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Yael Inokai „Der simple Eingriff“: Die Frauen, die nicht wütend sein durften

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Von: Judith von Sternburg

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Yael Inokai.
Yael Inokai. © Ladina Bischof

Yael Inokai erzählt in ihrem Roman „Der simple Eingriff“ auf engstem Raum von Disziplinierung und Befreiung – und ganz aktuell von einer neuen Bescheidenheit.

Der „simple Eingriff“ im Titel von Yael Inokais drittem Roman ist ein medizinisch gruseliger Vorgang. Ihn so zu nennen, den Eingriff, ist offenbar eine gezielte Untertreibung, die der Beruhigung der Patientinnen dient. Ihn so zu nennen, den Roman, weist aber darüber hinaus und vom Inhalt auf die Form: Eine Einfachheit liegt über diesem Buch, das sich um keineswegs simple Dinge dreht, eine Direktheit und Konzentration der spannenden Handlung, die sich zum Teil fast jugendromanhaft gibt (ein solches Buch im Deutschunterricht könnte Leben verändern).

Dazu kommt eine Künstlichkeit, die erst auf die Strecke überzeugt und in einem seelenruhigen Erzählen besteht sowie in Pointierungen, Reduktionen, Aussparungen. Der Fall selbst: verwickelt. Aber wie der „Eingriff“ einen Schalter im Hirn der Patientinnen umlegen soll, so legt sich nachher ein Schalter im Hirn der Erzählerin um. Das geht so zügig, so bilderbuchmäßig vonstatten – eigentlich wie der „simple Eingriff“ selbst sein sollte, aber nicht ist –, dass man sich darüber wundert. Andererseits: Die Erzählerin ist damals sehr jung gewesen. Und die Welt, in der sie gelebt hat, ist eine stramme Hierarchie, so subtil sie auch daherkommt.

„Ein simpler Eingriff“ ist eine große Rückblende, wie man sogleich wieder vergisst, zumal alle Aufmerksamkeit auf eine Gesellschaft gelenkt wird, die sich zeitlich nicht einordnen lässt. Sie erscheint vergangen oder zukünftig, dabei nicht weit weg von uns. Die Erzählerin Meret arbeitet als Krankenschwester. Die fabrikmäßige Organisation des Krankenhauses fällt erst allmählich auf. Es gibt winzige Zweibettzimmer für die Schwestern, die in fließbandhaften Strömen auf Rädern zu ihren Schichten fahren. Das Telefon steht im Gang, von moderner Elektronik ist keine Rede. Die älteren Schwestern leiten die jüngeren an, oben stehen die Ärzte (kein generisches Maskulinum).

Namen spielen in der Hierarchie keine Rolle, auch der Arzt, dem Meret zugeteilt ist, ist lediglich der „Doktor“. Er hat sie für sein innovatives Verfahren ausgewählt, weil sie feinfühlig, mitleidig und hingebungsvoll ist. Es entgeht ihr dabei vollständig, dass „typisch weibliche“ Eigenschaften hier einem dubiosen Ziel dienen. Während des „simplen Eingriffs“, den der Doktor mit unterschiedlichem Erfolg vornimmt, ist es ihre Aufgabe, die Patientinnen (Patienten sind selten, kommen nicht vor) mit einfachen Gesprächen und Kinderspielen abzulenken.

Dass das zweifellos eine Gehirnoperation / Gehirnwäsche unter örtlicher Betäubung ist, führen Inokai und Meret nicht näher aus. Kein Blut, keine Kabel, keine Gerätschaften, der „simple Eingriff“ muss gleichwohl rabiat sein. Die Patientinnen sind schwer gestört – 100 Seiten später wird man lieber sagen: gelten als schwer gestört –, einige kommen aus der Psychiatrie, andere aus dem Gefängnis.

