Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Prachtvoller Anblick. Attenborough schreibt: „Über neunzig Prozent der Seevögel haben Plastikfragmente in ihren Mägen.“  Charly Triballeau/afp
+
Prachtvoller Anblick. Attenborough schreibt: „Über neunzig Prozent der Seevögel haben Plastikfragmente in ihren Mägen.“

David Attenborough

Der Kollaps der belebten Welt

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

Der Naturfilmer David Attenborough befasst sich mit der Lage der Erde und der letzten Chance, die vielleicht auch schon vorbei ist.

David Attenborough ist der bekannteste Naturfilmer der Welt. Seit den 50er Jahren arbeitete er bei der BBC. Seine großen Fernsehserien, darunter „Planet Erde“ und „Spiele des Lebens“, machten ihn weltberühmt. Attenborough war jahrelang auch Chef des Wissenschaftsprogramms der BBC. Das ermöglichte ihm immer wieder den Einsatz neuester Technologien. So konnte er immer wieder Leben zeigen, wie es noch zu sehen gewesen war. Vom Blauwal bis zu Kleinstlebewesen. Geboren wurde David Attenborough 1926 in Isleworth, sein älterer Bruder ist der Schauspieler, Regisseur und mehrfache Oscar-Preisträger Richard Attenborough, gestorben 2014.

David Attenborough machte nicht nur Filme aus seinen Naturbeobachtungen. Er schrieb auch immer wieder Bücher. Sein neuestes trägt auf Deutsch den Titel „Ein Leben auf unserem Planeten“. Man erfährt hier, dass der Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek, als er Tiere mit in den Hessischen Rundfunk nahm und sie auf den Tisch vor sich legte, um sie dem Fernsehpublikum vorzustellen, eine BBC-Sendung kopierte. Und dass es umgekehrt Grzimeks Film „Die Serengeti darf nicht sterben“ war, der David Attenborough erst auf die Idee brachte, selbst einmal in die Serengeti zu gehen.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste – knapp einhundert Seiten – berichtet von den zentralen Veränderungen, die die Welt seit 1937 erfahren hat. Es geht dabei nicht um Faschismus, Stalinismus, Demokratie, nicht um Putsche und Revolutionen, nicht um das Wachsen von Einkommensunterschieden. Ökonomie und Politik spielen also keine Rolle? Oh doch, sie spielen sogar die zentrale Rolle. Denn sie vernichten die Grundlagen menschlicher Existenz. Und nicht nur die.

Der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt sprach über die „schrecklichen Vereinfacher“ und übersah dabei seine eigene Begabung zur Profilierung der Phänomene durch Reduktion. Attenborough ist ein Genie, was die Konzentration auf das Wesentliche angeht. Die beiden DVDs zur Geschichte der tierischen Evolution sind ein unschlagbarer Überblick über die Geschichte der Wirbeltiere von ihrer Entstehung vor 500 Millionen Jahren bis hin zum letzten Satz: „Die Geschichte der Wirbeltiere ist noch nicht zu Ende.“

Zunächst geht es um die Jahre 1937, 1954, 1960, 1968, 1971, 1978, 1989, 1997, 2011, 2020. Attenborough verfolgt dabei immer drei Faktoren: Weltbevölkerung, Kohlenstoff in der Atmosphäre und verbliebene Wildnis. 1937 war Attenborough elf Jahre alt und radelte durch seine Heimatregion in Zentralengland. Damals begann er seine Entdeckungsreisen. Damals lebten 2,3 Milliarden Menschen auf der Erde. Der Kohlenstoffanteil in der Atmosphäre lag bei 280 ppm, also 280 Kohlenstoffteilchen in einer Million der Gesamtatmosphäre. Die verbliebene Wildnis betrug 60 Prozent. Alles sehr grobe Schätzungen. Natürlich nennt Attenborough seine Quellen.

Es ist wenig verblüffend, dass die Wildnis schwindet und die ersten beiden Faktoren steigen. Die Weltbevölkerung hatte sich bereits 1978 auf 4,3 Milliarden erhöht, also beinahe verdoppelt, 2020 lag sie bei 7,8 Milliarden. Wo wären wir ohne Chinas einst drastische Ein-Kind-Politik? Das Jahr 1989 gerät in Attenboroughs Rückblick in ein neues Licht. Es ist das erste, in dem die „Wildnis“ unter die 50-Prozent-Marke rutscht. 31 Jahre später sind nicht mehr 49 Prozent der Erdoberfläche Wildnis, sondern nur noch 35 Prozent. 2020 lag der Kohlenstoffanteil in der Atmosphäre bei 415 pro Million.

Das Buch:

David Attenborough: Ein Leben auf unserem Planeten. A. D. Engl. v. Alexandra Hölscher. Blessing 2020. 302 S., 24 Euro.

Zum Thema Plastikmüll schreibt Attenborough: „Aktuell treiben 1,8 Billionen Kunststoffteile in einem ungeheuerlichen Müllstrudel im Nordpazifik (...). Vier andere Müllstrudel bilden sich zurzeit in ähnlichen Wirbeln in anderen Gegenden des Ozeans. Über neunzig Prozent der Seevögel haben Plastikfragmente in ihren Mägen.“ Attenborough weist auf die Vernichtung der Fischbestände hin und vergisst dabei auch nicht die Süßwasserfische. So ist ganz nebenbei zu erfahren, dass ein Viertel aller weltweit gefangenen Süßwasserfische aus dem Mekong kommt. Auch dort werden die Fische nicht nur weniger, sondern auch kleiner.

Diese Entwicklungen sind lange bekannt. Sie werden aber nicht aufgehalten. Obwohl jeder weiß, dass es nicht nur immer schwieriger wird, sie zu stoppen, sondern dass es auch Punkte gibt, nach denen das unmöglich wird.

Dabei muss man sich vor Augen halten, dass diese Zahlen uns mit unseren politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen, moralischen Fähigkeiten und Unfähigkeiten konfrontieren. Es ist damit zu rechnen, dass der Kollaps, lange bevor er gewissermaßen „natürlich“ einträte, von uns längst selbsttätig herbeigeführt werden wird. Schon auf die Flüchtlinge reagierte nicht Europa, sondern es wurden wieder vorgebliche Nationalinteressen nach vorne gespielt. Das Gleiche war bei der Pandemie zu beobachten. Man könnte den Eindruck haben: Je globaler ein Problem ist, desto mehr wächst die Versuchung, sich ins lokale Schneckenhaus zu verkriechen.

Der zweite Teil, „Was vor uns liegt“, hat kaum zwanzig Seiten und schreibt die Entwicklung bis ins 22. Jahrhundert fort. Im letzten Abschnitt dieser Vorschau schreibt Attenborough: 2100 wäre es „vier Grad wärmer auf unserem Planeten. Mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung würde an Orten leben, an denen die Durchschnittstemperatur über 29 Grad beträgt, ein Hitzelevel, das aktuell nur die Sahara versengt“. Landwirtschaft wäre unmöglich, eine Milliarde Menschen wäre unterwegs. „Der weltweite Ausbruch von bewaffneten Konflikten wäre vorprogrammiert.“

Und dann kommen die Schreckenssätze: „Für einen Menschen, der heute geboren wird, lässt sich nach aktuellem Stand vorhersagen, dass während seiner Lebenszeit die menschliche Spezies unseren Planeten durch eine Reihe von Türen führen wird, durch die es kein Zurück gibt und hinter denen unumkehrbare Veränderungen lauern, durch die wir die Sicherheit und Stabilität des Holozäns verlieren. In einer solchen Zukunft werden wir nichts Geringeres als den Kollaps der belebten Welt herbeiführen, worauf unsere Zivilisation doch so sehr angewiesen ist.“

Aber so kann Sir David Attenborough nicht enden. Er ist kein Apokalyptiker, sondern einer der 65 Träger des Ordens der Companions of Honour.

Der Vorhersage des Zusammenbruchs folgen einhundert Seiten „Vision für die Zukunft“. Keine Analyse, sondern tatsächlich eine Vision: Sieben Kapitel hat sie. Sie stehen nicht für die sieben Todsünden, sondern für das Gegenteil. Sie tragen die Überschriften: „Das Wachstum hinter uns lassen“, „Der Wechsel zur sauberen Energie“, „Zurück zu einem wilden Ozean“, „Wie wir weniger Platz einnehmen“, „Zurück zu wilden Landflächen“, „Den Höchststand der Weltbevölkerung fest vor Augen“ und „Ein Leben im Einklang mit der Natur“. „Die Sieben ist die Summe von drei und vier, von Geist und Seele einerseits sowie Körper andererseits, also das Menschliche“, heißt es auf Wikipedia.

Aber dann kommt ein Nachwort, das noch einmal betont: „Die nächsten Jahrzehnte werden unsere letzte Chance sein.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare