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Ralf Rothmann erzählt in der Titelerzählung „Hotel der Schlaflosen“ von der Ermordung Isaak Babels 1940. RIA Novosti/ dpa |

Ralf Rothmann

Der Realismus und sein Henker

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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„Hotel der Schlaflosen“ heißt der neue Erzählungsband Ralf Rothmanns, der die Leser mit Geschichten vom Tod konfrontiert.

Kein Roman Ralf Rothmanns und keine Erzählung, die nicht davon handelten, dass ein Menschenleben ungeschützte Angriffsflächen bietet, auch jetzt wieder in der Geschichte „Wir im Schilf“. Es ist die erste seines Erzählungsbandes „Hotel der Schlaflosen“, geprägt von der Anteilnahme eines Autors, der seiner Figur zur Seite steht durch eine ungeheure Aufmerksamkeit.

Anteilnahme bei einem letzten Schritt, einem Schritt ins Freie, für die Frau, eine Geigerin, nicht leicht, denn sie mochte das Leben, aber plausibel nach der niederschmetternden Diagnose. Ein Schritt auf den Stuhl, ein Schritt über das Fensterbrett hinaus, ein Entschluss, der sich „von selbst ergab“. Ein letzter Atemzug, der todkranke Mensch ist ein durch und durch durchlässiges Wesen, intensiv die Berliner Luft. Die elf Erzählungen Ralf Rothmanns, zusammengefasst in dem ersten Erzählungsband seit 2012, konfrontieren mit dem „kalten Ernst und der himmelschreienden Eleganz des Todes“.

Empathie immer wieder, unbedingt auch in den beiden letzten Romanen, „Im Frühling sterben“ (2015) und „Der Gott jenes Sommers“ (2018) angesichts unverhohlener Gewaltverhältnisse in den letzten Kriegswochen 1945 und den ersten Jahren Nachkriegszeit. Den Verbrechen der Nazizeit folgten Verdrängungen der Nachnazizeit auf dem Fuße.

Nun nimmt Rothmann den Leser in vier Erzählungen erneut mit ins Ruhrgebiet, in den Umkreis der (eigenen, dort verbrachten) Kindheit. Ein Vorort von Oberhausen wird zum Schauplatz der Begegnung mit einem nie zuvor gesehenen Menschen, der im Bademantel Vater und Sohn bedroht mit einer Pistole, die der Vater als ehemaliger Wehrmachtssoldat zu identifizieren weiß, eine „Sauer 38“. Dass er den Fremden wegen seines Äußeren „Geronimo“ nennt – eine Kränkung. Steht doch der Sohn bei seinen Indianerspielen auf der Seite der Apachen, jetzt jedoch ist es ausgerechnet der Vater, in dem der Junge immer einen Cowboy vermutete, schon wegen seiner Vergangenheit als Kuhmelker, der ungemein souverän die äußert brenzlige Situation entschärft, offenbar ohne Angst. Weil dem Soldaten die Todesnähe nur zu vertraut war? Ein Abenteuer in einer nicht ganz wirklichen Schwebe - doch eher Lebensgefahr.

Wie nicht selten ist Ralf Rothmann auch in dieser Erzählung ein Autor von Schwebezuständen, trotz des Gewichts beklemmender Details. Erneut weiß Rothmann die Aromen seiner Ruhrgebietskindheit aufzurufen, nicht nur die Gerüche, überhaupt ausgemergelte Gefühlswelten, eine nur fahle Lebensenergie, die sich auf kurz angebundene Verständigungsformeln beschränkt, darunter rüde Kommandos: „Raufkommen!“, herrscht die Mutter das Kind an. Und dann gab’s „Saures“. Sauer war das Aroma jener Tage.