Ein Knall in ihrem Körper

Ihre „Wut“ ist es, von der sie hier befreit werden sollen, die „einschlafen“ soll, ein eigenartiger Sammelbegriff, aber wir sind dann selbst dabei, als die Patientin Marianne einen „Anfall“ erleidet. „Schließlich detonierte die Wut. Ein Knall in ihrem Körper. Arme und Beine zuckten. Ihr Atem stockte. Schweiß trat ihr auf die Stirn. Ihr Puls raste. Sie riss den Mund zum Schrei auf, aber ihrer Stimme fehlte die nötige Kraft, es kamen nur verzerrte Laute.“ Vielleicht lässt sich an den Umgang mit „Hysterie“ denken: dieser festlegende Blick auf eigentlich komplexe und vielfältige Symptome, gegen die lediglich eindämmend, nicht nachforschend vorgegangen wird.

Das Buch:

Yael Inokai: Ein simpler Eingriff. Roman. Hanser Berlin, 2022. 190 Seiten, 22 Euro.

Ziel des „simplen Eingriffs“ ist es, die Betroffenen zurück in ein „normales“ Leben zu führen. Früh wird man beim Lesen spüren, dass da etwas nicht stimmt. „Keine Schmerzen. Die kämen später. Darüber sprachen wir in dem Moment allerdings nicht.“ Meret steht voll dahinter. Ihr ist klar, dass es Rückschläge gibt, von einem „Abgrund“ ist dann die Rede. Der Doktor und sie sprechen in Ruhe darüber, sie mag diese Gespräche.

Der Eingriff bei Marianne, Tochter aus bestem Hause, der der erste von drei Teilen gewidmet ist, misslingt. Der zweite Teil heißt nach Sarah, Merets Mitbewohnerin. Die Frauen verlieben sich ineinander, in die Ordnung kommt ein privater Zug, der nicht direkt verboten, aber auch nicht vorgesehen ist. Eine kleiner Freiraum, eine große Sache für Meret.

Sarah, die auf einer anderen Station arbeitet, hat allerdings Fragen, die Meret nur anfänglich selbstbewusst beantworten kann. Nützt der Eingriff den Patientinnen wirklich? Nützt er eher der Gesellschaft? Oder der Karriere und dem Ehrgeiz des Doktors?

Meret, selbst nun der Titel des dritten Teils, begegnet einer ehemaligen Patientin. Sie besucht daraufhin Marianne in einem Pflegeheim. Nur ein (interessanter) Bruder kümmert sich noch um sie – nicht die einzige Nebenfigur, die auf ein anderes, ausschweifendes Format zielen könnte. Aber gerade so, wie er jetzt ist, keine 200 Seiten, verspricht „Ein simpler Eingriff“ als zartes Romangerüst nicht mehr, als es halten kann.

Meret denkt darüber nach, was der Doktor mit ihrer Schwester Bibi machen würde, die – nach schlimmen gemeinsamen Kinderjahren – abgetaucht ist. Meret vermisst sie sehr. Irgendwann, sagt sie, werde sie genug gesehen haben und zurückkommen. „Das kann nicht sein“, sagt Sarah: „Dass man irgendwann genug gesehen hat von der Welt.“

Inokai, 1989 in Basel geboren und mit ihrem Buch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis, stellt einen Freiheitsdrang gegen eine von anderen definierte Funktionstüchtigkeit. Das ist klassisch und doch durch die integre Meret anregend erzählt. Dass sich immer neue, unerwartete, womöglich glücklichere Konstellationen auftun können – jenseits der traditionellen Familie, der Arbeitshierarchie –, erscheint fast zu optimistisch, zu lieb. Vor allem aber ist es ein zugleich großes und bescheidenes Ansinnen und ist der Roman auch die Geschichte einer selbstgewählten Bescheidung jenseits gesellschaftlicher Disziplinierungen.

Bescheidenheit dürfte ein Begriff der nächsten Stunden sein, und „Der simple Eingriff“ ist insofern mittendrin im Geschehen.

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