass sie in der Regel mit Arbeit verbunden ist.

Inzwischen hat er, der weiterhin regelmäßig malt und zeichnet, erste Schreibversuche unternommen, womit er nicht hinterm Berg hält: „Friedrich Dürrenmatt, nihilistischer Dichter“ ist seine Berufsbezeichnung, die sogar an der Tür seines Studentenzimmers abzulesen ist. 1946 sieht sich Dürrenmatt gezwungen, eine Entscheidung über seinen künftigen Lebensweg zu treffen. Er entscheidet sich, Schriftsteller zu werden.

Der Beginn des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt

Im Rückblick erscheint Dürrenmatt sein literarisches Schlüsselerlebnis wie ein eigens für ihn konzipiertes Dramolett, er spielt die Hauptrolle, ist Dramaturg und Regisseur in einer Person – ein denkwürdiger Auftritt mit weitreichenden Folgen. „Ich musste Schriftsteller werden, nicht nur weil ich mein Denken als Stoff, sondern auch weil ich einen neuen Ausgangspunkt gefunden hatte, von dem aus ich in die Schriftstellerei starten konnte: die Bühne (...). Indem die Vorstellung einer Bühne mich aus dem Gefängnis meiner Prosa und meines Zeichnens befreite, fand ich meinen Glauben an mich selbst, den Glauben, Schriftsteller zu sein (wie oft sollte dieser Glaube noch erschüttert werden). Ich rannte gleichzeitig von mir fort und zu mir hinein.“

1947 wird Dürrenmatts erstes Theaterstück „Es steht geschrieben“ am Schauspielhaus Zürich aufgeführt, der Erfolg bleibt überschaubar. Die folgenden Jahre werden schwierige Jahre: Der Autor Dürrenmatt, der sich inzwischen auch als Familienvater zu beweisen hat, muss Einkünfte erzielen, er schreibt mit Blick auf mögliche Erträge, nicht um die Menschheit mit neu ausgedachten Ideen zu beglücken. Die Stoffe sind dem Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt nie ausgegangen, ja sie beschäftigen ihn ein Leben lang, kehren wieder, bauen sich um, verlangen nach veränderten Antworten und Einsichten. Über die Gedankenarbeit, die damit verbunden war, hat Dürrenmatt in wunderbaren Essays Auskunft gegeben, die sich auch als erinnerte, in pointierte Momentaufnahmen zerlegte Selbstbiografie lesen lassen.

Friedrich Dürrenmatt: Mit „Besuch der alten Dame“ kam der Erfolg

1955 schafft Dürrenmatt den Durchbruch mit der „tragischen Komödie“ „Der Besuch der alten Dame“, in der die amerikanische Milliardärin Claire Zachanassian (geb. Klara Wäscher) ihrem Schweizer Heimatdorf Güllen eine Milliarde verspricht, wenn es ihren früheren Liebhaber, der sie einst mit einem Kind sitzenließ, zur Strecke bringt. Als der Lehrer von Güllen, ein Gutmensch, Frau Zachanassian darum bittet, ihren perfiden Plan fallenzulassen, und an ihre Menschlichkeit appelliert, bekommt er zur Antwort: „Die Menschlichkeit ist für die Börse der Millionäre geschaffen, mit meiner Finanzkraft leistet man sich eine Weltordnung. Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell. Wer nicht blechen kann, muss hinhalten, will er mittanzen. Ihr wollt mittanzen. Anständig ist nur, wer zahlt, und ich zahle. Güllen für einen Mord, Konjunktur für eine Leiche.“

Von nun an ist Dürrenmatt ein prominenter Autor, der fast alle Genres bedient; er schreibt weiterhin Theaterstücke („Die Physiker“, 1961; „Der Meteor“, 1966, u.a.), Hörspiele („Das Unternehmen der Wega“, 1955) und, am erfolgreichsten vielleicht, Kriminalromane, darunter „Der Richter und sein Henker“ (1952) und „Es geschah am helllichten Tag“ (1958), die auch verfilmt werden. Und wenn es für einen Autor denn schon mal gut läuft, kann er auch damit rechnen, dass man ihm, wie es Dürrenmatt folgerichtigerweise widerfährt, wichtige Literaturpreise zuspricht (Schillerpreis 1959, Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur 1983, Büchnerpreis 1986 u. a.) und sogar den einen oder anderen Ehrendoktorhut aufsetzt.

