Papst Franziskus in diesen Tagen bei einem Friedensgebet.
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Papst Franziskus in diesen Tagen bei einem Friedensgebet.

Sachbuch

Der gute Papst und der böse Vatikan

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Zahlen oder Gerüchte: Gianluigi Nuzzi und Andreas Englisch versuchen in zwei Büchern, über die Lage von Papst Franziskus aufzuklären

Bei Gianluigi Nuzzi erfahren Sie gleich auf der zweiten Seite, dass die Güterverwaltung des Vatikan im Jahre 2018 erstmals mit Verlusten abschloss. Minus 27 Prozent beim Betriebsergebnis, minus 67 Prozent beim Finanzergebnis und minus 56 Prozent bei der Immobilienverwaltung. Dergleichen gibt es bei Andreas Englisch nicht. Der berichtet von geheimen Treffen mit geheimnisvollen Informanten. Wo Nuzzi Zahlen bringt, raunt Englisch.

Er schreibt zum Beispiel Donald Trumps Exberater Steve Bannon „soll in einem ehemaligen Kloster bei Rom ein Zentrum aufgebaut haben, um katholische Laien und Priester im Kampf gegen den Papst zu vereinen.“ Dieses „soll“ ist der Modus von Englischs Berichterstattung. Er schwelgt in der Fülle von Gerüchten, in einem Stimmengewirr, das er weniger analysiert als vielmehr verstärkt, also auch hörbarer macht.

Man sollte denken, das Kapitel über die Lobbys im Vatikan sei der Ort, an dem Englisch seine „Quellen“ auffächert, die verschiedenen Gruppierungen, die gegen Papst Franziskus arbeiten, vorstellt und uns zeigt, von wem sie finanziert werden. Weit gefehlt. In diesem Kapitel geht es in erster Linie um die durch die Digitalisierung und die sozialen Medien vorangetriebene radikale Veränderung der Berichterstattung aus dem und über den Vatikan. Noch vor wenigen Jahren war es ein kleiner Kreis von ein paar Dutzend akkreditierter Journalistinnen und Journalisten, die einander gut kannten, die weltweit das Bild bestimmten, das sich die Welt vom Vatikan machte. Das ist anders geworden. Es gibt eine verwirrende Vielfalt von Berichterstattern, die die unterschiedlichsten Interessen bedienen.

Aber Englisch bringt keine Ordnung in seinen eigenen Bericht. Er listet nicht auf. Er tut das auch nicht in dem Kapitel „Wer will dem Papst schaden?“ Dafür kommen hier ein paar der Verlustgeschäfte des Vatikan zur Sprache. Andreas Englisch erzählt die Geschichte von Gianluigi Torzi, einem süditalienischen Düngemittelhersteller, der zu einem Londoner Banker mutiert war und als solcher Geschäfte für den Vatikan tätigte. Im Juni 2020 wurde er in den Kirchenstaat einbestellt und dort verhaftet. „Torzi hatte damit die zweifelhafte Ehre, als erster Nichtpriester und Nichtangestellter des Vatikans seit Zusammenbruch des Kirchenstaates im Jahr 1870 in diesem verhaftet worden zu sein.“ Mehr steht dort nicht. Englisch ist beliebt wegen seiner klaren Sprache. In Wahrheit aber gibt er nur lautstark seine Verwirrung weiter.

Die Bücher

Andreas Englisch: Der Pakt gegen den Papst – Franziskus und seine Feinde im Vatikan, C. Bertelsmann 2020. 416 Seiten, 22 Euro. Gianluigi Nuzzi: Habgier im Vatikan – Wie die Jünger des Geldes Papst Franziskus’ Reformen sabotieren. Orell Füssli 2020. 353 Seiten, 25 Euro.

Strengkonservative Attacken

Nuzzi dagegen legt Bilanzen vor. Zahlenreihen, Namen und Termine. Also zum Beispiel: „Allein das Staatssekretariat des Vatikan verzeichnet ein Defizit von 75,7 Millionen Euro.“ Dort stehen Einnahmen von 90,2 Millionen Ausgaben von 165,9 Millionen gegenüber. Zu all dem gibt es ausführliche Tabellen, die es ermöglichen, Nuzzis Schlussfolgerungen zu überprüfen. Profitabel sind nicht etwa vor allem Grundstücksgeschäfte, Beteiligungen usw., sondern an erster Stelle Beiträge und Spenden. Sie summieren sich zu 100 Millionen Euro „und machen 40,5 Prozent der gesamten Betriebseinnahmen aus.“ Eine wichtige Rolle spielen die Beträge, die „die Bischöfe der ganzen Welt ans Hauptquartier abführen“.

Wer sich für Gerüchte interessiert, der wird bei Englisch das Gänswein-Kapitel aufschlagen. Und er wird – wie in jedem anderen Kapitel auch – auf das übergroße „Ich“ von Andreas Englisch stoßen. Ich finde es richtig, die Perspektive deutlich zu machen. Aber ich mag es nicht, wenn der Berichterstatter sich unentwegt ins Bild drängt, weil er der Auffassung ist, die Leserin und der Leser müssten sich mindestens so sehr für ihn interessieren, wie er selbst das tut. Im Gänswein-Kapitel geht es nicht um den engsten Mitarbeiter von Papst Benedikt XVI, sondern ausschließlich, aber auch das nur sehr kurz, um dessen plötzliche Erhöhung zum Erzbischof, eine der letzten Taten des bald darauf zurückgetretenen Papstes.

Englischs Buch endet mit einem Dialog zwischen ihm, dem Propagandisten des Papstes der Armen, und einem Vertreter der Franziskus-Gegner. Wie sollen die Gläubigen, an eine Kirche glauben, in der Verbrechen verübt werden wie in jeder anderen Organisation auch? Natürlich soll man gegen Verbrecher vorgehen. Aber doch nicht in aller Öffentlichkeit. Diskretion – darauf komme es an. Sonst fliehen die Menschen die Kirche. Englisch hält dagegen: Die Menschen müssten Wege zu Gott finden. Die Kirche stehe denen vielerorts im Wege. Sie müsse den Weg des Papstes Franziskus gehen und eine Kirche der Armen werden. Nur dann gewinne sie wieder an Glaubwürdigkeit.

Nuzzis Buch beginnt mit den Sätzen: „Papst Franziskus könnte mit seinem Pontifikat scheitern, weil die strategischen Angriffe strengkonservativer Katholiken überhandnehmen, es an Priestern mangelt oder die Zahl der Gläubigen zurückgeht. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass er scheitert, weil der katholischen Kirche der finanzielle Ruin jeden Tag ein wenig mehr droht.“ Es endet allerdings mit einem Anhang. Dessen zweiter Teil sich mit der Antwort des Vatikans auf die Euro-Krise beschäftigt, während der erste Teil die Lage im Vatikan mehr aus Englischs Perspektive beleuchtet. Es ist ein internes Dokument von 2014, das sich mit der Sicherheitslage im Vatikan beschäftigt. Ob die zum Teil desaströse Situation inzwischen verbessert wurde, darüber wissen wir nicht Bescheid.

Aber hier beginnt die Fantasie zu arbeiten. Alles scheint möglich. Der Nuzzi-Leser landet jetzt doch bei Andreas Englisch.

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