Züchtigung ist eine regelmäßig erfahrene körperliche Strafe und seelische Demütigung. Auf den Körpern der Kinder schlägt sich die Unzufriedenheit der Erwachsenen mit dem eigenen Leben so gnadenlos wie hilflos nieder. Das Leben in der Mehrzahl der elf Erzählungen wird zu einer Heimsuchung vergeblicher Hoffnungen, erst recht in einem Berufsleben, hier auf dem Bau, wo nicht nur ein barscher Ton herrscht, sondern die „Lust am Niedermachen“. In einer Arbeitswelt des Akkords ist man taub für menschliche Appelle.

Keine Empathie, beengte, bedrückende Verhältnisse in den vier Wänden der Bergarbeitersiedlungen; nirgendwo Raum für eine milde Regung. Spielräume, Freiräume allein auf den Trümmergrundstücken, die Kohlehalden eine Prärie. Die unglücklich ungeschickte Tochter, einer prügelnden Mutter ausgesetzt, rafft sich auf zur Flucht, doch an den Fersen der Schwesternschülerin, der Liebhaberin, der Gespielin eines Chefs, der Küchenhilfe in einem Behindertencafé klebt das Pech. Dass die von ihr immer wieder verprügelte Anna, die Katze, eines Nachts zusammengerollt auf ihrem Bett liegt, gehört zu den Wundern, die Rothmann immer schon Tieren als ein Geheimnis zugeschrieben hat. Denn „Tiere“, hat er einmal erzählt, „sind Hieroglyphen, wir können sie nicht ganz verstehen.“

Das Buch

Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen. Erzählungen. Suhrkamp Verlag 2020. 204 Seiten, 22 Euro.

Umso wichtiger das Verständnis für Tiere, in „Admiral Frost“ gilt sie der ungemein detaillierten Schilderung eines „Natursprungs“, der nicht künstlichen Befruchtung einer Stute, sondern der natürlichen Besamung durch einen Hengst, ein Gewaltakt, der vollkommen aus der Kontrolle gerät und in einer Katastrophe endet, tödlich für eine Reiterin.

Rothmann beherrscht den drastischen Naturalismus ebenso wie das leicht ironische Protokoll, die kunstvolle Wiedergabe nah an der gesprochenen Sprache, so in der irren Geschichte über einen dubiosen Dreh mit einem Film-Moses, der bereits 1981 mit seinem Stab die Berliner Mauer zum Einsturz bringt. Nicht zu vergessen der Telefondialog, dominiert durch die aufgekratzten Unverschämtheiten einer seit Jahren abgetauchten Freundin, unsäglich wegen der Indiskretionen. Ein impertinenter Knallerfrauenkabarettjargon als kommunikative Gewalt, nicht anders als das verbissene Schweigen der Malochenden.

Der Erzähler Rothmann, vordergründig ein schonungsloser Tatsachenautor, erzählt von Menschenleben, die in der Schuld ihrer Schamlosigkeiten stehen. Etwa Simon, Abiturient, ein Architekturstudium anvisierend, der sich in die Tochter seines menschenverachtenden Poliers vergafft, eine „zarte Schöne“ mit Sommersprossen, ohne einen Hauch von Schminke, ohne BH unter der Bluse auch. Doch bald, „nach unseren ersten Sensationen“ trennt sich der Ich-Erzähler von der jungen Frau, da sie ein Holzbein hat. Zu übermächtig die Scham, wie der Ich-Erzähler bekennt, sich seiner Schamlosigkeit bewusst.

Die Erzählungen leben von einer Wahrhaftigkeit, die von Schuld gesättigt ist. Die Wucht der Geschichten hat sich hergemacht selbst über den Humor. Wenn er in der vorletzten Erzählung zunächst aufkommt im Milieu recht fideler Bestatter, erweist er sich bald schon als Sprücheklopperei („Am Ende ist das Leben kürzer als ein Sarg“), so haltlos wie heillos. Geht es doch darum, die starren Körper von Bergleuten, die schon vor Jahrzehnten verschüttet wurden, weil wohl Vitriol sie nicht verwesen ließ, abzutransportieren. Keine Anteilnahme, um ein Fortschaffen von der Zeche geht es, darunter den mit 23 verunglückten Vater, plötzlich als Mumie unter den Augen seines Sohns, der in der Nacht zu hören ist, am Sarg „ununterbrochen“ redend. War er deswegen auf der Anfahrt zum Unglücksort ein dermaßen „elender Quatschkopf“? Zwei Wodkaflaschen leerend, wird er die Totenwache nicht überleben.