Dürrenmatt registriert es mit wachsamer Genugtuung, hält sich damit aber nicht länger auf als unbedingt nötig. Ohnehin ist er ein Einzelgänger, der im Literaturbetrieb die üblichen Verdächtigen am Werk sieht, die mit Vorsicht zu genießen sind: „Ich pflege meine Abneigungen wie meine Freundschaften (…), glaube noch an Nuancen im Denken, an persönliche Denkstile, welche die Denkmethoden prägen.“ Als Dürrenmatt sechzig Jahre jung wird, ehrt ihn sein Verlag mit einer opulenten Werkausgabe, die auch heute noch eine Fundgrube für kluge Einsichten ist. Er freut sich darüber, ist aber auch amüsiert: „So viele Bücher!“

Friedrich Dürrenmatt: Das tägliche Geschäft des Zweifelns

Mit zunehmendem Alter wurde Dürrenmatt immer mehr zum Philosophen unter den Dichtern, ihn interessierte, was die Welt im Innersten zusammenhält, wobei er vergnügt feststellen durfte, dass uns eine verbindliche Antwort darauf vorenthalten wird. Die Wissensfortschritte des Menschen sind dennoch immens; er durchschaut alles Mögliche, bleibt sich selbst aber ein Rätsel. Feste Gewissheiten bekommt der Mensch, wie Dürrenmatt ihn sieht, nicht zugeteilt, er muss sich mit Wahrheitsfindung nach Hausmacherart begnügen. Das aber hält die Lebens- und Denkspannung hoch, man läuft nicht Gefahr, sich in einem künstlich abgeschotteten Weltanschauungsbunker einzuhausen und vor der Zeit alt zu werden.

Eine offene, für Irritationen anfällige Philosophie, wie sie Dürrenmatt vertritt, hat es mit dem täglichen Geschäft des Zweifelns zu tun, für Trost, den manche ja auch von der Literatur erwarten, ist da kein Platz. „Ich habe einmal gesagt, das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist, dass ich an einer Buchhandlung vorübergehe und dort im Fenster ein Büchlein sehe: ‚Trost bei Dürrenmatt‘. Dann muss ich sagen: Jetzt bin ich fertig. Literatur darf keinen Trost geben. Trost können andere Dinge geben. Literatur, glaube ich, darf nur beunruhigen.“

Friedrich Dürrenmatt: Gesamtausgabe in 19 Bänden

Friedrich Dürrenmatt stirbt am 14. Dezember 1990. Acht Jahre nach seinem Tod veröffentlicht der Diogenes-Verlag eine Taschenbuchausgabe, das dramatische Werk in 18, das Prosawerk in 19 Bänden. In seiner Arbeit war Dürrenmatt ganz bei sich selbst. „Schreiben ist eine dialektische Bewegung, ein ständiges Fortschreiten an sich, ein Vertiefen, ein mit Gleichnissen arbeitendes Denken. Warum schreibt man? (...) Man erzählt Geschichten. Die Wirklichkeit ist wie ein Steinbruch, aus dem man diese Geschichten herausbricht. Es ist, als ob man mit einer Taschenlampe in einen dunklen Raum hineinleuchtet.“

Die Welt, die er, auf seine Weise, zu durchschauen lernte, ist für Dürrenmatt rätselhaft geblieben; sie war ihm das Labyrinth, aus dem er, ein ums andere Mal, seine Stoffe bezog. „Was heute gilt, gilt damals: Dramaturgie des Labyrinths (…). Die Welt, wie ich sie erlebe, konfrontiere ich mit einer Gegenwelt, wie ich sie erdenke.“

Friedrich Dürrenmatt: Frauen bleiben offen

Dürrenmatt hat seine Literatur einer Selbstbefragung unterzogen; die Ergebnisse, die dabei zutage traten, waren einleuchtend, aber nicht zwingend; was wir zu wissen bekommen, in und außerhalb der Literatur, ist ohne Gewähr: „Mit dem Dorf und der Stadt, mit dem eingeschlossenen Land und mit dem an seinen Grenzen sich brechenden Krieg, mit meiner Pubertät, mit meiner Vertrautheit mit den griechischen Sagen und mit meiner jugendlichen und späteren Lektüre ist die Wahl (...) meiner labyrinthischen Stoffe noch nicht völlig erklärt, andere Stoffe wären auch denkbar gewesen. Fragen bleiben offen. Außer der ersten Umwelt und den ersten Büchern legen die persönlichen Verhältnisse die Gleise, die man später benutzt. Woher ich vorliterarisch und später literarisch das Motiv des Labyrinths kannte, lässt sich nachweisen; warum ich es anwandte, um die Welt nachzugestalten, die ich vorfand, ist nicht selbstverständlich.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare