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Denis Diderot, geformt von Jean-Antoine Houdon. Bertrand Langlois/afp
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Denis Diderot, geformt von Jean-Antoine Houdon.

Denis Diderot

Der ideale Wegweiser

  • vonEberhard Geisler
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„Prosa der Welt“: Zu Hans Ulrich Gumbrechts Buch über den herrlich vollständigen Denis Diderot.

Hans Ulrich Gumbrecht hat die These vertreten, die Geisteswissenschaften hätten längst ihre gesellschaftliche Funktion verloren und seien daher, zumindest in ihrer bisherigen Form, mit Fug und Recht zum Untergang bestimmt. Er hat daraus die Konsequenz gezogen, sich statt weiter betriebener hermeneutischer Praxis vermehrt dem Phänomen des Fußballs zuzuwenden, in dem für ihn als bekennendem Fan von Borussia Dortmund neuerdings die eigentliche, zeitgenössische Form von intensiver Erfahrung bestehen soll. Mit seinem neuen Buch beweist er glücklicherweise jedoch, dass die einlässliche Philologie nach wie vor von großem Nutzen sein kann, und das Publikum sollte ihm dafür danken.

Zunächst einmal geht es um die Grundthese, dass Diderots Werk insofern überraschend aktuell sei, als es von einer geistigen Freiheit zeuge, die für heutige Intellektuelle wieder überaus anregend sein könne. Gumbrecht selbst hat in letzter Zeit auf den Begriff der Kontingenz aufmerksam gemacht und ihn auf den Weltzustand insgesamt angewendet. Kontingenz meint in der Logik bekanntlich die Möglichkeit und gleichzeitige Nichtnotwendigkeit einer Aussage.

Für Gumbrecht beschreibt dies die Situation unserer Tage schlechthin, in der es einerseits keine verpflichtenden Weltbilder, wie die Vergangenheit sie aufgestellt hatte, mehr zu geben scheint, andererseits aber vieles, gar Unabsehbares bedacht werden kann. In seinem neuen Buch schreibt er darum: „Im Blick auf das Heute versuche ich die Zeitlichkeit zu beschreiben, in der wir als der ‚breiten Gegenwart‘ leben, deren existentieller Horizont sich in einem Prozess der Transformation von einem Kontingenzfeld in ein Kontingenzuniversum befindet.“ Diderot kann ihm zufolge in dieser Situation ein idealer Wegweiser sein.

Tatsächlich tut es gut, sich wieder mit der bestechenden intellektuellen Offenheit des großen Enzyklopädisten oder auch mit der Bedeutung eines Buchs wie „Rameaus Neffe“ zu konfrontieren, das Goethe 1805 übersetzt hatte und an dem Gumbrecht den frühen Entwurf einer völlig dezentrierten Subjektivität aufweisen kann, eines entleerten Ichs, das in immer wieder neue Gestalten hineinschlüpfen kann und damit Fernando Pessoas Heteronyme vorwegnimmt.

Das Buch:

Hans Ulrich Gumbrecht: „Prosa der Welt“. Denis Diderot und die Peripherie der Aufklärung. Suhrkamp 2020. 400 S., 36 Euro.

Diderot ist nicht zu einem Monument der Aufklärung wie Voltaire oder Rousseau geworden, sondern besticht durch eine oszillierende Lebendigkeit, die sämtlichen Dogmen ferne bleibt. Romanisten wie Erich Köhler und Rainer Warning hatten bereits auf den Ausdruck des Bizarren bei ihm aufmerksam gemacht, der hervortreten lässt, was sich an den Dingen der Begrifflichkeit entzieht, und Gumbrecht sagt in diesem Sinn sehr schön über sein Werk: „... es setzt einen Leser voraus, der Augenblicke existentieller Verdichtung höher schätzt als begriffliche Strenge und wissenschaftliche Präzision.“

Gumbrecht kommt also Diderot auch als Ästheten nah, bricht in seiner Annäherung dann aber leider ab. Diderot war nicht nur Denker, sondern zugleich ein Schriftsteller, dem Empfindsamkeit etwas galt und der in diesem Zusammenhang doch auch wieder Werte und Wahrheiten kannte, an denen er unbeschadet seines Spiels mit Kontingenz festhalten wollte. Ästhetischer Geschmack und Moralität gehörten für ihn in eins. In einer Schrift, die Gumbrecht nicht erwähnt, hat er die traditionellen Vorstellungen der Theologen seiner Epoche kritisch zerpflückt, ist mit der Frage nach Gott selbst aber eher ausweichend und behutsam umgegangen.

Gumbrecht teilt mit seinem Freund Peter Sloterdijk die diagnostische Perspektive, aber vielleicht ist auch ihm Seelisches fremd. Am Ende, das wäre zu bedenken, geht Diagnostik selbst in die Irre, wenn sie jene Notwendigkeit und Lust an der eigenen Zutat nicht kennt, die Goethe als Wesen der Poesie dem Knaben Lenker in den Mund legen sollte („Bin die Verschwendung, bin die Poesie / Bin der Poet, der sich vollendet, / Wenn er sein eigenst Gut verschwendet“). Auch die Philosophie Martin Heideggers konnte ihre Bedeutung schließlich nur darum erlangen, weil sie in den Tiefen der abendländischen Überlieferung verankert war und der Philosoph selbst in seinem Denken mehr und mehr um einen eigenen Zugang zum Poetischen gerungen hatte.

Kurzum: wir sollten Gumbrecht für seinen Hinweis auf den Begriff der Kontingenz unbedingt dankbar sein, zugleich aber erkennen, dass man in der kalifornischen Ideenschmiede zur Gestaltung jener verheißungsvollen Schwebe offenbar nicht in der Lage ist, um die es doch uns, die wir in der ach so heiklen Mitte Europas geblieben sind, noch immer zu tun ist. Der emeritierte Stanford-Professor ist brillant, ohne Zweifel, aber bald reiht er wieder Wissensstoff an Wissensstoff, indem er etwa Vergleiche Diderots mit Lichtenberg, Mozart und Goya bemüht, in der Hoffnung, die Studierenden spürten den Mangel nicht.

Es war übrigens niemand Geringeres als Alfred Brendel, der den letzten Anstoß zu diesem Buch gab. Aus Ehrfurcht vor dem großen Vorbild will Gumbrecht bislang davor zurückgescheut haben, es tatsächlich zu schreiben. Bei einer bestimmten Gelegenheit hat der Pianist dem Autor das Kompliment gemacht, er sehe Diderot doch verblüffend ähnlich. Das war sicher sehr beflügelnd für ihn.

Wie ist sie nun geraten, die versuchte Spiegelung? Ein Wiedergänger des schönen, so herrlich vollständigen Franzosen zeigt sich da nicht. Denis Diderot allerdings, in seiner Zartheit souverän, lächelt uns gelöst vom Cover des Buchs entgegen und lädt erneut zur Lektüre seiner Schriften ein. Es gibt noch viel zu tun, und wir wenden uns jetzt wieder unserer eigenen Beschäftigung zu.

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