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Nicht nur der Urmensch brauchte seine Pfade, auch der Corona-Mensch sucht Wege auf.
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Nicht nur der Urmensch brauchte seine Pfade, auch der Corona-Mensch sucht Wege auf.

„Wo wir gehen“

Der Mensch, der Pfad und sein Sinn

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Wo wir gehen“: Robert Moor denkt über unser Bedürfnis nach Wegen und Bewegung nach.

Zu den Dingen, die der (gesunde) Mensch mit der allergrößten Selbstverständlich- und vor allem Gedankenlosigkeit tut, gehört der Gebrauch seiner Gliedmaßen zum Zweck der Fortbewegung. Er könnte sich auch schwerlich im Laufe seines Lebens – im Laufe! – über jeden Schritt und Tritt gewissermaßen Rechenschaft ablegen (ganz zu schweigen vom Aufwand, wäre auch noch eine Planungsphase, wie kurz auch immer, nötig), da käme er ja zu nichts anderem mehr. Bestimmt nicht zur Erfindung des Rads, um sich das Zurücklegen größerer Strecken leichter zu machen, oder zum Austüfteln des Verbrennungsmotors.

Gerade erfährt wegen Covid-19 das Gehen eine frische Wertschätzung, dies meist in Verbindung mit Ankündigungen wie „ich geh raus“ oder „ich darf wieder rausgehen“ (wenn man nicht mehr „positiv“ ist). Aber natürlich geht der Mensch auch in den eigenen vier Wänden, vom Bad in die Küche, von der Küche ins Wohnzimmer und so weiter. Selbst eine sogenannte Couch-Kartoffel tut es. Man stelle sich aber nur mal vor, wir wären einst aus dem Meer gekommen und auf dem Trockenen festgewachsen wie allesamt die Pflanzen. Mag sein, ein gar nicht so schlechtes Leben, aber mit Sicherheit eines ohne Kultur – zugegeben, auch ohne Unkultur und Streit. Wann wären je die Gänseblümchen im Tulpenbeet einmarschiert.

Nicht „Warum wir gehen“ heißt ein Buch des US-Amerikaners Robert Moor, obwohl sich der Autor auch darüber seine Gedanken macht, sondern „Wo wir gehen“, im Original „On Trails. An Exploration“, also „Über Pfade. Eine Erkundung“. Wie es seinem Thema angemessen ist, schweift Moor ab, sucht Nebenwege, umkreist den Kern, in dem es ihm darum geht, warum wir ohne Pfade und ohne Vor-Läufer, die diese Pfade im wahrsten Sinn des Worts dem Boden einprägen, ein-treten, verloren wären. Er reflektiert über die allmähliche „Herstellung von Sinn“ mittels unserer Füße und ihres gedankenlosen Tuns, weist darauf hin, dass diese Herstellung von Weg-Sinn erst gelingt, wenn zahlreiche Gehende einander folgen. Denn erst durch seine regelmäßige Benutzung wird ein Pfad ein Pfad, wird er sichtbar, erlangt er seine Pfadhaftigkeit (dies auf jeden Fall vor der Zeit der Wanderweg-Markierungen).

Weit spannt Robert Moor seinen Bogen. Vom „Urwegenetz“, ohne das eine menschliche Gesellschaft sich gar nicht erst hätte entwickeln können, schon gar keine sesshafte menschliche Gesellschaft, die auf verlässliche Außenkontakte, auf Tausch und Handel angewiesen war. Spannt den Bogen von einem plausibel postulierten Urwegenetz, das vermutlich zumindest in Teilen entstand, indem der Mensch seine Füße auf Tierpfade, Wildwechsel setzte. Bis hin zum World Wide Web, denn auch das gäbe es ohne Pfade nicht, ohne den „Weg des geringsten Widerstands“, eine direkte Verbindung von A nach B und B nach C. Allerdings sieht Moor beim Internet mittlerweile eine starke und auch hochproblematische Tendenz zum Verwildern. Die Informations-Flüsse sind längst über die Ufer getreten. Und wer soll Dämme aufbauen, Daten-Wege kanalisieren?

Weder hier noch da, eigentlich nie darf ein Wegenetz, das seine Zwecke erfüllen soll, beliebig sein. (Wanderwege gelten heute als umso lohnender, wenn sie die landschaftlich schönsten Punkte an einer Strecke verbinden, nicht die nützlichsten, aber das ist tatsächlich ein Luxus, den sich erst die Freizeitgesellschaft leisten kann.) Zuallererst müssen Wege verlässlich sein, denn warum sollte ein Mensch in die Fußstapfen anderer treten, wenn er befürchten muss, dass sie ihn geradewegs in ein Dickicht oder eine wasserlose Wüste führen – und eben nicht zu der Quelle, von der die, die ihm vorangingen, das Wasser holten.

Ein Pfad ist am Beginn seiner Entstehung eine „Wunschlinie“ mit Zielpunkt, ist dann ein Helfer. Seine Freiheit ist, schreibt Moor, keineswegs ozeanisch, sondern flussartig. Zwar kann er sich, anders als das Wasser, einen Hang hinaufschlängeln. Aber der frühe Mensch würde nicht über die Bergspitze ins nächste Tal gehen, sondern selbstverständlich immer noch über den Pass, die niedrigste Stelle. Das mit den Bergspitzen, das kam viel später und hat ebenfalls mit dem Ehrgeiz, der Eitelkeit und dem Luxus der Moderne zu tun. Manche indigene Völker fürchten noch heute den Berg, glauben, dass oben die Geister wohnen, und bleiben der Höhe und ihren ja unzweifelhaft vorhandenen Gefahren fern.

Das Buch

Robert Moor: Wo wir gehen. Unsere Wege durch die Welt. A. d. Engl. v. Frank Sievers. Insel, Berlin 2020. 414 S., 24 Euro.

Moor hat, nach Art des Nature Writing etwa eines Robert Macfarlane, natürlich so manchen Pfad selbst ausprobiert – wobei „ausprobieren“ nicht das richtige Wort ist für seine Bezwingung des 3523 Kilometer langen Appalachian Trails, der von Georgia nach Maine führt. Er erwischte, 2009, einen „Ausnahmesommer“ – und das ist nicht im Sinne des deutschen „Sommermärchen“-Sommers gemeint: „Einmal, vor vielen Jahren“, schreibt er, „machte ich mich auf, um ein großes Abenteuer zu erleben, und starrte stattdessen fünf Monate lang auf Schlamm.“ Zwar ist auch ein aufgeweichter Pfad noch ein Pfad, der einem hilft, „nicht verloren zu gehen“. Aber nur im Sinne von: die richtige Richtung halten, das Ziel ansteuern. Mit sympathischer Selbstironie fasst Moor sein Wander-Ergebnis zusammen: „Erleuchtet werde ich nicht.“

Der Dauerregen führt aber wahrscheinlich dazu, dass der damals noch sehr junge Amerikaner ziemlich viel über die Mühsal und den Schmerz des Gehens erfährt und in seinem Buch dann auch erzählt. Davon, wie man, den Kopf unter dem Plastikschutz gesenkt, nur noch geht um des Gehens Willen. Er erzählt auch von Menschen, die nicht aufhören können, Fuß vor Fuß zu setzen, Tag um Tag; von einem Mann namens Eberhart, der sich die Zehennägel hat entfernen lassen, damit sie ihm nicht abfaulen und entzündete Zehen ihm das Wandern unmöglich machen. Gehend und mit einem Minimum an Besitztümern sei er mit sich im Reinen, versichert ihm Eberhart.

Das ist natürlich eine Extremvariante des erst vor gar nicht so langer Zeit entstandenen Wanderns, das Moor als kleine Fluchten aus dem „Garten der Zivilisation“ bezeichnet, als Sehnsucht nach einer wenigstens zeitweisen Einfachheit, nach einer Freiheit von Wahlmöglichkeiten (gucke ich fern, nehme ich ein Bad, hole ich den Staubsauger raus, gehe ich ins Kino usw. – hat nicht auch der Corona-Lockdown manche Menschen regelrecht erleichtert, weil er ihnen Wahlmöglichkeiten genommen hat?). Aber der Freizeit-Wanderer geht, anders als Eberhart, nicht vorrangig um das Gehens Willen, er erwartet (so formuliert es Moor und die Wanderin fühlt sich ertappt), einen ästhetischen und athletischen Gewinn. Gerade aus den Bergen, vor denen unsere Vorfahren Hochachtung hatten, möchten wir nun „einen immer neuen und immer selteneren Wert“ schöpfen. Aber viele Pfade werden dadurch „zu Tode geliebt“, ganz zu schweigen von ihrem Ausbau bis hin zur Straße. Auf dem Gipfel, auf den man einst vielleicht sogar nur unter Lebensgefahr hochklettern konnte, kann man heute einen Sticker kaufen: „This Car Climbed Mt. Washington“, dieses Auto hat Mt. Washington bestiegen.

Denn die Verbindung zwischen Fuß und Erde ist uns weitgehend verloren gegangen. (Und dabei wurden nicht wenige Urwege unter Asphalt begraben, da diese alten Pfade einmal als nicht unbedingt kürzeste, aber doch sinnvollste Verbindung zwischen A und B entstanden.) Insofern als Moor auch davon schreibt, wie wir die Wildnis abschieben in immer kleinere, immer mehr schrumpfende Bereiche, ist sein Buch eines, das uns auch vor dem Verlust unserer natürlichen Welt warnt.

Nachdem sich Henry David Thoreau („Walden. Oder das Leben in den Wäldern“) einmal im Nebel in ein wahrhaftig wildes Gebiet, die sogenannten Burnt Lands, verlaufen hatte, jubelte er später über diese Erfahrung: „Das hier war niemandes Garten, sondern der unberührte Erdball. (…) Es war die reine Materie, weit, überwältigend … Felsen, Bäume, Wind auf den Wangen! feste Erde! echte Welt! aller Sinn! Kontakt! Kontakt!“ Ein wenig fassungslos ist Moor, dass bereits ein Thoreau (1817-1862) offenbar seinem Land so entrückt war, dass ihm erst beim Sich-Verirren „eine derartige Erleuchtung widerfuhr“.

Wäre es also besser, wir würden unsere Pfade öfter verlassen? Im Sinne von Rebecca Solnits Überlegungen zum auch mal ziel- und weglosen Gehen in „Die Kunst, sich zu verlieren“? Vielleicht. Aber es mag auch genügen, über immer wieder andere, uns unbekannte Stadt- und Freizeit-Wege zu trödeln. Und damit an völlig beliebige Orte zu gelangen und nicht an solche, wo sich etwas ereignet hat, was uns wichtig erscheint. Auch das nämlich sieht Moor als eine europäische Erfindung an und als eine, die in einen Plätze, Landschaften, Schönheit verheerenden Tourismus ausgeartet ist: Orte aufzusuchen, an denen etwas Besonderes geschehen ist. Auch Tiere, so schreibt er, sind „schlimme Trampler“, vor allem in der Herde, aber der in Mengen auftretende Mensch hinterlässt „von allen Tieren wohl (…) die zerstörerischsten Spuren“.

Aber warum nun ist er dazu fähig? „Warum entwurzeln wir Tiere uns?“ Es ist eine Frage, die auch der so neugierige wie nachdenkliche Robert Moor nicht beantworten kann, aber immerhin stellt er sie. Und ist dafür sogar zu den Zeugnissen der vermutlich ersten, urzeitlichen Spuren von Bewegung eines frühen Lebewesens gereist: Nach Neufundland zu den Pfaden der Ediacara, Makrofossilien aus der Zeit des ausgehenden Proterozoikums vor etwa 580–540 Millionen Jahren. Entscheidend war zuallererst die „Erfindung“ der Muskelfasern, die frühesten werden auf 560 Millionen Jahre datiert. Dann konnte, spekuliert Moor, zugleich mit einer Verhärtung der Körperhülle auch eine Art „biologisches Wettrüsten“ stattfinden. Dieses wurde vielleicht vorangetrieben vom evolutionären Vorteil, sich selbsttätig an einen Platz begeben zu können, an dem es einem gut geht, an dem das Umfeld, eine Nahrungsquelle zum Beispiel, stabil ist. (Das brachte, nebenbei, freilich auch Gewalt hervor.) Das Tier war nicht mehr angewiesen auf den Zufall einer Welle oder eines Windstoßes. Hatte es Verlangen nach Stabilität, konnte es sich selbsttätig in Bewegung setzen und zumindest versuchen, an einem anderen, günstigeren Ort diese Stabilität herzustellen.

Was hat das mit mir zu tun, mag sich die Wanderin auf dem Wanderpfad fragen. Aber wenn man aus Robert Moors Buch eine Lehre ziehen kann, dann, dass wir alle nichts wären ohne unsere Vor- und Vorvor-Läufer. Und damit sind auch nicht-menschliche gemeint, denn: „Wir sind, allesamt, wild bis ins Mark“, tragen unzählige Zellen in uns, die nicht wir sind, tragen auch seit unserer Entstehung das offenbar angeborene Bedürfnis in uns, die sinnvollsten Wege zu finden. Die aber, wohlgemerkt, nicht unbedingt die kürzesten sein müssen.

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