Der Humor ist erstickt, verschüttet unter der Wucht eines Realitätssinns, in dem die Resignation über die Hoffnung regiert. Keine Aussicht, allenfalls eine Reminiszenz, abschließend, bei einer Fahrt durch Schleswig-Holstein, Kindheitsland. Es wäre eine regelrecht versöhnliche Erinnerung, wenn diese nicht durch eine gnadenlose Gegenwart verwirrt würde.

Ein eingetrübter Lichtblick. Grell einer unter der Sonne Mexikos für einen alten Dozenten, nach einer lebensgefährlichen Nachtfahrt mit einer Tramperin und zwei illegalen Mexikanern durch die Wüste. Auch das ein gewaltiger Prosatext, in dem eine auf die Erhabenheit der Natur scharf gestellte Wahrnehmung durch den Müll der Zivilisation und die Willkür mexikanischer Militärs brutal kalibriert wird.

Keine Geschichte jedoch, die dermaßen erbarmungslos wäre wie die Titelgeschichte, „Hotel der Schlaflosen“. Rothmann hat es gewagt, die Perspektive eines sich im Rückblick weiterhin fanatisch im Recht wähnenden Folterers einzunehmen, der das Töten im Akkord verrichtet in einem gekachelten Keller, „wo man kaum nachkam mit dem Ausspritzen“. Der Erzähler hat sich in den Kopf Wassili Blochins hineinversetzt, der als Scherge Stalins tausende Menschen liquidierte, nachweislich 15 000, erwiesenermaßen durch Kopfschuss, nie ohne Schürze. Der Sadist, vertraut mit der Angst und der Panik seiner Opfer, vertraut auch mit „jedem Schädelnerv“, tritt, bevor er sich mit der von ihm verehrten Pistole hinter Isaak Babel stellt, an den in Ungnade gefallenen Autor des Bürgerkriegsromans „Die Reiterarmee“ heran mit einer Bitte. So umschreibt er, indem er dem Verurteilten ein Exemplar seines Buches hinhält, seinen Autogrammwunsch. Eine Szene aus dem ersten Kreis der Hölle, die Leser, Augenzeugen angesichts der Detaildichte, kaum je loslassen wird. Dem Mord voraus geht der Vorwurf des Bürokraten, Babel habe „die Realität mit Realismus verwechselt“. Der Henker als Herr über Realität und Realismus: Sinnbild für ein Jahrhundert der Extreme, wodurch der Realismus zum Antipoden der Realität werden musste, zwangsläufig.

Ein Mensch in den Händen seines Henkers ist ein poröses Wesen. Rothmanns Wirklichkeitssinn ist von erschütternder Radikalität. Der Erzähler lässt sich kein drastisches Detail entgehen, ihm entgleitet aber auch keines ins Vordergründige; keine Spekulationen mit dem Schrecken. Auch in diesen Erzählungen sind es literarische Mittel wie Verknappung, Rückblick und vor allem die Andeutung, die sich als Strategien des Aufbegehrens erweisen, gegen den Gang der Dinge, ob aus Güte oder Entrüstung. Ist doch manches Menschenleben in Ralf Rothmanns Erzählkosmos aus Widerstandswillen gemacht. Doch er kollabiert regelmäßig. Realismus lässt sich nichts vormachen. Über den Nahtoderzählungen Ralf Rothmanns lastet die Angsterfahrung wie ein Alp.

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